Nitschs „Walküre“ in Bayreuth wehte der Buh-Wind ins Gesicht

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Am Ende standen viele Buhs und einige Standing Ovations für Hermann Nitschs performative „Walküre“ bei den Bayreuther Festspielen. Nachdem die vor der Pandemie vorgesehene Neuinszenierung des „Ring des Nibelungen“ durch den österreichischen Jungregisseur Valentin Schwarz auf 2022 verschoben werden musste, sollte die semiszenische „Walküre“ in Deutung des legendären Aktionskünstlers die Wartezeit verkürzen. Der Farbrausch kam am Donnerstag allerdings nicht bei allen an.

Dabei hält sich der 82-jährige Aktionskünstler über weite Strecken des Abends im wahrsten Sinne im Hintergrund. In allen drei Aufzügen wird wieder beim weißen Blatt oder besser gesagt dem weißen Raum angefangen. Weiße Bühnenwände werden von seinen Akteuren von oben nach unten mit Farben übergossen, die als Rinnsale bizarre, wechselnde Formen bilden, die allerdings nicht im Selbstzweck erstarren, sondern durchaus die Stimmungsfarben der Musik in Wandfarben übersetzen. Die Flucht Siegmunds durch den gewittrigen Wald wird mit Grün und Blau untermalt, der moralinsauren Fricka werden Matsch- und Kottöne zugeordnet, und bei der blutschänderischen Vereinigung von Siegmund und Sieglinde wird alles in Warnrot getaucht.

Bisweilen erstrahlt die Rückwand der Bühne in Regenbogenfarben, die es in Ungarn mittlerweile schon schwer hätten. Und so lautet das Motto nur selten Rot und Spiele, sieht man vom schwächsten 3. Aufzug ab, in dem der Aktionsveteran unverständlicherweise die Walküren zunächst wie engelkartenlegende Hausfrauen mit Terracotta und Altrosa umspielt, bevor am Ende das klassische Nitsch-Blutrot folgt. Erst nach zweieinhalb Stunden Spielzeit macht Nitsch dann den Fehler, einen Akteur als Gekreuzigten auf die Bühne zu bringen, was das Kräfteverhältnis verändert. Die Koexistenz mit sanftem Konnex wird nun zur Konkurrenz im Kontrast. Dies scheint der Farbexzentriker jedoch selbst zu merken, und so konterkariert er die Musik lediglich ein weiteres Mal in dieser Weise, leider beim berührenden Abschied von Wotan und Brünnhilde, der von einem Monstranzträger unterlaufen wird. Und doch sah sich der mit Krücke und gestützt die Bühne am Ende erklimmende Nitsch mit einem Buhkonzert konfrontiert.

Der zweite Akteur des Abends, der sich zum Abschluss mit einer virulenten Anzahl an Unmutsäußerungen aus dem Publikum konfrontiert sah, war Pietari Inkinen als Herr des Grabens - was in Bayreuth bei Dirigenten alles andere als üblich ist. In jedem Falle ist ein semikonzertantes Projekt, bei dem notwendigerweise der Fokus verstärkt auf der Musik liegt, nicht sein bester Freund. Mit einem über weite Strecken schleppenden Dirigat stellte der Finne die Sängerinnen und Sänger vor echte Herausforderungen. Die teilweise Überprononcierung einzelner Instrumentengruppen machte deutlich, dass der 41-Jährige mit der speziellen Bayreuther Klangmischung noch nicht zurecht kommt. Die Farbschattierungen waren hier jedenfalls weit weniger nuanciert als auf den Leinwänden des Routiniers Nitsch. So machte Inkinen jedenfalls wenig Lust auf seinen Einsatz beim szenischen Schwarz-“Ring“ kommendes Jahr.

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Wesentlich überzeugender agierte da die Riege der Sängerinnen und Sänger, die in schwarzen Unisexkutten gleichsam als Hohepriester auftreten, während die Nitsch-Akteure anfangs in strahlendes Weiß gewandet sind. Bis auf wenige Ausnahmen agiert das Ensemble wenig miteinander, hält über weite Strecken coronasicheren Abstand und unterstreicht somit ebenso wie die Nitsch‘sche Symbolik den Charakter eines Bühnenweihfestspiels, eine Gravität, die ansonsten dem „Parsifal“ vorbehalten ist.

Allen voran ist es die Norwegerin Lise Davidsen als Sieglinde, die abermals ihren Status als absoluter Shootingstar im Wagner-Universum untermauert. So holte sich die 34-Jährige die verdienten Ovationen ab. Iréne Theorin, die es als Brünnhilde letztlich schwer hatte, gegen diese starke Sieglinde in puncto Bühnenpräsenz und Stimmgewalt zu bestehen, wurde indes freundlich akklamiert. Gefeiert wurde hingegen auch Christa Mayers Leistung als Fricka, die sie ungewohnt unkeifend, ja menschliche nahbar anlegte.

Bei den Herren waren es Hügel-Liebling Klaus Florian Vogt mit seinen immer noch knabenhaften, mittlerweile aber etwas dunkler schattierten Tenor der umjubelt wurde. Zumindest anständigen Applaus gab es für Staatsopern-Stammgast Tomasz Konieczny als Wotan-Einspringer für Günther Groissböck, der sein Debüt vor wenigen Tagen abgesagt hatte, der mit seinem saftigen Bassbariton somit den Abend gerettet hatte.

Dessen Bühnenbild wird von Nitsch an die Stadt Bayreuth gehen. Zuvor ist die Interpretation der „Walküre“ durch den Aktionskünstler aber noch zwei weitere Male am Grünen Hügel zu sehen. Ein 3-Tage-Spiel also.

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