Venedig-Gewinnerin Audrey Diwan „muss nicht geliebt werden“

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Die franko-libanesische Regisseurin Audrey Diwan hat mit ihrem Abtreibungsdrama „L‘Evénement“ in Venedig den Goldenen Löwen geholt und präsentiert das Werk nun bei der 59. Viennale. Mit der APA sprach die 41-Jährige, die sich als Ausgangspunkt Annie Ernaux‘ gleichnamiges Buch nahm, über die wieder unter Beschuss geratenen Frauenrechte, ihre Wut und den Umstand, dass sie nicht geliebt werden will.

APA: Hätten Sie während der Arbeit an „L‘Evénement“ gedacht, dass die Frauenrechte wieder so unter Beschuss geraten könnten, wenn man sich Polen oder Texas ansieht?

Audrey Diwan: Letztlich war mir das klar, nachdem es bereits anfing, während ich am Drehbuch gesessen bin. Und das würde ich gar nicht auf Polen beschränken, wenn Sie sich Argentinien oder Afrika ansehen. Die Lage für Frauen ist in sehr vielen Ländern hart, über die wir nie sprechen. Wir haben da oftmals die eurozentrische Perspektive. Was wirklich überraschend und erschreckend war, sind die Entwicklungen in den USA. Angesichts der weltweiten Bedeutung von Amerika macht es die Situation noch viel dramatischer.

APA: Wie geht es Ihnen damit?

Diwan: Ich habe von den Entscheidungen in Texas auf meinem Weg zu den Filmfestspielen von Venedig gehört - und habe gemerkt, wie wütend mich das macht. Und diese Wut spüre ich immer noch!

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APA: Haben Sie eine Erklärung, woher dieser Backlash in Fragen der Frauenrechte kommt, wo scheinbar Erreichtes wieder infrage gestellt wird?

Diwan: Es ist in jedem Falle kein gutes Zeichen! Immer, wenn die Freiheit unter Beschuss gerät, beginnt das Ganze mit den Frauenrechten - aber es hört damit für gewöhnlich nicht auf. Zuerst geht es um die Frauenrechte, dann um die Menschenrechte. Wir müssen also genau im Auge behalten, was als nächstes in den Ländern passiert, die jetzt gerade wieder ihr Abtreibungsrecht verschärfen.

APA: Und letztlich ist es doch auch eine Machtfrage...

Diwan: Es ist ein unausgesprochener, stiller Krieg um die Frage, wer die Macht über unsere Körper und letztlich damit auch unser Schicksal hat. Es ist keine rein physische Frage, wie das Annie Ernaux in ihrem Buch sehr präzise schildert.

APA: Sie hatten während des Drehbuchschreibens mit Ernaux Kontakt. Sie hat aber nicht am Script mitgeschrieben?

Diwan: Nein, aber sie hatte ein Auge darauf, dass die Fakten stimmen und hat mir mit ihrer großen Intelligenz ein Feedback gegeben. Es ist ihre Geschichte, weshalb ich wollte, dass mein Film dieselbe Stoßrichtung hat.

APA: Hätten Sie ihr ein Veto gegeben, wenn Sie dezidiert Änderungen verlangt hätte?

Diwan: Vermutlich ja. Ich höre auf sie. Sie redet nicht, ohne etwas zu sagen. Wenn sie also etwas zu sagen hat, hat das seinen Grund.

APA: Bei „L‘Evénement“ hat man nun das Gefühl, das vermeintlich altbekannte Thema Abtreibung noch nie in solcher Nüchternheit, Präzision und Klarheit auf der Leinwand gesehen zu haben...

Diwan: Für mich waren zwei Themen bei meinem Film wichtig: Abtreibung einerseits und Sex und Leidenschaft andererseits, was natürlich verbunden ist. In beiden Fällen wollte ich ganz durch die Augen von Anne darauf blicken. Ich wollte sie nicht mit der Kamera betrachten, sondern sie sein. Es ging mir um eine gemeinsame Erfahrung - für Frauen wie Männer. Es ging mir nicht darum, die Zuschauer zu schockieren.

APA: Obwohl „L‘Evénement“ ja 1963 spielt hat man praktisch nie den Eindruck, einen „Historienfilm“ zu sehen. Und dass, obwohl sie das alte 4:3-Format verwenden. Weshalb?

Diwan: Ich wollte mich vollkommen auf den Charakter Anne konzentrieren. Und wenn man in 4:3 dreht, sieht man Menschen nicht lange ins Bild kommen wie im Breitwandformat, sondern sie sind plötzlich da. Und diese paranoide, klaustrophobe Situation, in der sich Anne befindet, wollte ich damit zeigen.

APA: Den Film trägt nun ganz Anamaria Vartolomei mit ihrem Gesicht. War sie schon während der Drehbucherstellung an Bord?

Diwan: Das Fantastische ist, dass Anamaria einfach über ein Casting dazukam. Aber wir haben während des Lockdowns praktisch täglich über ihren Charakter Anne gesprochen und ihn zusammen erarbeitet. Als wir dann ans Set gekommen sind, waren wir beide einfach bereit. Diese Arbeitsweise möchte ich auch in Zukunft praktizieren. Ich habe gemerkt, wie wertvoll die Zeit in einer Industrie ist, in der man genau das nicht hat!

APA: Sind sie am Set offen für Improvisation?

Diwan: Bei meinem ersten Film hatte ich alles im Vorfeld festgelegt und habe am Set dann aber gemerkt, dass mich das eher traurig macht, wenn ein Film praktisch fertig ist, bevor man ihn dreht. Da ist zu wenig Leben dabei. Das hat sich nun geändert. Ich habe mit allen am Set sehr viel gesprochen, und wir haben jeden Morgen teils stundenlang geprobt. Und trotzdem lagen wir am Ende des Tages bisweilen vor dem Zeitplan.

APA: Wie sehr kann der Goldene Löwe von Venedig Ihnen künftig bei Projekten helfen?

Diwan: Meine ProduzentInnen wissen, dass ich nie um Dinge bitten würde, wenn es nicht notwendig ist. Aber ich weiß zumindest, dass ich jetzt etwas länger mit den Schauspielern arbeiten kann, mit neuen Linsen experimentieren. Das können wir uns nun leisten.

APA: Und einen erhöhten Druck der Publikumserwartung verspüren Sie nicht?

Diwan: Darüber denke ich ehrlich gesagt nicht nach. Ich hätte gewusst, wohin ich will, auch wenn „L‘Evénement“ in Venedig durchgefallen wäre. Ich muss keinen Applaus für meine Arbeit bekommen. Ich versuche, das Richtige zu tun. Wenn Menschen das gefällt, ist das schön. Aber ich muss nicht geliebt werden.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

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