New York im Vogel-Fieber

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Die gegenwärtige Filmkultur in New York existiert in vielerlei Hinsicht wegen Amos Vogel, der der Stadt „Filme, die man anderswo nicht sehen kann“, bot. Der in Wien geborene Vogel wäre heuer 100 Jahre alt geworden. Ihm zu Ehren zeigt das New York Film Festival, das von 24. September bis 10. Oktober zum 59. Mal stattfindet, eine Hommage, die sich diesen Herbst dann auf die ganze Stadt ausweitet.

Filmfestivals sind so gut oder schlecht, so banal oder außergewöhnlich, wie man sich entscheidet, sie zu machen. Die einen Kuratoren buchen konsequent etwaige Oscaranwärter und holen sich Hollywoodstars ins Haus. Die anderen konzentrieren sich auf jene Filme, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Andere glauben an die Idee, dass ein Hollywoodfilm neben dem besten Arthousekino bestehen kann.

Für Vogel, der im Jahr 2012 im Alter von 91 Jahren friedlich in seiner Wohnung am Washington Square Park starb, war das Zusammenstellen eines Filmprogramms eine Kunst für sich. Der amerikanische Ur-Kritiker Kurt Brokaw covert das Festival seit 59 Jahren, seit seinem Bestehen. „Amos war ein echter Champion für unabhängiges Kino“, sagt er der APA in der Warteschlange für die nächste Pressevorführung.

In einer noch nie da gewesenen Zusammenarbeit werden Programmkinos in ganz New York City, darunter Anthology Film Archives, Film Forum, Metrograph, MoMA und das Museum of the Moving Image, nun an einer Feier des Kurators und Andersdenkenden teilnehmen und zahlreiche Kapitel aus Vogels Karriere hervorheben, wie zum Beispiel seine Jahre bei Cinema 16, seinem Filmavantgarde-Club, seine Arbeit als Mitbegründer des New York Film Festivals, seine Zeit als Filmberater bei Grove Press oder sein Kultbuch „Film as a Subversive Art „, das lange vergriffen war und in Kürze von Film Desk Books neu aufgelegt wird.

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Während sich die Viennale dazu entschlossen hat, in ihrer ebenfalls für heuer angesetzten Retrospektive weder eines der von Vogel zusammengestellten Filmprogramme nachzustellen, noch die Filme, über die er geschrieben hat, zu zeigen, macht das New York Film Festival genau das. Ein Programm vom Mai 1950 stellt zum Beispiel John Hustons „The Battle of San Pietro“ neben drei Kurzfilme von Experimentalfilmer Oskar Fischinger, neben „The Lead Shoes“, eine „surrealistische Erkundung zweier Balladen, die im Jam-Session-Stil vermischt und mit einer Boogie-Woogie-Partitur verwoben sind“, so das bunte Programm. Das Metrograph Kino zeigt eine Reihe von Filmen, die in Form und Inhalt subversiv sind, zum Beispiel Nagisa Ōshimas Diary of a Shinjuku Thief aus dem Jahr 1968. Kaum jemand wird davon gehört haben. Vogel hätte das vermutlich gefallen.

Die Hommage beginnt beim New York Film Festival (NYFF), das Vogel gemeinsam mit Richard Roud im Jahr 1963 gründete, eine Veranstaltung „deren Geburt im Jahr 1963 den Höhepunkt des Filmsnobismus in Amerika darstellte“, so drückte es die New York Times aus. Eröffnet wurde damals mit Luis Buñuels surrealistischem Klassiker „Der Würgeengel“. Buñuel, Agnes Varda, Yasujiro Ozu, Roman Polanski, Werner Herzog und Jonas Mekas waren nur einige der Filmemacher, die Vogel den New Yorkern vorstellte. Die meisten Menschen dachten bei Kino nicht an Kunst. Vogel wollte das ändern.

Das NYFF avancierte zu einem Hafen für Filme aus Europa und Asien, und das ist es immer noch, von Paul Verhoevens „Benedetta“ bis Ryûsuke Hamaguchis „Drive My Car“, aber heute wird ein guter Teil Premieren renommierter Hollywoodproduktionen gewidmet (heuer wird mit Joel Coens „The Tragedy of Macbeth“ eröffnet), einer Vorstellung der sich Amos Vogel entschieden widersetzte. Er hatte eine klar definierte politische Absicht: den Kräften Hollywoods entgegenwirken.

Als ein in Österreich geborener Jude, der 17 Jahre alt war, als seine Familie nach Amerika floh, verliebte sich Vogel in New York und entwickelte eine Leidenschaft für Avantgardekino. Er wollte politische, experimentelle und Dokumentarfilme sehen, und weil es die auf den Kinoleinwänden von New York nicht gab, gründete er im Jahr 1947 gemeinsam mit seiner Ehefrau Marcia schließlich Cinema 16. Die nach dem 16-Millimeter-Filmformat benannte Organisation sollte die bedeutendste Filmgesellschaft ihrer Zeit werden. In den 1950er Jahren hatten sich 7.000 abenteuerlustige Cineasten angeschlossen.

Inspiriert vom dialektischen Zusammenprall von Einsensteins Montage, stellte Vogel Avantgardekurzfilme neben einen Dokumentarfilm über das Sexleben von Affen oder eine wissenschaftliche Studie neben einen politischen Propagandafilm. Als er von dem Nazipropagandafilm „Der ewige Jude“ Wind bekam, einer obszön antisemitischen Hetzrede, bestand er natürlich darauf, ihn zu zeigen. Cinema 16 wuchs in einer Zeit des Konservatismus in diesem Land und untergrub die Erwartungen eines Publikums, das populäre Filme kultiviert hatte. Das war alles noch, bevor es den Discovery Channel gab. Und bevor der große Jonas Mekas das gründete, was er „The New American Cinema“ nannte. In vielerlei Hinsicht hat ihm Amos Vogel den Weg geebnet.

Fünf Jahre nach seiner Gründung, im Jahr 1968, verließ Vogel das New York Film Festival, weil er der Meinung war, dass seine Vision kompromittiert worden sei. „Die Kommerzialisierung von Kunst und Unterhaltung ist ein negativer Faktor für die menschliche Entwicklung“, sagte er 2004 in einem Dokumentarfilm von Paul Cronin, „Film as a subversive art: Amos Vogel and Cinema 16“. Damit lag er vielleicht gar nicht so falsch. Für alle, die eine Erinnerung daran brauchen, wer Amos Vogel war, ist die beste Einführung dieser Film und Cronins Buch „Be Sand, Not Oil“, herausgegeben vom Österreichischen Filmmuseum. „Kein Zweifel“, sagte Martin Scorsese zum Tod von Vogel: „Der Mann war ein Riese“.


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