Ines Doujak verwandelt die Kunsthalle in ein Schneckenhaus

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Sie verbindet die Kritik am globalen Handel mit der Entlarvung sozialer Ungleichheiten, die Infragestellung des Körpers und seiner Grenzen mit der Reflexion über Pandemien - und das alles cool, bunt und grell: Ines Doujak. Der gebürtigen Klagenfurterin ist nun in der Kunsthalle Wien eine mysteriös mit „Geistervölker“ betitelte Retrospektive gewidmet, die anhand ausgewählter Arbeiten die erstaunliche Vielfalt der Zugänge im Oeuvre der Künstlerin unterstreicht. Und deren Humor.

Denn Doujak weiß das, was bei so manchem Kollegen oder mancher Kollegin bemüht politisch und verkrampft moralinsauer daherkommt, in eine künstlerische Sprache zu gießen, die einlädt. Sie verführt mit poppiger Verpackung, die damit gleichsam die Verkaufsstrategien einer Warenwelt verwendet und desavouiert.

Kreischendgelbe Sitzmöbel mit Fliegen bedruckt und ein ebenso bunter Vorhang, auf dem fotografierte Nacktschnecken mit ihren Fühlern ein Coronavirus bilden, sind gleichsam das Gerüst der Schau im Erdgeschoß der Kunsthalle. Dazwischen finden sich kleine Pappmachémenschen, die auch schon mal einen Molotowcocktail in Händen halten, abgestorbene, weiße Bäume, die ein „Geisterhaus“ formen oder ein Pick-up, auf dessen Ladefläche sich Mischwesen aus Mensch, Tier und Ekzemen tummeln.

Es sind entgrenzte Körper, in denen sich Wunde und Mineral einmengen, in denen der Hodensack zum Hirn mutiert, während dieses einem Schwamm weicht. Und doch geht es der 1959 geborenen Wahlwienerin Doujak nicht um Provokation, wie sie am Donnerstag vor Journalisten unterstrich: „Ekel ist für mich keine Komponente. Ich möchte auch niemanden schockieren.“ Vielmehr mache das Öffnen des Körpers durchlässiger für Neues. Und es dekonstruiert im wahrsten Sinne sexistische Stereotypen.

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All dies verbindet sich zu einem stringenten Fluss der Kritik, der auch den Kolonialismus und seine Folgen mit sich reißt, wenn am Boden eine überdimensionale Nervenzelle in Wahrheit eine Grafik der „Verzweiflungsökonomie“ zeigt, die globale Schattenwirtschaft und Ausbeutung aus Drogenhandel und Waffengeschäften. Oder wenn eine konventionellere Collage Aufnahmen von Lasten tragenden Menschen in einen Ameisenbau mutiert. So wirkt „Geistervölker“ auch weniger wie eine Retrospektive denn wie eine Großinstallation.

Und da sich die Künstlerin beileibe nicht auf ein Medium beschränken lässt, wird die Schau im Oktober auch noch flankiert von einer Serie von Liveperformances, die auf der Podcastserie „Transmission: Podcasts über Seuchen und Pandemien in einer verdrehten Welt“ beruht. Jeden Dienstag um 17 Uhr werden die Menschen im Museumsquartier unter anderem von einer Maus auf Rädern zum gemeinsamen Podcasthören eingeladen, wobei Doujak und John Barker sich in der Audioserie auf die Spur von Pandemien und Krankheiten machen.

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