„Der Fall Julia K.“: Doku-Drama tourt durch Wiener Bezirke

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Das Genre „True Crime“ boomt. Spektakuläre Kriminalfälle, die einen zusätzlichen Nervenkitzel haben: Sie sind, jedenfalls in ihrem Kern, echt. „Der Fall Julia K. - Ein Stück True Crime“ heißt die zweite Produktion der Bezirke-Tournee des Volkstheaters unter ihrem neuen Leiter Calle Fuhr. Er setzt nicht auf „Illusionstheater und Scheinwelten“, sondern auf „dokumentarische Zugänge, die unsere komplexe Welt künstlerisch abbilden“. Am Freitag war Premiere im VZ Brigittenau.

Es war der erste Abend unter der 2Gplus-Regel, und außer der etwas längeren Einlassprozedur, bei der neben Eintrittskarte, Impf- oder Genesungs-Nachweis und Ausweis auch noch ein aktueller PCR-Test kontrolliert wurde, war fast alles wie immer. Die Bezirke-Tournee hat ihr eigenes Stammpublikum, und das ist in den vergangenen Jahren weniger geworden. Auch in dem 370 Personen fassenden Veranstaltungszentrum mit typischem Volkshochschul-Charme war bei der ersten Vorstellung kaum jeder zweite Platz besetzt. Bitter, dass bereits die nächsten Tournee-Etappen aufgrund des Lockdowns nicht stattfinden können.

„Der Fall Julia K.“ also, der Fall eines jungen Mädchens, das am 27. Juni 2006 an der Bushaltestelle am Pulkauer Hauptplatz das letzte Mal lebend gesehen wurde, und dessen verbrannte Knochenreste in einem Erdkeller in der Nähe erst fünf Jahre später von Nachbarn aufgefunden wurden, nachdem im Zuge von wieder aufgenommenen Cold-Case-Ermittlungen eine hohe Belohnung auf sachdienliche Hinweise ausgesetzt worden war. 2013 wurde der Besitzer des Kellers, der immer schon zu den zwei Hauptverdächtigen gezählt hatte, ohne Geständnis und ohne Beweis von einem Geschworenengericht des Mordes für schuldig befunden und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Das Kollektiv „Institut für Medien, Politik und Theater“ rund um den jungen Regisseur Felix Hafner, das bereits „Die Fellner-Lesung“ gestaltet hatte, hat sich nach eigenen Angaben durch den kompletten Gerichtsakt gekämpft, Recherchen unternommen und Interviews geführt und versucht, den Fall neu aufzurollen. „Wie kann man den Fall Julia K. neu betrachten?“, lautet die Frage des fünfköpfigen Teams, das in einem kleinen Zimmer mit grauer Rück- und Pinnwand an der Arbeit ist. Gar nicht, lautet das Fazit, wenn man von etwas abstrus anmutenden Querverbindungen zur „ganzen ÖVP-Scheiße“ und der „Pröll-Mafia“ mal absieht. Aber man kann jene Grundzweifel über die Ermittlungen und den Prozessverlauf nochmals strukturiert formulieren, die den Fall immer schon begleitet haben.

Eine der Fragen, die sich dabei stellen, hat angeblich ein Seelsorger formuliert, der nicht an die Schuld des verurteilten Häftlings glaubt: „Wie viel Gerechtigkeit verdient ein Ungustl?“ Und zu wie viel Gerechtigkeit ist das „natürliche Rechtsempfinden“ von Geschworenen fähig, die laut Handbuch damit der „juristischen Routine“ entgegenwirken sollen? Viele Gefühle sind im Spiel, dafür sorgt der üble Leumund des Angeklagten und die zunehmende Sensibilität für ein gesellschaftliches Klima, das eine hohe Zahl an Femiziden schulterzuckend akzeptiert. „Eine Berufsrichterin hätte Michael K. wahrscheinlich nicht verurteilt“, lautet eine der gewagtesten Ansagen des 100-minütigen Abends, der ein wenig im Kreis geht.

Vor zwei Wandnischen, in denen sich DVDs (Michael K. betrieb eine Videothek) und Aktenmappen stapeln, wechseln Claudio Gatzke, Veronika Glatzner, Sebastian Klein, Claudia Sabitzer und Iman Tekle ständig die Rollen zwischen Ermittlern und Zeugen. Viele Aspekte gilt es zu berücksichtigen. Das schadet der Konzentration und erlaubt es nicht, Geschichten und Figuren zu entwickeln, die einen ein Stück weit mitnehmen würden. Das Glasfenster, das den Arbeits- vom Verhörsraum trennt, wird ebenso kaum als Spielmöglichkeit genutzt wie das hinter einem orangenen Vorhang liegende „Porno-Kammerl“ der Videothek, in dem sich laut Dorf-Tratsch die wüstesten Dinge abgespielt haben sollen.

Auch wenn man am Ende letztlich genauso schlau ist wie zuvor, hat man dennoch das Gefühl, dass es die richtige Entscheidung gewesen sein könnte, künftig in der Bezirke-Tournee des Volkstheaters nicht der Kunst, sondern dem Leben den Vorrang zu geben. Nach „Heldenplätze“ zeigt jedenfalls auch „Der Fall Julia K.“, dass es in Österreich reichlich Stoff für Doku-Dramen gibt. Zumindest am Freitag blieben die realen politischen Dramen jedoch konkurrenzlos. Vom Bundeskanzler, der „in aller Offenheit“ gebetsmühlenartig zur Geschlossenheit aufrief, bis zum „Diktatur“-Zuruf aus der Impfgegner-Quarantäne bot dieser Tag alles, was es für ein großes Drama bräuchte. Ab Montag dann auf allen Spielplänen: „Der Lockdown. Vierter Akt.“

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