„Poppaea“ bei Wien Modern als Blut-Rausch

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Es ist das „House of Cards“ des jungen römischen Kaiserreichs, der Blutrausch nach der vermeintlichen Befriedung: Der US-Komponist Michael Hersch hat Claudio Monteverdis „L‘incoronazione di Poppea“ fortgeführt. In seinem schlicht „Poppaea“ benannten Sequel wendet der 50-Jährige gemeinsam mit seiner Librettistin Stephanie Fleischmann den Blick radikal auf die Titelfigur. Die Folge ist ein Blut-Rausch, der am Freitag im Rahmen von Wien Modern Premiere feierte.

Endet Monteverdis frühbarocke Oper mit der titelgebenden Krönung der zweiten Frau Neros und der Verbannung der ersten, zeichnet Fleischmann in poetischen Worten das Bild einer Frau, die weniger intrigante Femme fatale denn Traumatisierte ist, ein Zwitterwesen aus Opfer und Täterin. Es ist nicht mehr die Frau aus der manifestierenden Sicht der Männern, sondern eine Agierende, die letztlich doch in der Ehehölle mit Femizid endet. Schließlich sind auch die beiden übrigen Figuren - Gatte Nero und die Rivalin Occtavia - von der Gewalt traumatisierte Menschen.

Dieses Tableau der Derangierten kleidet Hersch in eine überraschend emotionsgeladene Partitur. Sein Stück ist keine verkopfte Musik, sondern bietet in heranschwappenden Wellen eine Vielfarbigkeit, die bisweilen den Sängern begleitlos die Bühne überlasst, sie dann wieder in einer Kakophonie begräbt. Steve Davislim streift dabei als Nero streckenweise beinahe den Belcanto, während Silke Gäng mit hellstrahlendem Mezzosopran eine leicht ätherische Octavia ist. Die unumstrittene Diva des Abends ist jedoch die aus Südkorea stammende Sopranistin Ah Young Hong, eine langjährige Muse für Hersch, die nicht nur in großen Intervallsprüngen, sondern auch im Wechsel der interpretatorischen Tonalitäten ihre vielschichtige Figur auszuloten weiß.

Dass Regisseur Markus Bothe den Akteuren dabei kleine Puppen-Alter-Egos zur Seite stellt, entwickelt über weite Strecken hingegen keinen Zauber, lenkt die Akteure eher ab. Einzig die Mordszene an Octavia, bei der Poppaea langsam das Verbluten ihrer Feindin beobachtet, entwickelt in der Dopplung der Figuren durch Puppen einen eigenen Schrecken. Angesiedelt sind diese ineinander verstrickten Gewaltbeziehungen zwischen den stimmigen historisierenden Antikensäulen des Odeon-Theaters auf einem Recyclinghof der Träume.

So wird das 18-köpfige Ensemble Phoenix Basel lange Zeit von Vorhängen aus Plastikflaschen vom Publikum abgeschirmt, die auch den Akteuren als labyrinthische Barriere dienen. Es ist eine fragile Welt, die letztlich am Ende in sich zusammenbrechen wird. Sorge ob der entstehenden Schwemme an Plastikflaschen muss man sich übrigens nicht machen, wird das Bühnenbild am Ende doch der Linzer „Plastic Garage 4020“ zu Forschungs- und Recyclingzwecken zur Verfügung gestellt.

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