Sieben Schritte für die Ewigkeit: Djokovic will Grand Slam

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Vor einem Jahr hat Dominic Thiem die Gunst der Stunde genutzt: In Abwesenheit von Roger Federer und Rafael Nadal sowie nach Disqualifikation von Novak Djokovic nach einem Zwischenfall im Achtelfinale holte sich der Niederösterreicher seinen ersten Grand-Slam-Titel bei den US Open. Ein Jahr später muss Thiem verletzt zuschauen - und Djokovic will in sieben Schritten seinen Platz in der Tennis-Geschichte einzementieren. Holt er den Titel, dann hat er den „Grand Slam“ geschafft.

Denn Djokovic hat der Reihe nach bei den Australian Open, den French Open und zuletzt in Wimbledon auf Major-Niveau triumphiert. Damit hat er die Chance, als erster männlicher Spieler seit Rod Laver vor 52 Jahren den „Grand Slam“, also den Triumph bei allen vier Majors innerhalb eines Kalenderjahres, zu schaffen. Bei den Frauen ist das zuletzt der Deutschen Steffi Graf 1988 gelungen. Insgesamt haben es fünf Protagonisten geschafft: Don Budge (USA/1938), Rod Laver (AUS/1962, 1969) bzw. bei den Frauen Maureen Connolly (USA/1953), Margaret Court (AUS/1970) und eben Graf.

„Also, wenn Novak Djokovic jetzt nicht Favorit ist bei dem Turnier, wer soll es denn sein?“, sagte Deutschlands Tennis-Legende Boris Becker, der Djokovic einst trainiert hatte: „Djokovic ist mein Topfavorit, an zweiter Stelle kommt Zverev, Medwedew an drei und Tsitsipas an vier, was die Favoritenrolle angeht.“

Damit kann man sehr einverstanden sein: Zverev liegt im Ranking zwar hinter den beiden anderen Erwähnten, surft aber nach seinem Olympiasieg und nun dem Titel beim Masters-1000-Turnier in Cincinnati auf einer Erfolgswelle. Zudem ist Zverev nach seiner Final-Niederlage gegen Thiem vor einem Jahr besonders heiß auf den Titel im Scheinwerferlicht von Flushing Meadows.

Becker attestierte Zverev kürzlich „einen Riesenschritt nach vorne“ und fügte hinzu: „Langsam rutscht er wirklich in die Rolle eines sehr großen Spielers, eines Champions“, lobte Becker im Eurosport-Podcast „Das Gelbe vom Ei“.

„Ich habe während der US Open immer noch mein Spiel gesucht. Ich war nahe am Sieg“, erinnerte sich Zverev selbst. „Aber ich freue mich darauf, was heuer noch kommt. Ich weiß, wo ich stehe und wie ich spiele. Ich hoffe, ich kann in New York noch besser spielen.“ Auch er weiß, dass der „Djoker“ der Favorit ist. „Ich glaube, dass er dort unglaubliches Tennis spielen wird und er wird frisch sein.“

Djokovic hat nach der Olympia-Enttäuschung eine Erholungspause eingelegt und auf die Vorbereitungsturniere in den USA verzichtet. Mit acht Titeln in den vergangenen zwölf Grand-Slam-Turnieren kommt er aber unabhängig davon mit großem Selbstvertrauen nach New York. Holt er den Titel, dann hat er auch den 21. auf Major-Level und damit auch Federer und Nadal hinter sich gelassen.

Bei den Damen ist die Rekordjagd hingegen schon vor Beginn abgeblasen: Serena Williams hat mit bald 40 nun wohl nur noch marginale Chancen, die Bestmark von Margaret Court (24 Major-Titel) mit einem weiteren Triumph noch zu egalisieren. Jedenfalls musste die US-Amerikanerin für ihr Heim-Major wegen einer immer noch nicht ausgeheilten Oberschenkelverletzung (sie war deshalb in Wimbledon gleich zum Auftakt ausgeschieden) absagen.

Topfavoritinnen sind nun die Australiern Ashleigh Barty sowie die japanische Titelverteidigerin Naomi Osaka. Unter den Abwesenden ist auch Williams‘ Schwester Venus sowie deren Landsfrau Sofia Kenin, die wegen einer Corona-Erkrankung ausfällt. Die Weltranglisten-Fünfte hat 2020 die Australian Open gewonnen und bei den French Open erst im Endspiel verloren. Vielleicht ist aber auch die Stunde der Aryna Sabalenka aus Belarus gekommen: Die Nummer zwei der Welt stand zuletzt in Wimbledon im Halbfinale.

Besonders erfreulich für die Spieler, die vor einem Jahr ein „Geister-Grand-Slam-Turnier“ spielen mussten: Auf der Riesenanlage im Corona Park um New Yorker Stadtteil Queens darf wieder die volle Zuschauerkapazität dabei sein. Es ist das erste Major seit den Australian Open 2020, das wieder ohne Zuschauereinschränkungen stattfinden kann.

Ob auch ein Österreicher im Einzel-Hauptfeld dabei sein wird, ist hingegen fraglich. Der am Handgelenk verletzte und erst 2022 auf die Tour zurückkehrende Thiem fehlt ebenso sowie Jung-Papa Dennis Novak (verzichtete auf New York). Bei den Männern hat Jurij Rodionov nach zwei Qualifikations-Siegen noch die Chance auf einen Platz in der „main draw“ - sollte er ihn ergattern, wünscht er sich sicher nicht Novak Djokovic. Denn dieser spielt in Runde eins gegen einen Qualifikanten. Für Djokovic soll das erst der erste Schritt von sieben nötigen Siegen zum Triumph für die Geschichtsbücher sein.


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