Blitz- und Regiespektakel bei Bregenzer „Rigoletto“-Premiere

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Die in Richtung Lochau über den Himmel huschenden Blitze waren keine raffinierten, seit der Premiere 2019 zusätzlich eingebauten Lichteffekte, sondern echt. Beinahe hat ein nahendes Gewitter der „Rigoletto“-Inszenierung von Philipp Stölzl am Donnerstag auf der Seebühne die Show gestohlen. Zu Librettozeilen wie „Das Gewitter ist nah“ und „Bald regnet es“ wäre es auch absolut passend gewesen. Doch die knapp 7.000 Besucher der Wiederaufnahme-Premiere blieben trocken.

Der „Rigoletto“ der Bregenzer Festspiele ist auch nach fast zwei Jahren coronabedingter Stehzeit ein Triumph, der von Stölzl und Heike Vollmer ersonnene, die Bühne dominierende und die Handlung ständig kommentierende 13 Meter hohe Clownskopf ein gestalterischer Geniestreich. Auch wenn etwa seine im Laufe der Oper sukzessive vorgenommene Demontage - er verliert Augen, Nase und Zähne - noch ausbaufähig wäre, um ein tatsächliches Memento mori in Gestalt eines Totenschädels zu erreichen: In punkto Ausdruckskraft, Flexibilität und Bespielbarkeit sind hier Maßstäbe gesetzt worden. Dass das Wasser diesmal weniger mitspielt als in früheren Seebühnen-Produktionen, wird durch einen kräftigen Zug himmelwärts wettgemacht: Der große Fesselballon in der linken Hand des Clowns ist als Fluchtfahrzeug und Toten-Luftschiff überaus eindrucksvoll eingesetzt.

Schön, dass es keineswegs ein Spektakel mit überwältigenden Schauwerten bleibt. Nach anfänglichen unübersichtlichen Massenszenen - Stölzl hat den Hof des Herzogs von Mantua als bunte, agile Zirkustruppe dargestellt - gelingt es der Inszenierung, auf die zentralen intimen Szenen zu fokussieren. Dass Julia Jones (erstmals dirigiert eine Frau das Spiel auf dem See) die Wiener Symphoniker hervorragend im Griff hat und an den richtigen Stellen zu dosieren versteht, ist dabei ebenso entscheidend wie die phänomenale Tonanlage, die es möglich macht, auch am See mit Arien beim Publikum anzukommen, ohne sich dabei die Seele aus dem Leib schreien zu müssen. Davon profitieren Emotion und Ausdruck gleichermaßen.

Vladimir Stoyanov überzeugt wie schon vor zwei Jahren in der Titelrolle auf ganzer Linie, diesmal sang Ekaterina Sadovnikova bei der Wiederaufnahme seine Tochter Gilda, intonationssicher auch bei den hohen Tönen in Ballon-bedingter Höhenlage, reif im Ausdruck, ohne kitschig zu wirken. Long Long als Herzog und Levente Páll als Bösewicht Sparafucile ergänzten eine Besetzung, die sich auch sonst keineswegs verstecken muss und wie stets im Lauf des Festspielsommers mehrfach wechselt. Dass „La donna è mobile“ szenisch mit ganzer Drastik als frauenfeindlich ausgestellt wird, ist eine von vielen guten Ideen, die Stölzl zu Giuseppe Verdis Oper eingefallen sind.

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Bis 22. August stehen noch 27 weitere Aufführungen an, für die insgesamt 192.000 Karten angeboten werden. 2022 sticht dann „Madame Butterfly“ in See. Eines lässt sich jetzt schon sagen: Das wird nicht einfach für Regisseur Andreas Homoki.

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