Fake und Fakten in Kirkwoods „Moskitos“ am Akademietheater

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Minutenlanger Jubel für ein Stück über die Macht der Wissenschaft, die Gefahr von alternativen Fakten und den Kampf von Frauen um ihren Platz in der Welt: Mit „Moskitos“ von Lucy Kirkwood hat das Burgtheater einen wahren Glücksgriff gelandet, obwohl es mitnichten um die Coronapandemie geht. Die österreichische Erstaufführung am Akademietheater geriet am Samstagabend dank der leichtfüßigen Regie von Itay Tiran und dem intensiven Spiel des Ensembles zu einem ergreifenden Abend.

Wir befinden uns im Jahr 2008 am CERN, dem Europäischen Zentrum für Kernforschung in Genf. Sabine Haupt als britische Wissenschafterin Alice hofft auf den Nachweis des Higgs-Bosons, ein Elementarteilchen, dessen Existenz man bisher nur vermutet. Während sie beruflich kurz vor dem Durchbruch steht, wartet zu Hause ein Trümmerhaufen auf sie: Ihr Teenager-Sohn Luke (Felix Kammerer) wurde suspendiert, nachdem er das Computersystem der Schule gehackt hat. Ihre dümmliche Schwester Jenny, die Mavie Hörbiger mit Wuschellockenperücke fulminant am Rande des Wahnsinns anlegt, beklagt den Tod ihres Babys, das an Masern gestorben ist. Und die Mutter der beiden - Barbara Petritsch begeistert als verkannte Wissenschafterin - keift gegen ihre beginnende Demenz an. Dazwischen Alice, hin- und hergerissen zwischen ihrer Rolle als Mutter, Tochter, Schwester und Star-Wissenschafterin.

Jessica Rockstroh hat mit einem weißen, leeren Kubus ein denkbar steriles Bühnenbild geschaffen, das sowohl die Kälte in den privaten Räumen als auch die Nüchternheit des Forschungszentrums widerspiegelt. In der Decke klafft ein großes Loch, das nicht nur mit dem runden Luster im Zuschauerraum optisch korrespondiert, sondern auch als schwarzes Loch fungiert, vor dem man sich in der Welt der alternativen Fakten fürchtet. Mit diesen hat Alice auf allen Fronten zu kämpfen. Schließlich hat Jenny es aus Angst vor Hirnschäden am Fötus nicht nur unterlassen, in der Schwangerschaft einen Ultraschall durchzuführen, sondern hat sich nach einem Bericht im Internet auch gegen die Impfung ihres Babys entschieden, das dann auch tatsächlich an Masern verstorben ist. Die Schuld gibt sie ihrer Schwester: Die hätte es doch wissen und sie aufklären müssen!

Einer der zentralen Sätze des Abends kommt aus dem Mund einer Schulfreundin von Luke: „Wahrscheinlich haben die Leute deshalb Angst vor Wissenschaftern. Weil das bedeutet Macht!“. Doch so sehr Alice das geschafft hat, was ihrer Mutter zeitlebens verwehrt blieb - Anerkennung in der männerdominierten Welt der Wissenschaften zu erlangen -, so wenig bekommt sie ihr privates Umfeld in den Griff. Jenny verschreibt sich dem Alkohol und macht sich an Alice‘ Freund Henri (Bless Amada) heran. Und das, obwohl er als Mann afrikanischer Abstammung eigentlich ihrem tief verwurzelten Rassismus zum Opfer fällt. Mutter Karen ist drauf und dran, vor den Fernsehkameras der eigenen Tochter die Show zu stehlen und Luke beschließt nach einem krassen Fall von Cybermobbing, seinen Rucksack zu packen und ebenso wie einst sein Vater spurlos zu verschwinden.

Dass an diesem Abend auch viel gelacht wird, ist Kirkwoods pointierten Dialogen zu verdanken. Und der israelische Schauspieler und Regisseur Tiran schafft es, die Szenen mit genug Dynamik zu versehen, die den insgesamt dreistündigen Abend wie im Flug vergehen lässt. Das Ensemble schließlich vermag es, stets rechtzeitig aus den zugeschriebenen Rollenklischees auszubrechen und so immer wieder zu überraschen. Als wissenschaftliche Klammer fungiert schließlich Markus Meyer, der dem Boson-Teilchen in weißem Ganzkörperanzug eine eigene Stimme verleiht. Der lang anhaltende Applaus machte deutlich: Wenn man auch einmal darüber lachen kann, wie verfahren die Beziehung zwischen Wissenschaft und Schwurblertum ist, fällt die Spannung auch mal ab. Zumindest für diese drei sehenswerten Stunden.

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