KZ-Überlebende Esther Bejarano gestorben

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Sie überlebte den Holocaust, weil sie im Mädchenorchester von Auschwitz spielte. Jetzt ist Esther Bejarano im Alter von 96 Jahren in ihrer Wahlheimat Hamburg gestorben. Das bestätigte Helga Obens vom Vorstand des Auschwitz Komitees am Samstag der dpa. Sie sei am frühen Morgen friedlich im Israelitischen Krankenhaus eingeschlafen. Bejarano engagierte sich über Jahrzehnte gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt.

Der deutsche Außenminister Heiko Maas würdigte Bejarano am Samstag auf Twitter als „wichtige Stimme im Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus“. In seinem Post schrieb er weiter: „Die wundervolle Esther Bejarano überzeugte mit ihrer Lebenskraft und unglaublichen Geschichte. Ihre Stimme wird uns fehlen“.

Christoph Heubner, Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz Komitees, nannte Bejarano „eine der legendärsten Zeitzeuginnen von Auschwitz geworden, denen die Überlebenden von Auschwitz zutiefst dankbar sind“. Auschwitz-Überlebende in aller Welt beklagten den Tod „ihrer wunderbaren Freundin, Leidensgenossin und Weggefährtin“, so Heubner in einer Aussendung am Samstag: „Das, was sie im Lager gesehen hatte, trieb sie ihr ganzes Leben immer wieder zu den Menschen hin: In ihren späteren Jahren fand sie vielfältige künstlerische Wege, von diesem Ort des Todes zu erzählen und die, die dort ermordet worden waren vor dem Vergessen zu bewahren.“

Bejaranos „Gabe, Menschen für die Bewahrung der Erinnerung zu gewinnen war ebenso legendär wie ihr Zorn über die Dummheit des Rechtsextremismus und den überall hervorbrechenden Antisemitismus“ schrieb Heubner. Hass sei jedoch nie eine Option für Bejaraono gewesen: „Sie vertraute auf das Leben und auf ihre Mitmenschen - trotz ihres Zorns und ihres realistischen Blicks auf die Welt.“ Besonders junge Menschen seien stets „fasziniert und herausgefordert“ gewesen „von dem Mut dieser kleinen großen Persönlichkeit, die sie bat, Verantwortung für sich selbst und ihre Zukunft zu übernehmen“. Mit Esthers Bejaranos Tod sei „die Welt ein Stück dunkler geworden, obwohl uns gerade dieser eine Mensch soviel Licht geschenkt hat“.

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Bejarano engagierte sich Jahrzehnte lang gegen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit, wofür sie zahlreiche Auszeichnungen erhielt. Zusammen mit ihrem Sohn Joram und ihrer Tochter Edna sang sie jüdische und antifaschistische Lieder, zuletzt tourten sie mit der Kölner Hip-Hop-Band Microphone Mafia durch Deutschland.

Geboren wurde Esther Bejarano am 15. Dezember 1924 in Saarlouis als Tochter eines jüdischen Oberkantors. Ihre Eltern wurden 1941 von den Nazis in Litauen umgebracht, sie selbst musste in einem Lager Zwangsarbeit leisten, bevor sie Anfang 1943 ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert wurde. Dort überlebte sie nur, weil sie im Mädchenorchester des Lagers Akkordeon spielte. Nach dem Krieg wanderte die junge Frau nach Israel aus, kehrte 1960 jedoch mit ihrem Ehemann nach Deutschland zurück.

Zusammen mit Tochter Edna und Sohn Joram gründete Esther Bejarano Anfang der 1980er Jahre die Gruppe Coincidence mit Liedern aus dem Ghetto und jüdischen sowie antifaschistischen Liedern. Für ihr künstlerisches Engagement erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, darunter die Biermann-Ratjen-Medaille der Stadt Hamburg, die Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga für Menschenrechte und das Bundesverdienstkreuz.


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