Mutters Drama: „Die Freiheit einer Frau“ von Édouard Louis

  • Artikel
  • Diskussion

In der kommenden Woche hätte er nach Wien kommen sollen, um sein neues Buch vorzustellen. Aufgrund des Lockdowns hat der französische Autor Édouard Louis jedoch die Österreichetappe seiner Lesetournee gecancelt. Und wer „Die Freiheit einer Frau“ kaufen möchte, muss das Buch telefonisch oder im Onlineshop der Buchhandlung seines Vertrauens ordern. Mit dem schmalen Band setzt Louis seine autobiografische Auseinandersetzung mit dem eigenen Aufwachsen fort.

Über seine Kindheit wissen Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt mittlerweile recht gut Bescheid. In einem kleinen Ort in der Picardie in Nordfrankreich wuchs er unter prekären Verhältnissen als Eddy Bellegueule (wörtlich übersetzt: „Hübsche Fresse“) auf, in der Schule ein gemobbter Außenseiter, zu Hause immer auf der Hut vor seinem gewalttätigen Vater. In seinem Debütroman „Das Ende von Eddy“ beschrieb er 2014 seine damaligen Lebensumstände: Das proletarische Milieu, tradierte Männlichkeitsbilder und latente Gewalt, Alkohol, Armut und fehlende Aufstiegschancen kennzeichneten den familiären Alltag. Im Umfeld der erfolgreichen Werke von Didier Eribon, mit dem er heute eng befreundet ist, und Annie Ernaux, die sich ebenfalls mit ihrer Herkunft aus unterprivilegierten Verhältnissen beschäftigten, wurde das Buch, in dem er auch seine soziale Emanzipation und sein Outing beschrieb, zum in viele Sprachen übersetzten Bestseller.

In seinem 2016 erschienenen Zweitling „Im Herzen der Gewalt“ erzählte er von einer Liebesnacht, die in eine brutale Vergewaltigung umschlug. 2018 legte er in „Wer hat meinen Vater umgebracht“ eine wütende Abrechnung mit seinem Vater vor, der an den eigenen Lebensumständen zerbrach, in der Fabrik zum körperlichen Wrack und zum Alkoholiker wurde und dem Sohn nie den erhofften Schutz angedeihen ließ. Das Buch wurde aber auch zur Anklageschrift gegen die Politik und nannte als Antwort auf die titelgebende Frage prominente Namen. Es ist die Riege der französischen Präsidenten, Premier-, Arbeits- und Sozialminister der vergangenen Jahrzehnte: „Hollande, Valls, El Khomri, Hirsch, Sarkozy, Macron, Bertrand, Chirac. Für deine Leidensgeschichte gibt es Namen. Deine Lebensgeschichte ist die Geschichte dieser Figuren, die aufeinandergefolgt sind, um dich fertigzumachen.“

Nun hat sich Édouard Louis also seiner Mutter zugewandt, von der ein Schwarz-Weiß-Foto den Schutzumschlag des Buches ziert. Es zeigt eine junge Frau, die den Kopf lächelnd zur Seite neigt. „Ich glaube, ich hatte vergessen, dass sie vor meiner Geburt frei war - glücklich?“ Ein Glück, das er an ihr nie erlebt hatte und von ihrem Mann, der Männerwelt, ja der ganzen Gesellschaft zerstört wurde. „Ich habe vor diesem Foto geweint, denn ich war, ohne mein Zutun, oder vielleicht eher zusammen mit meiner Mutter selbst und manchmal gegen sie, einer der Akteure dieser Zerstörung.“

3 x Futterkutter-Kochbuch zu gewinnen

TT-ePaper gratis ausprobieren, der Gratiszeitraum endet nach 4 Wochen automatisch.

„Die Freiheit einer Frau“ ist schonungslos, aber auch ein wenig fassungslos. Schonungslos ist Louis‘ Beschreibung der Lebensumstände der Mutter, die bereits mit 20 „mit zwei Kindern, ohne jeden Berufsabschluss und einem Mann zu Hause (saß), den sie bereits verabscheute, nach wenigen Jahren des Zusammenlebens“. Fassungslos ist seine Selbsterkenntnis, wie wenig Empathie er im eigenen Kampf um Selbstbefreiung für seine ebenso leidende Mutter aufgebracht hatte. „Die Freiheit einer Frau“ ist kein literarisches Meisterwerk, besticht aber als nüchterne Bestandsaufnahme nicht nur des eigenen Leids, sondern auch der eigenen Mitschuld. Viel zu spät nimmt er seine unglückliche Mutter nicht als Gegnerin, als Mitverantwortliche am familiären Desaster, sondern als mögliche Kombattantin in einem Befreiungskampf aus einer deprimierenden Situation wahr, in der sich Privates und Politisches unheilvoll vermischten.

Immerhin erlebte er, der sich lange für seine Mutter geschämt hatte, Ansätze eines späten Glücks mit, war sogar ein wenig mitverantwortlich. Nach dem Tod ihres Vaters zieht sie nach Paris, wo der zum gefeierten Schriftsteller gewordene Édouard mittlerweile studiert. Bei Dreharbeiten lernt er Catherine Deneuve kennen - und fädelt einen Besuch des Stars bei seiner in der Nähe lebenden Mutter ein. Ihre Nacherzählung über diesen überraschenden Besuch zählt zu wenigen Momenten der Lektüre, die einen schmunzeln lassen. Es gibt nicht nur Schmerz. Es gibt auch Hoffnung.

(S E R V I C E - Édouard Louis: „Die Freiheit einer Frau“, Deutsch von Hinrich Schmidt-Henkel, S. Fischer Verlag, 96 Seiten, 17,50 Euro)


Kommentieren


Schlagworte