Einspringer im „War Requiem“ der Salzburger Festspiele

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So groß die Freude über die Rückkehr zum normalen Festspielbetrieb in diesem Jahr auch sein mag, ganz lässt die Pandemie noch nicht von den Salzburger Festspielen ab. Mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra und dessen Chor hätte Dirigentin Mirga Grazinyte-Tyla am Sonntagabend die Reihe „Ouverture spirituelle“ mit Benjamin Brittens „War Requiem“ in der Felsenreitschule eröffnen sollen. Die aktuellen Rückreisebestimmungen erzwangen jedoch eine spontane Umbesetzung.

Wie ersetzt man auf die Schnelle ein über 200 Personen starkes Orchester mit Chor? Dies ist vor allem der guten Vernetzung der Salzburger Festspiele geschuldet. Mit der Absage des City of Birmingham Symphony Orchestra konnten die Festspiele vor knapp einer Woche auch schon die Neubesetzung verkünden. Kurzerhand hatten sich 91 Musiker des Gustav Mahler Jugendorchesters aus ganz Europa bereit erklärt nach Salzburg zu reisen und sich mit 13 Mitgliedern des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien zu einem neuen Orchester zu formatieren. Dank Urlaubsabsagen vieler Mitglieder des Wiener Singvereins konnte auch der große Chor mit über 100 Sängerinnen und Sängern zusammengestellt werden.

So bewundernswert die Spontanität dieses bunten Musiker- und Sängerstraußes auch sein mag, so hörbar war sie auch. Brittens „War Requiem“ ist nicht nur für die Ausführenden ein Gewaltakt, sondern mit 90 Minuten, in denen im Jahr 1962 uraufgeführten Werk die unterschiedlichsten Klangsphären und Einflüsse aufeinanderprallen, auch für das Publikum keine leichte Kost, die besonderer Führung zur Erhaltung der Aufmerksamkeit bedarf. Das City of Birmingham Symphony Orchestra ist, nicht nur aufgrund seiner geografischen Nähe, mehr als sattelfest was Brittens Werke betrifft. Jüngste Einspielungen seiner Musik des Orchesters unter der Leitung von Chefdirigentin Mirga Grazinyte-Tyla beweisen dies eindrucksvoll.

Mit gerade zu unermüdlichem Einsatz manövrierte die ehemalige Musikdirektorin des Salzburger Landestheaters Orchester und Chor durch die teils unwegsame und von Brittens eigenen Kriegserfahrungen gezeichnete Partitur. Doch die Funken, die sie bei der Feuerung ihrer Dirigats-Salven sprühte, sprangen nur selten über. Da fehlte es aufgrund der Kurzfristigkeit offensichtlich am gegenseitigen Vertrauen zwischen Orchester und Chor, der vor allem in den leisen Passagen an Spannung einbüßte. Auch den Solisten um Sopranistin Elena Stikhina, Tenor Allan Clayton und Bariton Florian Boesch nahm das die Leichtigkeit ihrer technisch perfekten Umsetzung.

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Die Konzertreihe „Ouverture spirituelle“ steht in diesem Jahr unter dem großen Thema Frieden. Diesen wahrten die Ausführenden in den gut eineinhalb Stunden Konzert musikalisch ein bisschen zu sehr. Trotzdem spendete das Publikum großen Applaus und Jubel, verdient hat das vor allem die uneingeschränkte Bereitschaft aller Beteiligten zur Rettung des Konzertabends.


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