Sexismus und Sozialkritik im Wettbewerb um die Goldene Palme

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Mehr denn je hat sich das Filmfestival in Cannes heuer der Diversität verschrieben - nicht jener der Geschlechter, der Provenienzen oder der Klassen, sondern jener der Geschmäcker. Nirgendwo sonst könnte ein sexistisches Machwerk wie „Benedetta“ von Paul Verhoeven neben einem sozialkritischen Drama wie „La Fracture“ von Catherine Corsini stehen als im Wettbewerb um die Goldene Palme. Dort treffen auch Stars wie Sean Penn und No-Names wie der Finne Juho Kuosmanen aufeinander.

Mit diesem Vergleich tut man freilich dem 1979 geborenen finnischen Regisseur und Drehbauchautor Unrecht. Bereits sein Abschlussfilm wurde in Cannes prämiert (in der Reihe Cinéfondation), und auch sein Film „The Happiest Day in the Life of Olli Mäki“ hat hier vor fünf Jahren einen Preis gewonnen (in der Reihe Un Certain Regard, in der heuer der Tiroler Sebastian Meise und der Austro-Chinese C.B. Yi antreten). Ob sein neuer Streifen „Abteil 6“ ihm nun auch einen Preis im Hauptwettbewerb eintragen wird, ist trotz einer enthusiastischen Kritik im „Hollywood Reporter“ fraglich: Zu ruhig und unspektakulär kommt seine Geschichte über eine Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn daher, die eine finnische Archäologin (Seidi Haarlem) und einen russischen Minenarbeiter (Yuriy Borisov) im selben Abteil zusammenführt. Erst das Ende des Films, nach der Ankunft in Murmansk, wartet mit einer Überraschung auf - da sind aber schon mehrere tausend Eisenbahnkilometer zurückgelegt.

Auch „Flag Day“ von Sean Penn, die Verfilmung eines autobiografischen Buches von Jennifer Vogel, kommt nicht sonderlich originell daher, hat allerdings den Vorteil zweier ausgezeichneter, prominenter Hauptdarsteller. Sean Penn und seine 30-jährige Tochter Dylan spielen mit viel Einsatz und Emotion ein Vater-Tochter-Drama, in dem die ihren Erzeuger anhimmelnde Tochter erst allmählich lernen muss, was ihre Mutter ihr von Anfang an sagt: „Er ist ein Lügner!“ Doch nicht nur das: Daddy ist auch ein Verbrecher. Zunächst versucht er sich mit einem Bankraub aus dunklen Geschäften mit immer größer werdenden finanziellen Verpflichtungen zu befreien, nach seiner Entlassung setzt er dann auf die Kopierbranche, wie er seiner Tochter, die sich durchgeschlagen hat und nun in ihrem Traumjob als Journalistin arbeitet, weismachen will. Was er damit wirklich meint, muss sie fassungslos in einem (zu) dick aufgetragenen Ende am Fernsehschirm eines Restaurants live mitansehen: Er wird als Geldfälscher von den Cops gejagt und jagt sich bei der Verfolgungsjagd selbst eine Kugel in den Kopf. Schon einmal hat Sean Penn aus Cannes einen Darstellerpreis mit nach Hause nehmen dürfen, 1997 für „She‘s So Lovely“ von Nick Cassavates.

„She‘s So Lovely“, das ließe sich auch über die junge Benedetta sagen. Doch sie ist Nonne, und Schönheit ist hinter Klostermauern ebenso ungern gesehen wie körperlicher Ausdruck von Liebe. Für Paul Verhoeven, den 82-jährigen Altmeister des gehobenen Sexfilms („Basic Instinct“, „Showgirls“ etc.) ist dies genug Ansporn, seiner Fantasie freien Lauf zu lassen. Bei Verhoeven heißt das freilich: Keine Andeutungen machen, die sich erst im Kopf des Zuschauers zu möglichen Bildern fügen, sondern alles und so deutlich wie möglich zeigen. Eine schöne junge Nonne, die Wundmale Christi empfangen soll? Virginie Efira muss als Braut Christi häufig zeigen, wie Gott sie schuf. Lesbische Liebe? Efira und die junge Daphné Patakia zeigen detailliert vor, was man sich laut Verhoeven darunter vorzustellen hat. Als Gipfel der mit Blasphemie-Vorwürfen kokettierenden Altherrenfantasien, die man in Zeiten von #metoo wie den Teufel selbst längst gebannt geglaubt hatte, setzt der Regisseur auf die vermeintlich ultimativ provokative Verbindung von Sexualität und katholischer Kirche - indem eine zum Dildo umgeschnitzte Madonnenstatue Schwester Benedetta zu ungeahnten fleischlichen Freuden verhilft. Dass Charlotte Rampling, die hier nach Ozons „Tout s‘est bien passé“ ihren zweiten Wettbewerbsauftritt dieses Jahres absolviert, als Äbtissin, die gemeinsam mit dem zu jeder Folter bereiten Nuntius (Lambert Wilson) die Pest ins Kloster bringt, mit geradezu furchterregender Ruhe unbeschadet diesen hoch spekulativen, ständig am Rande der Selbstparodie befindlichen Film durchschreitet, ist ihr hoch anzurechnen.

Der französische Filmstar Lea Seydoux hätte gleich vier Auftritte in Cannes gehabt, drei im Wettbewerb (in Wes Andersons „The French Dispatch“, in Bruno Dumonts „France“ und in „The Story of My Wife“ von Ildiko Enyedi) und einen in der neuen Reihe Cannes Premiere (in Arnaud Desplechins „Tromperie“). Ob es dazu kommen wird, ist derzeit fraglich: Die bereits zweimal geimpfte Schauspielerin wurde bei Dreharbeiten positiv getestet und muss nun in Paris in Quarantäne abwarten, was die weiteren Tests ergeben. Festival-Direktor Thierry Fremaux versicherte am Samstag hingegen, man habe alles unter Kontrolle: Über 3.000 Tests seien im neben dem Palais des Festivals gelegenen Testcenter bereits gemacht worden - und keiner war positiv.

Wie es in Pariser Spitälern zur Spitzenzeit der Pandemie zugegangen sein mag - davon vermittelt der Film „La Fracture“ der Französin Catherine Corsini eine Ahnung. Er spielt zwar nicht während Corona, aber zu einer anderen Zeit, die den Spitälern viele Patienten bescherte: den gewalttätigen Demonstrationen der Gillet Jaunes, der Gelbwesten. Der Filmtitel spielt auf körperliche und soziale Verwundungen gleichermaßen an, er bedeutet Bruch und Fraktur ebenso wie Kluft und Verwerfung. Und beides bekommt man zur Genüge im Laufe einer Nacht in der Notaufnahme eines Pariser Spitals mit. Zwei Patienten folgt die Regisseurin besonders genau: Eine verhaltensauffällige Zeichnerin (Valeria Bruni Tedeschi) ist nach einem Streit mit ihrer Partnerin auf der Straße gestürzt und hat sich den Arm gebrochen, ein Lastwagenfahrer aus der Provinz (Pio Marmai) ist mit seinem Kumpel extra zur Demo nach Paris gefahren, hat in der ersten Reihe der Demonstranten Polizisten provoziert und ist nun mit tiefen Schrapnellwunden im Bein eingeliefert. Beide sind voller Aggression, voller Schmerzen und voller Mitteilungsbedürfnis. Es wird eine lange Nacht, für die vielen ebenfalls auf Behandlung wartenden Patienten ebenso wie für das schwer überforderte Spitalspersonal. 48 Stunden nach ihrem letzten Nachtdienst betrat Aïssatou Diallo Sagna bei der Filmpremiere den Roten Teppich. Sie ist Pflegehelferin in einem Spital im 13. Pariser Arrondissement. Sie spielt in dem Film im Grunde bloß sich selbst. Und beeindruckt gerade damit.


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