Italiens Märchen geht dank alter Tugenden weiter

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Italiens EM-Märchen geht weiter. Die „Squadra Azzurra“ nahm am Dienstagabend auch die Hürde Spanien und hievte sich dank alter Tugenden erstmals seit neun Jahren wieder ins Endspiel um eine bedeutende Trophäe. Roberto Mancinis Auswahl steht nun bei 33 Partien ohne Niederlage. Bis Italien eine weitere „notte magica“ beschert wurde, war es aber ein hartes Stück Arbeit. Italien kämpfte und rannte, am Ende waren Klasse und Nervenstärke für den Sieg entscheidend.

Als der offenbar vom Zeitpunkt unbeeindruckte Jorginho Italiens entscheidenden fünften Versuch seelenruhig zum 4:2 im Elferschießen über die Linie rollte, kannten die Italiener kein Halten mehr. „Wir haben gelitten, aber wir haben es nach Hause gebracht. Wir haben immer an uns geglaubt und lassen uns nicht in die Enge treiben“, sagte der gebürtige Brasilianer nach seinem Kunstelfer. Jorginho könnte wie Linksverteidiger Emerson nach dem Champions-League-Titel mit Chelsea nun auch den EM-Titel holen.

Bis es dazu kam, war Italien schwer gefordert. Erstmals im Turnier rannten die Azzurri vor allem nach. Spanien hatte deutlich mehr Ballbesitz, Giorgio Chiellini und Leonardo Bonucci waren in der Abwehr, Gianluigi Donnarumma im Tor gefordert. Befreiungsschläge waren zu sehen. „Das war die härteste Partie, die ich jemals gespielt habe“, sagte der 34-jährige Bonucci, der mit Juventus Turin schon einige wichtige Spiele absolviert hat. „Ich gratuliere Spanien, aber einmal mehr hat Italien Herz gezeigt, Entschlossenheit und den Willen, schwierige Momente zu überstehen“, so Bonucci.

Zur Belohnung wartet am Sonntag erneut im Wembley das Endspiel gegen England oder Dänemark. „Es ist noch ein letzter Zentimeter zu gehen. Es ist unglaublich, was wir geschafft haben“, sagte Bonucci. Der Verteidiger sprach den bisher letzten EM-Titel 1968 an - den einzigen des vierfachen Weltmeisters bisher. 2012 war Italien im Finale deutlich an Spanien gescheitert. „Wir müssen bereit sein, diese Trophäe, die uns seit 50 Jahren fehlt, nun heim zu holen.“ Der Unterstützung von den Rängen darf sich die Squadra in London dank vieler Auslands-Italiener sicher sein. Diese waren am Dienstagabend bereits zu Tausenden in der Arena vertreten.

Auch Roberto Mancini musste zugeben, dass gegen Spanien für sein Team eine Portion Glück notwendig war. Italiens Trainer konnte nicht auf sein bisher bewährtes Rezept vertrauen. Das Pressing lief gegen die ballsicheren Spanier ins Leere. Gefährlich waren die Italiener vor allem, wenn sie einen spanischen Angriff abgefangen konnten. „Es war ein hartes Spiel, wir haben gelitten. Spiele laufen nicht immer so leicht wie bisher“, urteilte der 56-Jährige.

Auf die Bemerkung, sein Team habe vor allem dank alter defensiver Tugenden gewonnen, reagierte Mancini im italienischen TV-Sender „Rai“ aber unwirsch. „Mir gefallen diese Vereinfachungen nicht. Ein Fußballspiel besteht nie nur aus Verteidigen oder nur aus Angreifen. Es braucht immer beides“, sagte er. Mit einer Energieleistung rettete sich seine Elf trotz des Führungstores durch Federico Chiesa (60.) nach einem schnell gespielten Konter in die Verlängerung. Alvaro Morata (80.) traf verdientermaßen für Spanien.

Im Elferschießen vergab zunächst Manuel Locatelli, ehe Spaniens Dani Olmo in die Wolken schoss und Donnarumma Moratas schwachen Versuch parierte. Die Italiener genossen den Triumph. „In einem solchen Spiel 60 Millionen Italiener zu repräsentieren war ein undenkbarer Traum, den ich nie für möglich gehalten hätte“, sagte der schon im Achtelfinale beim 2:1 n.V. gegen Österreich erfolgreiche Chiesa. Beim Jubeln auch dabei war ein Trikot des verletzten Leonardo Spinazzola, der sich im Viertelfinale gegen Belgien die Achillessehne riss.

Die außergewöhnliche Geschichte dieser Mannschaft, die noch vor drei Jahren nach der verpassten WM 2018 am Tiefpunkt war, soll nicht mit einer Final-Niederlage enden. „Ein azurblaues Märchen ohne Ende“, schrieb die „Gazzetta dello Sport“ bereits. Der „Corriere dello Sport“ wusste jedoch, dass auch ein wenig Beistand von oben nötig war und schrieb: „Dio e‘ Italiano“ („Gott ist Italiener“). Im Finale wird Italien seinen neuen, offensiven Stil wohl wieder stärker durchbringen können. Dafür gibt es irdische Gründe: Der Gegner heißt nicht mehr Spanien.


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