Ausstellung beschäftigt sich mit NS-Kunstpolitik in Wien

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Ein Ölbild von Igo Pötsch, das den Heldenplatz und die „Fahrt des Führers zur Proklamation am 15. März 1938“ zeigt; ein Gemälde des auf der „Gottbegnadeten“-Liste geführten Wilhelm Dachauer, der Wiens Bürgermeister Philipp Wilhelm Jung in stolzer Pose in Nazi-Uniform malte; ein von Robert Streit gemaltes Porträt von Paula Wessely aus 1943 - drei Objekte aus den Sammlungen des Wien Museums, zu sehen ab Donnerstag in der Ausstellung „Auf Linie. NS-Kunstpolitik in Wien“ im MUSA.

Auf rund 1.000 schätzt Wien Museum-Chef Matti Bunzl die Zahl der Objekte, die in der NS-Zeit in die hauseigenen Sammlungen kamen. „Das ist nicht nichts“ - aber auch nur weniger als ein Promille des auf weit über eine Million Objekte betragenden Gesamtbestandes. Die Genese dieser „wirklich wichtigen Ausstellung mit Themen, die uns alle angehen“ (Bunzl) begann aber mit einem „sehr, sehr ambitionierten Forschungsprojekt“. Die Kunst- und Architekturhistorikerin Ingrid Holzschuh war bei Archivrecherchen in der Berufsvereinigung der bildenden Künstler Österreichs auf eine „meterlange Kastenwand“ gestoßen, in der sich 3.000 Mitgliederakten aus der 1945 aufgelösten Reichskammer der bildenden Künste fanden. „Ich wusste, dass das ein unglaublicher Fund ist. Mir war klar: Da muss man was machen“, sagte Holzschuh beim heutigen Pressegespräch. Nicht nur in Österreich sei dies ein bis dato unbehandeltes Thema gewesen. In Deutschland, wohin damals alle Akten in Kopie wanderten, hätten sich die Unterlagen überhaupt nicht erhalten.

„Dieser Fund war atemberaubend spannend. Es ist der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Kunstpolitik im Wien der NS-Zeit“, begeisterte sich Bunzl. „Man weiß, dass viele Künstler-Biografien große Lücken aufwiesen. Diese Lücken konnten nun geschlossen werden“, meinte die Kunsthistorikerin Sabine Plakolm-Forsthuber, die gemeinsam mit Holzschuh nicht nur die bis 24. April 2022 laufende Schau kuratiert, sondern auch eine materialreiche Publikation vorgelegt hat. Die Aufnahme in die Reichskammer war von einem langwierigen Prozedere inklusive Ariernachweis sowie politischer und künstlerischer Beurteilung begleitet. „Die Nicht-Aufnahme war vergleichbar mit Berufsverbot.“ Nach 1945 kamen die Archivbestände in die Berufsvereinigung, die als Standesvertretung auch als Anlaufstelle für Entnazifizierungsverfahren fungierte. Die Datenbank, in die nun die erfassten Namen eingepflegt wurden, ist auf einem PC in der Ausstellung einsehbar.

Wirklich spannend sind dabei vor allem jene Namen, die einem heute noch geläufig sind. Bunzl: „Wir reden von einigen Künstlern, die im Kanon der Stadt weiter präsent sind.“ Nämlich etwa von Josef Hoffmann, Oswald Haerdtl, Gustinus Ambrosi, Rudolf Eisenmenger, Carl Auböck oder Richard Teschner. Hoffmann engagierte sich etwa besonders bei den Themen Mode und Kunsthandwerk und stattete das „Haus der Mode“ im Palais Lobkowitz (dem heutigen Theatermuseum) aus. Die Kontinuitäten betont die Ausstellung am Ende - und zeigt u.a. die Renner-Büste von Ambrosi, die Ausstattung des Bundeskanzleramts durch Haerdtl, den von Eisenmenger geschaffenen Eisernen Vorhang der Staatsoper oder den Entwurf eines Weinheber-Denkmals durch den Bildhauer Wilhelm Frass. Dieser befand sich - wie etwa auch Eisenmenger - nicht nur ebenfalls auf Hitlers Liste der gottbegnadeten und damit vom Kriegsdienst befreiten Künstler, sondern hatte auch schon im Jahr 1935 in seinem Denkmal des toten Soldaten am Äußeren Burgtor eine Nazihuldigung versteckt. Im NS-Wien war er u.a. für „Entschandelung des öffentlichen Raums“ und die Einziehung nicht mehr genehmer Denkmäler zuständig.

Nicht nur im Hinblick auf die Sammlungsbestände des Wien Museums und die derzeitige Sanierung des Oswald-Haerdtl-Gebäudes am Karlsplatz ist die Ausstellung „auch eine Auseinandersetzung mit der eigenen institutionellen Geschichte“, wie es hieß - auch das Kulturamt der Stadt Wien wurde erst 1938 unter den Nationalsozialisten gegründet. „Das Kulturamt war die kommunale Ebene. Die Stadtverwaltung wurde nazifiziert.“ Ob es nach 1945 unter dem KP-Kulturstadtrat Viktor Matejka auch Kontinuitäten in der Beamtenschaft des Kulturamts gegeben habe, konnte man heute nicht sagen. Dies sei aber eine lohnende Forschungsfrage, meinte Bunzl: „Es gibt noch viele offene Fragen!“

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