Entgeltliche Einschaltung

Prozess um Terrorvorwürfe in St. Pölten vor Urteil

  • Artikel
  • Diskussion

Ein 24-Jähriger ist am Donnerstag vor Gericht gestanden, weil er laut Anklage - wie der spätere Attentäter von Wien - Treffen von IS-Sympathisanten in einer Wohnung in St. Pölten besucht haben soll. Zudem soll er einem Betreuer des Vereins „Derad“ gefährlich gedroht haben. Der Staatsanwalt forderte im Schlussvortrag eine Verurteilung zu einem Anklagepunkt, der Verteidiger verlangte einen Freispruch.

Dem 24-Jährigen werden die Verbrechen der terroristischen Vereinigung und der kriminellen Organisation sowie gefährliche Drohung vorgeworfen. Angelastet werden ihm auch falsche Beweisaussage und Begünstigung. Der Angeklagte bekannte sich zu Beginn der Schöffenverhandlung teilweise schuldig, weil er die Nachrichten geschrieben, aber nicht als gefährliche Drohung gemeint hatte.

Entgeltliche Einschaltung

Die Vorwürfe stehen nicht im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Wiener Terroranschlag vom 2. November 2020, hielt der Staatsanwalt am Landesgericht St. Pölten fest. Der in Niederösterreich geborene bosnische Staatsbürger soll laut Anklagebehörde nach Verbüßung einer teilbedingten Freiheitsstrafe wegen Verbreitung von Propagandamaterial für den Islamischen Staat (IS) 2018 nach wie vor Sympathien für die Terrororganisation und für radikales Gedankengut gehegt sowie weiterhin Kontakt zu Radikalisierten gepflegt haben.

Bei „Sonntagszusammenkünften“ in der Wohnung eines Bekannten in St. Pölten sollen sich laut Anklage der Staatsanwaltschaft Wien IS-Sympathisanten und Radikalisierte getroffen haben. An Ort und Stelle soll es neben einer salafistischer Bibliothek Unterricht zum Thema Islam, aber auch zu Inhalten des Dschihadismus und des IS gegeben haben. So sollen sich die Versammelten in ihrer Radikalisierung und Gesinnung bestärkt haben, lautet der Vorwurf. Auch der spätere Attentäter soll mehrmals an diesen Treffen in St. Pölten teilgenommen haben - teilweise gleichzeitig mit dem 24-Jährigen. „Ob dieser Attentäter dort war, weiß ich nicht“, sagte der in U-Haft sitzende Beschuldigte. Dass der Mann einen IS-Siegelring getragen habe, habe er nicht gesehen.

Gewinnspiel: Jahresabo für Body & Soul

TT-ePaper 4 Wochen gratis ausprobieren, ohne automatische Verlängerung

Die Wohnung sei im Sommer 2020 von einem Bekannten für Arabisch-Unterricht angemietet worden, sagte der 24-Jährige. An diesen Kursen donnerstags und samstags habe er dann wöchentlich bis zum Attentat in Wien am 2. November teilgenommen.

Weiters sei sonntags bei Zusammenkünften über Themen wie Islam und Ehe diskutiert worden, dazu reisten auch Teilnehmer aus Wien an. „Ich habe sie nie nach Namen gefragt“, meinte der Angeklagte: „Sonntags bin ich immer ohne Brille zu den Treffen gegangen, da erkenne ich niemanden.“ IS-Inhalte seien dort „niemals“ thematisiert oder propagiert worden, außerdem habe er nur zugehört. Auf einer von der Polizei sichergestellten Audiodatei ist ein Vortrag in der Wohnung am 1. November 2020 zu hören. Thema war laut dem Richter die Bedeutung von Zauberei im Islam und unter welchen Voraussetzungen man Magier töten darf. „Es muss kein Vortrag sein, nur weil einer ein bisschen mehr geredet hat“, meinte der 24-Jährige dazu.

Der Angeklagte beschrieb sich selbst als streng gläubiger Moslem, er lege die Religion sehr konservativ aus. „Ich bin schon für den Islamischen Staat, aber ich bin gegen Terror.“ Er stehe dem IS „mehr kritisch gegenüber“ und lese Nachrichten in Zusammenhang damit via Instant-Messaging-Dienst Telegram.

Der Verteidiger führte zahlreiche Punkte an, um die Anklagevorwürfe zu entkräften. In der Wohnung sei über Religion diskutiert worden, „das war ja auch das Interesse der jungen Männer“, meinte der Rechtsanwalt.

Zum Vorwurf der gefährlichen Drohung erklärte der Staatsanwalt, dass der Angeklagte nach Ende der Zusammenarbeit mit dem Verein „Derad“ für Deradikalisierung seinem früheren Betreuer Nachrichten mit dem sinngemäßen Inhalt geschickt habe, dass der IS auch Österreich übernehmen werde. Zudem soll er ihm einen Schutzvertrag angeboten haben, wenn der IS an der Macht sei. „Das habe ich geschrieben, aber das ist dummes Gerede gewesen“, meinte der Beschuldigte: „Das ist nicht ernst gemeint. Ich wollte ihn provozieren.“

Weiters soll der 24-Jährige laut Anklage in Chats einem früheren Betreuer mit dem Tode gedroht haben. Unter anderem soll er geschrieben haben, dass der Kollege des „Derad“-Mitarbeiters ein „Murtad“ sei, weil er vom Glauben abgefallen sei, er deshalb nicht ins Paradies komme und „dass Allah ihm sein Rückgrat brechen soll“. „Er hat die Nachrichten geschrieben, aber nicht als Drohung gemeint“, sagte der Verteidiger.

Vom Glauben Abtrünnige werden von Extremisten „mehr oder weniger als vogelfrei“ angesehen, meinte ein ehemaliger Betreuer des Angeklagten. „Ich war erschüttert“, berichtete sein Kollege, dem die Nachricht gegolten hatte und der den 24-Jährigen zuvor betreut hatte. Der Beschuldigte hatte vermutet, dass ihn der Mann angezeigt hatte. Er habe die Mitteilung persönlich zwar weniger, aber aus beruflicher Sicht als Drohung empfunden, jedoch nicht geglaubt, „dass er es umsetzen wird“. Der Angeklagte war nach Ansicht von „Derad“ nach Ende der Betreuungszeit nicht deradikalisiert.

Zahlreiche junge Männer aus dem St. Pöltner und Wiener Raum sagten als Zeugen aus, dass sie den Angeklagten und auch den späteren Attentäter in der Wohnung in St. Pölten gesehen hatten. Vorträge drehten sich Aussagen zufolge um islamische Grundregeln. Der IS sei bei den Treffen kein Thema gewesen, hieß es übereinstimmend. Zwei Männer sagten nicht als Zeugen aus, weil gegen sie Verfahren im Laufen sind.

Bei der Einvernahme durch die Polizei im Dezember 2020 nach einer Hausdurchsuchung war der 24-Jährige auch zum Anschlag in Wien befragt worden. Dabei soll der Angeklagte auch Verständnis für die Tat gezeigt und gemeint haben, dass er die Handlung zum Teil nachvollziehen könne. Er sei damals falsch verstanden worden, meinte der Mann während des Prozesses am Donnerstag.

Im Schlussvortrag hielt der Staatsanwalt zu den Zusammenkünften in der Wohnung fest: „Ein eindeutiges Beweisergebnis, dass bei diesen Treffen IS-Propaganda verbreitet wurde, gibt es nicht.“ Die Verdachtslage zu diesem Komplex habe sich „wesentlich diffuser“ dargestellt als zu Verhandlungsbeginn. Zu den Vorwürfen in Bezug auf die Nachrichten an den Betreuer beantragte der Vertreter der Anklagebehörde einen Schuldspruch.

Der Verteidiger erklärte mit Verweis auf zahlreiche Zeugenaussagen, dass sein Mandant kein IS-Anhänger sei. In den Nachrichten habe der Angeklagte den ehemaligen Betreuer als Heuchler bezeichnen wollen, der nicht ins Paradies komme. Zum Vorwurf der falschen Beweisaussage sagte der Rechtsanwalt, es sei auch durch Zeugen nicht geklärt worden, ob es in der Wohnung Vorträge gegeben habe oder nicht. „Keines der hier vorgeworfenen Delikte ist verwirklicht“, verlangte der Verteidiger einen Freispruch in allen Punkten.


Kommentieren


Schlagworte

Entgeltliche Einschaltung