Kärntner spielt Harry Potter in Hamburger Mammut-Produktion

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Am Sonntag feiert J.K. Rowlings Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ in Hamburg seine Deutschlandpremiere. Es ist der zweite Anlauf, nachdem die Produktion im März 2020 zwei Tage vor dem Start wegen Corona auf Eis gelegt werden musste. Produktion und Umbau des Mehr!-Theaters mit seinen 1673 Plätzen haben rund 42 Millionen Euro gekostet. 350.000 Tickets sind schon verkauft. Hauptdarsteller ist der Klagenfurter Markus Schöttl. Die APA hat mit ihm gesprochen.

APA: Herr Schöttl, Sie waren schon einmal so weit, hatten sich in Voraufführungen warmgelaufen. Dann kam der Stopp. Wie sieht die Situation in Hamburg nun, wenige Tage vor dem neuen Premierentermin, aus?

Markus Schöttl: Ganz gut, muss man sagen. Natürlich steigen auch hier die Zahlen. Aber die Disziplin in Deutschland ist eine andere, das ist alles ein bisschen geordneter hier. Die Aufführungen hier können mit 2Gplus stattfinden. Die Previews sind am Mittwoch gestartet.

APA: „Harry Potter und das verwunschene Kind“ ist ja ein Riesen-Unternehmen, in dem ganz viel Geld steckt. Ist das ein einzusätzlicher Druck, der auf Ihnen lastet?

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Schöttl: Der Druck war sicher da. Der große Bonus, den wir jetzt haben, ist, dass das ein Lauf ist, den wir schon einmal fast bis zum Ziel geschafft haben. Wir waren kurz vor der Ziellinie und haben gemerkt: Wir können das. Mit dieser Erinnerung gehen wir jetzt hinein. Aber es ist natürlich etwas anderes, als an einem Stadt- oder Staatstheater eine Produktion zu spielen. Das hängt aber weniger mit dem Budget zusammen, das da reingesteckt wurde, sondern mit der Popularität dieses Stoffes und der Figur.

APA: Die Laufmetapher wurde ja im Corona-Management auch gerne ausgegriffen, wo es hieß: Wir müssen uns auf einen Marathon einstellen. Sie haben ihren persönlichen Marathon schon lange begonnen. Auf welche weitere Länge haben Sie sich eingestellt?

Schöttl: Das ist momentan überschaubar. Zunächst erwarte ich mir, dass aus dem Marathon ein sehr konzentrierter, aber schöner, inspirierender Spaziergang wird. Das heißt nicht, dass es in Routine oder Gemütlichkeit ausarten soll. Es geht erst einmal ein Jahr - und ein ganzes Jahr lang Marathon laufen hält niemand aus. Dann muss ich schauen, wie ich das empfinde und wie sich das normale Leben in Hamburg so angelassen hat. Derzeit kenne ich ja kaum mehr als das Theater und meine Wohnung. Dann werde ich entscheiden, wie lange die Reise dauern soll. Und wer weiß, wie lange man mir überhaupt ein Ticket für den Hogwarts Express ausstellen wird - denn das ist ja nicht nur meine Entscheidung.

APA: Mit Aufwand und Laufzeit ist etwa „Cats“ vergleichbar. Aber in „Harry Potter und das verwunschene Kind“ wird ja gar nicht gesungen, das ist ja ein Stück und kein Musical, wie man es bei diesem Aufwand erwarten würde. Ist das eine Erwartungshaltung, der Sie öfters begegnen?

Schöttl: Absolut. Das liegt daran, dass wir in unseren Breitengraden eine so große Schauspielproduktion kaum kennen. Es gab zwar schon ähnliche Produktionen, etwa Peter Steins „Faust“ für die EXPO in Hannover, aber es wird selten gemacht. Hamburg ist einfach die Stadt der Musicals. Da denkt man sich, wenn ein großes Theater um 42 Millionen Euro hingebaut wird, kann es nur damit zu tun haben, dass hier gesungen wird. Das wird es nicht. Aber es ist trotzdem nicht weniger interessant und spannend. Und eine Chance, ein anderes als das klassische Theaterpublikum für Sprechtheater zu gewinnen.

APA: Was hat Sie bewogen, sich dafür zu bewerben?

Schöttl: Ich verfolge immer die Verleihungen der Tony und Olivier Awards, der großen englischen und amerikanischen Theaterpreise. Da hat das Stück ziemlich abgeräumt. Obwohl ich etwas skeptisch war, ob das auch im deutschsprachigen Raum so gut funktionieren kann, habe ich mich 2019 beworben. Als ich dann immer mehr im engeren Rennen war, war das ein Moment der Besinnung, weil ich noch nie so eine Großproduktion gemacht habe. Lange Zeit jeden Tag immer das Gleiche zu spielen, entspricht nicht unbedingt dem, warum ich diesen Beruf ergriffen habe. Aber im Kontakt mit dem Leading Team war das schon während des Vorsprechens eine so spannende Arbeit, dass ich mir gesagt habe: Du wärst verrückt, wenn Du das nicht genauso offen annimmst wie alles andere, etwa das Kellertheater damals, den „König Ödipus“ im Theater Spielraum vor 30 Besuchern. Das war wohl die richtige Entscheidung. (lacht)

APA: Erinnern Sie sich an den Moment, an dem Sie erfahren haben, dass Sie Harry Potter spielen werden?

Schöttl: Ich habe meine Mutter in München nachträglich zum Muttertag getroffen und wir waren auf einem Aussichtsturm, als mein Handy geläutet hat. Ehrlicher Weise war nicht sofort die große Freude da. Ich hab eher einen schweren Stein gespürt, der mir vom Herz in die Hose rutscht. Es waren ganz viele positive Gefühle, aber auch viele Zweifel.

APA: Sie waren zunächst an der Josefstadt und am Theater der Jugend. Wo haben Sie danach gespielt?

Schöttl: Nach meinen Erfahrungen im Ensemble der Josefstadt hatte ich den Wunsch, frei zu sein und mir selbst Rollen und Regisseure auszusuchen. Ich hab 2013 mit Kollegen ein eigenes kleines Theaterfestival in meiner Heimat Kärnten gegründet und dort ein paar Jahre alles gemacht. Dazwischen waren verschiedene schöne Stationen, etwa am Stadttheater Klagenfurt. Es war keine steile Karriere. Nach Deutschland ging es dann eher per Zufall. An der Neuköllner Oper in Berlin war ich dann in einer Produktion, die sechs Preise abgeräumt hat und von vielen Regisseuren und Produzenten gesehen wurde: „Stella - Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“. Das war mein Sprung nach Deutschland.

APA: Wie haben Sie die Zeit verbracht, in der „Harry Potter“ auf Eis gelegt war?

Schöttl: Als wir zwei Tage vor der Premiere in den Lockdown gegangen sind, bin ich in der ersten Zeit in Hamburg geblieben und habe eine geringfügige Anstellung in einer Seniorenresidenz angenommen. Im Juli ging es zurück nach Wien, wo ich seit über 20 Jahren wohne. Dort konnte ich im Theater der Jugend für eine Produktion proben - die dann wieder nicht stattfinden konnte, weil der nächste Lockdown gekommen ist. Dann hab ich beschlossen, meine künstlerische Arbeit ruhen zu lassen und fürs Rote Kreuz und fürs Wiener Hilfswerk gearbeitet. Anfang Oktober ging es dann zu den Proben wieder zurück nach Hamburg.

APA: Haben Sie zu den „Harry Potter“-Romanen früher überhaupt eine Affinität gehabt?

Schöttl: Gar nicht, muss ich gestehen. Die Bücher sind rausgekommen als ich gerade mein Schauspiel- bzw. Musiktheaterstudium in Wien begonnen hatte. Das war überhaupt keine Literatur, die mich zu dem Zeitpunkt interessiert hat. Aber ich wusste natürlich, was für ein Riesen-Ding das war. Gelesen hab ich es tatsächlich erst, als klar war, dass ich die Rolle spiele.

APA: Das Stück ist ja keine Nacherzählung, sondern eine neue Geschichte, quasi eine Generation danach. Wie, denken Sie, werden die eingefleischten Fans darauf reagieren?

Schöttl: Die werden das Stück schon kennen, denn das gibt es seit 2016. Für die anderen gibt es ganz viele Querverweise und Momente, in denen Rückschau gehalten wird. Es geht natürlich um die Figuren, die wir kennen: Harry, Ron, Hermine, Ginny, Draco... Die tauchen alle wieder auf, aber sie sind älter geworden. Ich glaube, das Reizvolle daran ist, dass das Stück einen Sprung in die Gegenwart wagt. Das gilt jetzt noch mehr, denn der Spruch „Das Dunkle kommt oft unerwartet“ ist für uns alle eine völlig greifbare Erfahrung geworden. Das Stück lädt jene ein, die die Bücher geliebt haben und sich nach einer Reise zurück nach Hogwarts sehnen, aber auch die, die bis vor kurzem noch nichts mit der Sache am Hut hatten. Es behandelt große Themen auf berührende und spektakuläre Weise: Freundschaft, Loyalität, Zusammenhalt, aber auch die Gefahr, sich selbst zu verlieren, falschen Zielen hinterherzujagen...

APA: Und was ist die schauspielerische Herausforderung dabei?

Schöttl: Harry Potter ist in dem Stück nicht mehr der Sonnyboy, wie wir ihn aus den Büchern kennen. Wenn man diese genau liest, sieht man, dass er als junger Mensch durch ganz viele traumatisierende Erfahrungen gegangen ist. Es geht um die Darstellung eines Menschen und seines inneren Kampfes, der psychologisch der Kampf mit seiner eigenen dunklen Seite ist. Es geht darum, diesen Menschen so weit zu entkernen, dass man sich nicht nur über die Zauberei freut, sondern sich damit auseinandersetzt, was es bedeutet, so etwas erlebt zu haben und nun Kinder zu haben, denen man etwas weitergibt. Das erlebbar und spürbar zu machen, ist eine schöne Herausforderung.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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