Neues Berliner Humboldt Forum ist „Offen für alles“

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Mit gleich sechs Ausstellungen eröffnet morgen, Dienstag, unter dem Titel „Endlich offen“ das Humboldt Forum im wieder aufgebauten Berliner Schloss seine Innenräume. Gleich im Eingangsfoyer informieren „Einblicke“ unter Zuhilfenahme einer Zeittafel über die beiden Namensgeber, das wissenschaftliche Brüderpaar Wilhelm und Alexander von Humboldt: Wilhelm lernt Yoga kennen, Alexander besteigt den Chimborasso.

Tafeln in den Fenstern des Foyers erzählen über die zwei Universalgelehrten, an deren weitem Blick sich das Selbstverständnis des neuen Hauses orientieren möchte. Man bleibt stets politisch korrekt: Alexander von Humboldt sei „nie frei vom europäischen Wertedenken, in dem die eigene Kultur immer die überlegene bleibt“, heißt es im Begleittext.

Ähnlich besorgte Hinweise finden sich auch in der flächenmäßig größten Ausstellung, „Berlin Global“ des Berlinmuseums im ersten Stock: „Warnung: Der Film enthält rassistisches Bild- und Filmmaterial“ steht auf einer Tafel vor einer Koje. Es sollen die Weltgeschichten der Stadt näher gebracht werden. Das beginnt mit einem riesigen Wandgemälde im Streetart-Stil, setzt sich fort mit großflächigen Bildern zu Berlin spezifischen Themen wie Revolution, Freizeit, Krieg und Sport. Aufrufe und Plakate stehen für die offene Stadt, heutige Grenzen werden aufgezeigt: Tourismus, Wohnen, Rollstuhlgerechtigkeit.

Ein paar Fenster nach draußen sind nicht verhängt und lassen den Ausblick auf Fernsehturm, Rotes Rathaus und Berliner Dom in der unmittelbaren Nachbarschaft des Stadtschlosses zu. Zuletzt darf das Publikum interaktiv Fragen beantworten und erhält gleich eine Auswertung oder kann mit anderen Besuchern in Diskussion treten. Nebenan ist ein Weltstudio der gemeinsamen Arbeit von Communities und Schulklassen gewidmet, die hier an Projekten arbeiten können, etwa an einem Fadenkartografen mitweben.

Einen ähnlichen Eindruck zufälliger Auswahl von Exponaten wie in der Berlin-Schau vermittelt die Ausstellung der Humboldt-Universität mit dem Titel „Nach der Natur“: Hinter der großflächigen Animation eines Fischschwarms hängen Schaukästen an kettenartigen Scherengittern von der Decke. Darin ein buntes Konglomerat an Forschungsobjekten, die unter Schlagworten wie „Sichtbarkeit“, „Zeitlichkeit“ oder „Grenzen“ zusammengefasst sind.

Die erste Ausstellung des Ethnografischen Museums heißt „schrecklich.schön. Elefant-Mensch-Elfenbein“ und läuft noch bis zum 28. November. Vom Stoßzahn eines Wollhaarmammuts bis zum Flusspferdschädel reichen die Exponate der Rohstofflieferanten. Auf der anderen Seite werden die Produkte ausgestellt: Billardkugeln, eine Berglandschaft mit tanzenden Figuren aus dem China des 28. Jahrhunderts. Dabei fehlen nicht die Hinweise auf den illegalen Handel mit Elfenbein. Von einem Video füllt das dröhnende Atmen eines Elefanten den Raum. Letztlich symbolisiert die Elfenbeinkunst die endgültige Demütigung eines mächtigen Tieres.

Folgerichtig steht am Ende der Schau ein total demoliertes Geländefahrzeug der Vereinigung „Save the Elefants“: Ein im Rivalenkampf unterlegener Bulle hatte seinen Zorn am Auto der Wissenschafter abgelassen.

In allen Ausstellungen gehen Exponate auch auf die jüngsten Besucher ein. Den Kindern zwischen 3 und 10 Jahren ist sogar eine der sechs Ausstellungen gewidmet: „Nimm Platz“ heißt sie. „Es ist eine Live-Willkommensausstellung“, sagt Maria Prantl im Gespräch mit der APA. Sie ist eine der beiden Kuratorinnen der Berliner Kinderschau. Gemeinsam mit Lisa Noggler bildet sie das österreichische Kuratorinnen-Team „Die Ausstellungsmacherinnen“, das das Auswahlverfahren für „Nimm Platz“ für sich entscheiden konnte. Die Schau für die Jüngsten läuft ein Jahr.

„Wir bieten Platz“, sagt Prantl. „Sie sollen ihn sich auch nehmen. Gerade für die Kleineren gibt es in Berlin sonst nicht gar so viel.“ Der rote Faden seien Sitzmöbel, die Ausstellung auf das Humboldt-Forum zugeschnitten, sagt Prantl. „Wir haben sein Mission-Statement gelesen: Offen für alle.“ Auch Originalobjekte seien zu sehen, was sonst selten sei.

Betreten darf man den Saal nur in Socken. Der große Raum ist mit hellem Fichtenholz ausgelegt. Sitzende Buddhas und Pharaonen sind zu sehen, in einer hölzernen Sänfte lässt es sich schaukeln, in einer Art Baumhaus auf einer Matratze ausruhen. Vor einem Spiegel können verschiedene aufgezeichnete Sitzhaltungen eingenommen und auf einem Friseursessel Haartrachten aufgesetzt werden.

Quer über einen Innenhof, dessen Fassaden neu und pseudo-alt gestaltet sind, ist der Skulpturensaal zu erreichen. In dessen Mitte steht unter Glas die gläserne Wahlurne der Volkskammerwahl von 1989. Reckt man den Hals, lassen sich auf der Höhe des ersten Stocks die wahren Überreste des alten Stadtschlosses erspähen: Verwitterte Heldengestalten ohne Bein oder Arm, die vor der Sprengung des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Schlosses 1950 geborgen wurden.

Insgesamt bieten sich die Innenräume des Humboldt Forums als optimale Ausstellungskulisse dar: nüchtern-kalte Fassaden, glatte Kubaturen, ein schmuckloser Neubau, wie sie seit der Wende im Dutzend aus dem Boden gewachsen sind und das „Neue Berlin“ repräsentieren. Der Eindruck nach Besuch der sechs Ausstellungen entspricht der Unschlüssigkeit vergangener Jahre, in denen sich keine zwingende Idee fand, wofür der Schlossneubau als Gefäß dienen soll. Und so wird alles von dem weiten Begriff „Offen für alles“ umfasst.

(S E R V I C E - https://www.humboldtforum.org)


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