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„Miss Saigon“ überzeugt in Wien mit Bombast und Anspruch

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Ein ganzes Jahr covidbedingter Verspätungen hat sich summiert, bis sich am Sonntagabend endlich der Vorhang im Wiener Raimund Theater für das Erfolgsmusical „Miss Saigon“ heben konnte. Aber zumindest lässt sich nach der Premiere eindeutig sagen: Das Warten hat sich gelohnt. Der Einstand im frischrenovierten Haus ist eine ungewohnte Mischung aus kammerspielartigen Ensembleszenen und Bühnenbombast samt starkem Ensemble - eine Produktion mit dem Potenzial eines Long-Runs.

Die aktuelle Neuinszenierung durch Laurence Connor, die vor Wien bereits in London, New York oder Tokio zu sehen war, bedient schließlich beide Genrezweige der Musicalwelt - den Bühnenzauber und das intime Schauspiel - gleichermaßen. Aufseiten des Eventcharakters finden sich beeindruckend schnelle Szenen- und Bühnenwechsel, die teils mit einfachsten Mitteln lediglich dank einer perfekt abgestimmten Choreografie gelingen, während mittels Lichtregie aus dem Nichts eigene Räume geschaffen werden.

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Zugleich gibt es selbstredend auch im Raimund Theater die berühmte Hubschrauberszene des 1989 uraufgeführten Stücks, als die Amerikaner fluchtartig Vietnam verlassen. Doch legt sich über diese ob ihrer technischen Ausgestaltung nach wie vor beeindruckenden Sequenz im Jahr 2022 schmerzhaft die jüngste Erinnerung an die Bilder vom Flughafen Kabul mit den sich verzweifelt an die Maschinen der flüchtenden Amerikaner klammernden afghanischen Hilfskräften.

Und doch spiegelt auch diese nicht intendierte Überlagerung der Bildwelten den Grundcharakter des Stücks, erzählt das Musical des „Les Miserables“-Erfolgsduos Alain Boublil (Buch) und Claude-Michel Schönberg (Musik) seine obligatorische Liebesgeschichte doch vor einem dramatischen Hintergrund. Narrativ versetzt man Puccinis „Madama Butterfly“ in die Zeit des Vietnam-Krieges, wo sich der GI Chris und die Prostituierte Kim ineinander verlieben, einander jedoch im Chaos des Krieges verlieren, worauf Kim das gemeinsame Kind alleine zur Welt bringt. Als Chris drei Jahre später von der Existenz des Kindes erfährt, reist er mit seiner neuen Frau Ellen nach Asien. Und man weiß: Es wird nicht gut ausgehen.

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Die Stärke der Wiener Inszenierung ist nicht zuletzt das zentrale Liebespaar, das aus der Newcomerin Vanessa Heinz und Publikumsliebling Oedo Kuipers besteht. Während Heinz als fragile und doch willensstarke Frau überzeugt, zeigt sich Kuipers auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn als maskuliner Soldat mit weicher Seite. Beiden gelingt ein gemeinsamer Pas de deux aus Verliebtheit und Leid. Die dritte zentrale Figur des Abends ist der von Wien-Debütant Christian Rey Marbella gespielte Engineer, bei dem der Sänger als Nicht-Muttersprachler einige Sprachschwächen mit flamboyantem Charisma kompensiert. Hinzu kommt ein gut disponiertes Ensemble für die teils herausfordernden Choreografien, in dem sich sogar der ehemalige Song-Contest-Vertreter Vincent Bueno findet, und fertig ist das Paket für einen Musicalabend mit Anspruch, der gegenüber so mancher Albernheit am Markt deutlich heraus sticht.

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