Castorfs Handke-Inszenierung am Burgtheater gefeiert

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Mit großem Jubel und einigen Bravo-Rufen ist am Samstagabend nach viereinviertel Stunden die zweite Wiener Premiere von Frank Castorf innerhalb von zwei Wochen zu Ende gegangen: Nach Elfriede Jelinek im Akademietheater („Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“) hatte er sich den zweiten österreichischen Literaturnobelpreisträger Peter Handke vorgenommen. Seine Interpretation von „Zdenĕk Adamec“ war eine typische Castorf-Inszenierung: ausufernd und oft weit entfernt vom Original.

Bühnenbildner Aleksandar Denić lässt das Stück, in dem Handke an einen jungen Tschechen erinnert, der sich 18-jährig im Jahr 2003 am Prager Wenzelsplatz verbrannte und in seinem Abschiedsbrief gegen „Geld und Macht“ protestierte, die die Welt und sein Land nach der Wende uneingeschränkt regierten, rund um einen heruntergekommenen Busbahnhof spielen: Die Aufschrift „Bushaltestelle“ ist auf Tschechisch, die beiden großen Zigarettenreklametafeln werben jedoch für eine bosnische und eine serbische Zigarettenmarke. Die eigentlich zwischen Prag und Brünn gelegene Kleinstadt Humpolec, aus der Zdenĕk Adamec stammt, könnte auch am Balkan liegen oder anderswo.

Mit sieben Schauspielerinnen und Schauspielern, darunter drei, die auch in seiner Jelinek-Inszenierung mit dabei sind, breitet Castorf vor allem ausführlich die Tristesse eines Lebens an der Peripherie aus und gestaltet die ersten zwei Stunden seines Handke-Debüts abwechslungsreich und selbstironisch. Nach der Pause lässt er ausgerechnet während jener Passagen, in denen von den Beweggründen der Verzweiflungstat die Rede ist, Auszüge aus dem nach einer Atomkatastrophe spielenden tschechischen Schwarz-Weiß-Film „Ende August im Hotel Ozon“ von Jan Schmidt aus 1967 auf die wie immer vielfach im Einsatz stehende Videoleinwand projizieren. Auch mit dem Feuer spielt Castorf: Einmal geht ein Mann mit brennendem Mantel über die Bühne und wird auf der Seitenbühne von der Theater-Feuerwehr mit Feuerlöschern erwartet.

Die Aufführung dauert zwar doppelt so lang wie die Uraufführung von Friederike Heller in Salzburg und die Deutsche Erstaufführung durch Jossi Wieler in Berlin, aber bietet wohl maximal halb so viel Original-Text. Der Autor soll jedenfalls erstaunt über die Länge der Wiener Inszenierung gewesen sein und war offenbar bei der Premiere nicht anwesend. So nahmen Mehmet Atesci, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger und Florian Teichtmeister den langen Schlussapplaus erschöpft, aber glücklich nur an der Seite von Regisseur und Bühnenbildner entgegen.

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