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Tocotronic liefern mit neuem Album den Soundtrack zu Corona

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„Nie wieder Krieg“ heißt das inzwischen 13. Album von Tocotronic. „Nein, ich bin nicht abergläubisch“, lacht Sänger Dirk von Lowtzow im APA-Interview. Man müsse sich „also zumindest wegen der Zahl 13“ keine Sorgen um die Band machen. Recht hat er. Denn die neuen Songs der deutschen Diskurspopper sind ein Glücksfall, die als berührende Mikrodramen um Verwundbarkeit, Einsamkeit und Ausgeliefertsein kreisen und somit einen Trost spendenden Soundtrack zur Pandemie liefern.

Schon mit der Vorgängerplatte „Die Unendlichkeit“ (2018), die fast als autobiografische Entwicklungsgeschichte gehört werden kann, zeigten sich Tocotronic ungewohnt offen und emotional. In „Nie wieder Krieg“ gehe es ebenfalls „sehr stark um persönliche Gefühle und innere Vorgänge“, erklärt von Lowtzow: „Das letzte Album hat eine Tür geöffnet zu einer Art von Songs, die wir vielleicht ein paar Jahre vorher noch nicht hätten schreiben können oder wollen. Ich glaube, ‚Nie wieder Krieg‘ ist ein sehr großzügiges Album in dem Sinne, dass es doch sehr viel von einem selber preisgibt.“

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Allein Songtitel wie „Ich gehe unter“, „Crash“, Ich hasse es hier“ oder „Leicht lädiert“ lassen erahnen, dass die Gefühlslage hier etwas eingetrübt ist. „Existenzielle Einsamkeit, Verletzlichkeit, Vulnerabilität“ beschreibt von Lowtzow selbst die inhaltliche Stoßrichtung des Albums. Bei aller Melancholie verströmen die zwischen punkigem Garagenrock und filigraner Ballade oszillierenden Stücke aber etwas sehr Tröstliches. Denn es sind „Music and Lyrics gegen die Vereinzelung“ - wie es an einer Stelle in „Hoffnung“ heißt -, in denen immer auch das Versöhnliche, Menschenfreundliche, Solidarische und nicht zuletzt Utopische („Komm mit in meine freie Welt“) mitklingt.

Dass Tocotronic derart präzise den Ton zur Zeit treffen, ist umso erstaunlicher, als sämtliche Lieder vor dem Ausbruch der Pandemie entstanden sind. „Im Grunde genommen war das Album fertiggestellt, noch bevor man überhaupt etwas von Corona gehört hat“, erzählt der Frontman. Die Veröffentlichung sei dann nach hinten verschoben worden, was aber immerhin beim Arrangier- und Mixprozess zu einer größeren Sorgfalt geführt habe. Und es sei „etwas passiert, wo ich das Gefühl hatte, das Material arbeitet ohne unser Zutun noch weiter. Es sammelt all die Eindrücke, Gefühle, Gedanken, Ambivalenzen ein, die man während dieser pandemischen Zeit hat. Die Stücke füllen sich mit Bedeutung, die vorher gar nicht intendiert sein konnten, weil wir von der Existenz dieses Virus noch gar nichts wissen konnten.“

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Aber natürlich habe man als Künstler stets „die Hoffnung, dass das, was man da schreibt, irgendwie etwas zu der Zeit, in der wir leben, und zu den gesellschaftlichen Stimmungen und dem, was die Menschen umtreibt, zu sagen hat. Wenn das völlig abgekoppelt ist von den Zeitläufen, dann wäre es schon ein sehr luxuriöses Hobby.“

„Nie wieder Krieg“ hält auch eine Premiere parat. Zum ersten Mal in der fast 30-jährigen Bandgeschichte haben Tocotronic ein Duett aufgenommen - mit der Österreicherin Anja Plaschg alias Soap&Skin. „Ich tauche auf“ ist bei allem morbid-abgründigen Grundton eine ungemein zärtliche und eine der schönsten Nummern des Albums. „Das Stück war nicht als Duett geplant. Aber wir hatten dann sofort Anja Plaschg im Kopf“, erzählt von Lowtzow: „Ich glaube, weil die Bilderwelt des Songs irgendwie mit ihrer Kunst verwandt ist.“

Ruhig kommt auch der titelgebende Opener „Nie wieder Krieg“ daher. Was wie eine politische Parole klingt, ist in Wirklichkeit ein Aufruf zur zwischenmenschlichen Aussöhnung. Wobei von Lowtzow das nicht strikt trennen möchte. „Natürlich ist ‚Nie wieder Krieg‘ eine ganz eminent politische Parole aus der deutschen Zwischenkriegszeit, aber wenn man sie auf etwas Persönliches anwendet, kriegen diese Sphären einen politischen Bezug.“ Die politische Dimension etwa von Einsamkeit sei eine wirklich interessante Frage: „Nicht zufällig gibt es ein Großbritannien inzwischen ein Einsamkeitsministerium, weil das inzwischen fast epidemische Formen annimmt - und zwar nicht nur bei alten Menschen, sondern auch bei jungen, die durch neoliberale Arbeitsformen, Flexibilitätszwang und so weiter keine dauerhaften, engen, freundschaftlichen Beziehungen mehr eingehen können.“

Gitarrenpoppig und ebenfalls sloganverliebt - wie so oft bei Tocotronic - lässt sich die auch schon ausgekoppelte Single „Jugend ohne Gott gegen Faschismus“ an. Im dazugehörigen Schwarz-Weiß-Video sieht man neben der im Stroboskoplicht konzertierende Band u.a. Skater an Graffiti mit explizit linken Botschaften vorbeiflitzen. Der Song sei der Versuch, sich in die Hoffnungen und Ängste heutiger Jugendlicher und in deren Blick in eine Zukunft, die ob der „Gefahr einer Faschisierung“ oder wegen der Klimakatastrophe nicht wahnsinnig rosig scheint, sagt von Lowtzow. Sieht der inzwischen 50-jährige Sänger parallelen zu seiner eigenen Adoleszenz? „Die 80er, als ich 15 oder 16 war und noch nicht in der Band gespielt habe, waren eine Zeit, die ich fast als hoffnungslos und apokalyptisch bezeichnen würde. Insofern kann ich da schon Parallelen erkennen.“ Deutschland sei politisch „total versteinert und - was man gerne vergisst - auch viel konservativer, als man sich das heute vorstellen kann“, gewesen. „Der Mainstream war viel mehr zum rechten Rand hin orientiert. Es gab Politiker in der CDU, die heute mit Leichtigkeit in der AfD wären.“ Die 90er seien dann „eine sehr zuversichtliche Zeit gewesen - wobei wir uns dann als Band bemüht, da ein bisschen dagegen zu arbeiten“, lacht der Bandleader.

Apropos Zuversicht: Geht alles nach Plan, startet Anfang März die „Nie wieder Krieg“-Tour in diversen deutschen Städten. Nach Österreich kommen die Tocos ebenfalls für ein Doppel-Open-Air in der Wiener Arena am 8. und 9. September, allerdings noch als Nachholtermin für die 2021 coronabedingt abgesagte zweigeteilte musikalische Retrospektive („The Hamburg Years“ und „The Berlin Years“). Insgesamt kam die Band im Vorjahr aber trotz Pandemie zu einigen Gigs - wenn auch in kleinem Rahmen und unter speziellen Auflagen. Dirk von Lowtzow konnte dem durchaus was abgewinnen. „Das habe ich paradoxerweise als besonders schöne Erfahrung wahrgenommen, weil man den Leuten so nah kam und so eine besondere Stimmung geherrscht hat.“ Jetzt würde man aber gerne wieder „normal“ touren. Angesichts von Omikron werde sich zeigen, ob das möglich sein wird. Möge die Zahl 13 Glück bringen.

(Das Gespräch führte Thomas Rieder/APA)

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