Grazer Intendantin Laufenberg möchte „Denkmuster aufbrechen“

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Die Grazer Schauspiel-Intendantin Iris Laufenberg möchte mit viel Schwung in die neue Saison gehen und die vielfältigen Gesellschaftsdebatten in den Blick nehmen. Mit der APA sprach sie über schwierige Entscheidungen bezüglich des Spielplans, den Coronamaßnahmen für das Publikum, Genderdiskussion und die Förderung von Frauen im Kulturbetrieb.

APA: Sie haben nun zwei coronabeeinträchtigte Saisonen hinter sich, in denen ein Spielbetrieb nur eingeschränkt möglich war. Mit welchen Gefühlen gehen Sie in die neue Saison?

Laufenberg: Kurz gesagt mit Freude, Elan und vielen Ideen. Nach einem kontaktarmen Jahr freut sich das gesamte Haus darauf, wieder regelmäßig Publikum begrüßen zu dürfen. Die fünf Wochen von der Wiedereröffnung am 19. Mai bis zur Sommerpause haben gezeigt, dass großes Interesse an Livetheater besteht. Diesen Schwung, den wir im Finale einer ungewöhnlichen Saison aufgebaut haben, wollen wir in die neue Spielzeit mitnehmen. Ich freue mich darauf, dem Publikum Produktionen zeigen zu können, die schon länger auf ihre Premiere warten, neue Stücke auf die Bühne bringen zu können und gemeinsam unsere Erfahrungen des Ausnahmezustands der letzten eineinhalb Jahre reflektieren zu können und gleichzeitig nach vorne zu schauen und die vielfältigen Debatten der Gesellschaft in den Blick zu nehmen.

APA: Konnten Sie alle Produktionen verschieben oder mussten einige auch entfallen? Wie gehen die Schauspielerinnen und Schauspielerinnen damit um, dass sie möglicherweise umsonst geprobt haben?

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Laufenberg: Es war und ist meinem Team und mir sehr wichtig, dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das Ensemble und die Regieteams verstehen oder wenigstens nachvollziehen können, warum wir welche Entscheidungen zum Spielplan getroffen haben. Da waren viele Gespräche notwendig. Es gab auch einige wenige schmerzhafte Entscheidungen, die aufgrund der Situation notwendig waren, aber im Großen und Ganzen kam und kommt alles Geprobte auch zur Premiere. „Umsonst“ ist mit Sicherheit nicht geprobt worden, aber die Pandemie hat eine ständige Flexibilität in der Planung verlangt.

APA: Sie haben während der Lockdowns ein großes digitales Angebot zur Verfügung gestellt, angefangen von den Produktionen mit Virtual-Reality-Brille über Kurzfilme bis zu ganzen Aufführungen, die abrufbar waren. Wird das bleiben?

Laufenberg: Unser digitales Angebot wurde weit über die Grenzen von Graz und sogar Österreich hinaus angenommen. Dazu zählte auch der österreich- und deutschlandweite Versand von VR-Brillen mit den 360-Grad-Filmen „Krasnojarsk“ und „Der Bau“. Die Resonanz und die Begeisterung von Presse und Publikum waren sehr groß. Dass im Moment das Verlangen unseres Publikums nach analogem Spielen auf der Bühne größer ist als nach dem Digitalen, ist mehr als nachvollziehbar, da das Liveerlebnis und das soziale Ereignis einer Aufführung unersetzlich sind. Dennoch möchten wir unsere Beschäftigung mit digitalen Formen von Theater - und zwar jenseits einer Auffassung von diesen als Ersatz für analoges Theater - fortsetzen, da sie uns neue künstlerische Möglichkeiten und Perspektiven und auch andere Reichweiten eröffnen können.

APA: Wie sind Sie auf die neue Spielzeit in Bezug auf Coronaschutzmaßnahmen vorbereitet? Wie sehen Sie eine 1-G-Regel für das Publikum?

Laufenberg: Aus heutiger Sicht müssen wir davon ausgehen, dass es bis Mitte September neue Verordnungen vonseiten der Bundesregierung geben wird. Wir werden die Maßnahmen dann gegebenenfalls adaptieren und der aktuellen Situation entsprechend anpassen, wie wir es auch in den vergangenen Monaten gemacht haben. Ich denke - und das hat sich auch bei unseren Vorstellungen nach der Wiedereröffnung im Mai gezeigt - dass die 3-G-Regelung für Theater gut funktioniert, also sehe ich keinen Grund, Menschen ohne Impfung von Kulturveranstaltungen auszuschließen.

APA: In einigen deutschen Theatern hat es durch die ausgefallenen Vorstellungen und die Kurzarbeit bzw. die Nichtbeschäftigung von Künstlerinnen und Künstler Überschüsse im Budget - zum Teil in Millionenhöhe - gegeben. Wie sieht die finanzielle Situation im Schauspielhaus aus?

Laufenberg: In unserem Fall kam es zu keinen großen Budgetüberschüssen, weil wir unseren vertraglichen Verpflichtungen den Künstlerinnen und Künstlern gegenüber nachkommen mussten und auch wollten. Außerdem haben wir auch während der Lockdowns fortlaufend geprobt.

APA: Wie nützlich für eine Genderdiskussion ist es ihrer Meinung nach, männliche Rollen mit Frauen zu besetzen und umgekehrt? Kann das die Blickweise des Publikums ändern?

Laufenberg: Mich persönlich langweilen Rollenstereotypen und deren Reproduktion. Im Theater sollten meiner Meinung nach daher alle Schauspieler und Schauspielerinnen alle Rollen spielen können. Überraschende Setzungen eröffnen im Dienst eines Erkenntnisgewinnes oder einer möglichen Irritation im Publikum auch neue Perspektiven auf die Geschlechterthematik und verinnerlichte Denkmuster. Diese Denkmuster aufzubrechen sehe ich als Aufgabe und auch als eine Möglichkeit des Theaters an.

APA: Sollten Frauen im Kulturbetrieb stärker gefördert werden?

Laufenberg: Was die konkrete Förderung von Frauen im Kulturbetrieb angeht, passiert im Moment sehr viel, und zwar auch von unten nach oben. So wie Männer dies schon seit langer Zeit tun, bilden auch Frauen immer stärkere Netzwerke aus, unterstützen sich gegenseitig und helfen einander in Positionen, in denen sie mehr Möglichkeiten zur Mitgestaltung haben. Ich halte es für wenig zielführend, sich auf Solidaritätsbekundungen zu verlassen. Die Sache selbst in die Hand zu nehmen bietet meines Erachtens mehr Möglichkeiten und trägt dazu bei, die männliche Dominanz in Entscheidungspositionen aufzubrechen.

(Das Gespräch führte Karin Zehetleitner/APA)


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