Brutal lebendiges Musiktheater: „Intolleranza“ in Salzburg

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Es ist ein Schrei der Hunderten, elaborierte Musik und lebendige Szene, und doch: ein einziger, langer Schrei. Luigi Nonos „Intolleranza 1960“ ist die zweite Opernneuproduktion der heurigen Salzburger Festspiele. Regisseur Jan Lauwers bevölkert die Bühne der Felsenreitschule mit 167 Menschen - Sängerinnen, Tänzer, Techniker. Es wird gefoltert und misshandelt, die Flut und das Flüchten nehmen kein Ende. Bei der Premiere am Sonntagabend: große Erschöpfung, großer Applaus.

Luigi Nonos Musik ist suggestiv, unerbittlich und hochdramatisch, ist Anklage und Jury in einem, Schule des Hörens und akustischer Frontalangriff. Ingo Metzmacher und die Wiener Philharmoniker bringen die nur sehr selten gespielte Partitur in einer klirrenden Klarheit und klanglichen Qualität dar, die Festspielcharakter im besten Sinne hat. Auch das Sängerensemble rund um Sean Panikkar als Emigrant und Sarah Maria Sun als seine Gefährtin sowie der szenisch über alle Maßen beanspruchte Staatsopernchor haben sich Nonos Klangwelt in durchdringender Weise verschrieben. In Lauwers‘ gewaltigem Ensemble sind sie freilich kaum auseinanderzuhalten, bilden die Singenden mit den Tanzenden von Bodhi-Project und SEAD eine heterogene Einheit, ein menschheitliches Kollektiv, immer in Bewegung, zumeist auf der Flucht, Opfer und Täter, Staatsgewalt und stumme Masse.

Es ist die Qualität der Musik und der wild-lebendigen szenischen Umsetzung, die den Abend durchwegs davor bewahrt, künstlerisch profanem Polit-Aktivismus oder plump provokanter Schock-Ästhetik anheimzufallen. Mit Nonos Leidenschaft für die engagierte Kunst, seinem herausgebrüllten Bekenntnis für ein Theater, das wirksam sein muss, geht Lauwers bei aller Gewalt und Körperlichkeit behutsam um. Findet eine Bildsprache, die aus echten, empathiefähigen Menschen gemacht ist, und erfüllt damit seine Eigendefinition als „Porträtist“.

Die Dringlichkeit, die Heutigkeit von „Intolleranza“ bedarf keines weiteren Fingerzeigs. Flutkatastrophen und Fluchtbewegungen füllen unseren täglichen Diskurs, während der Premiere stehen die Taliban vor der Machtübernahme, geraten Schlauchboote in Seenot, toben Gewitter, die angstvolle Prognosen in sich tragen. Die Frage, ob uns das etwas angeht, stellt sich nicht mehr. Jan Lauwers hat das Libretto um einen blinden Poeten ergänzt und ihm einen Monolog angedichtet, der das Publikum bissig herausfordert. Schallendem Gelächter gegenüber erzählt der Poet von Menschen, die Geschichten über Geschichten hören wollen, aber nicht die Wahrheit. „Intolleranza“ ist zugleich unbequeme Poesie, verzweifeltes Plädoyer und düstere Prophezeiung.

Einen Skandal samt Störaktionen von rechten Aktivisten, wie ihn „Intolleranza“ bei seiner Uraufführung 1961 in Venedig ausgelöst hat, wird das Stück 60 Jahre später nicht mehr entfachen. Die Unselbstverständlichkeit der Menschenwürde ist trauriger Konsens geworden. Dennoch ist die Produktion in ihrer Brutalität, ihrer physischen An- und Übergriffigkeit auf Seh- und Hörorgane für ein Klassikfestival vom elitären Zuschnitt der Salzburger Festspiele ein Risiko - auch ein Widerspruch, den man erst einmal aushalten muss. Den auszuhalten sich lohnt. Viel Applaus und wenige, schnell verstummte Buhrufe für einen großen Opernabend.

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