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„Gott“ als fordernder Abend im Grazer Schauspielhaus

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Sterbehilfe ist nicht unbedingt ein Thema für einen unterhaltsamen Theaterabend. Im Grazer Schauspielhaus ist mit „Gott“ von Ferdinand von Schirach aber eine Aufführung gelungen, die durch knappen Meinungsaustausch spannender ist als viele handlungsreiche Dramen. Eine fiktive Ethikkommission diskutiert über den Wunsch eines 78-Jährigen, sein Leben mit ärztlicher Hilfe zu beenden. Das Publikum stimmte bei der Premiere am Freitag live darüber ab - mit überraschendem Ergebnis.

Assistierter Selbstmord, Tötung auf Verlangen, Behandlungsabbruch, Palliativmedizin - Themen, die kontrovers diskutiert werden und bei denen schon aufgrund der Emotionalität schwer ein Konsens zu erreichen ist. Für Graz erarbeiteten Regisseur Bernd Mottl und Daniel Grünauer eine eigene Fassung des Dramas, die auch auf die Gesetzeslage in Österreich eingeht. Mottl beschränkte sich auf eine klare und präzise Umsetzung des Textes, die der Wirkung der Diskussionsrunde zugute kam.

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Auf der mintgrünen Bühne (Friedrich Eggert) - alles ist vor dem Vorhang angesiedelt - befinden sich nur ein paar Sessel und ein Stehpult, mehr braucht es für diese Gesprächsrunde auch nicht. Eine Ethikkommission tagt, um den Fall des 78-jährigen Richard Gärtner zu besprechen. Der Mann möchte trotz guter Gesundheit nach dem Tod seiner Frau einfach nicht mehr leben und wünscht sich, mit ärztlicher Hilfe würdevoll sterben zu können.

Der Reihe nach führen die Hausärztin (Steffi Krautz), eine Juristin (Birte Leest), ein Arzt (Fredrik Jan Hofmann) und ein Theologe (Clemens Maria Riegler) ihre Argumente von der Kommissionsvorsitzenden (Susanne Konstanze Weber) moderiert ins Treffen. Befragt werden sie wie vor Gericht von einer Gegnerin der Sterbehilfe (Evamaria Salcher) und dem Anwalt Gärtners (Mathias Lodd), der dafür plädiert. Die Begründungen sind faktensicher gestaltet und lassen die Haltung des Autors durchscheinen, ganz besonders wenn er dem Anwalt und Gärtner selbst das letzte Wort in der Argumentationskette gewährt.

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Das Publikum erhält Abstimmungsgeräte und muss zunächst angeben, ob es generell für oder gegen Sterbehilfe ist. Am Premierenabend waren zu Beginn 77 Prozent dafür. Dann wurden die Argumente pro und kontra abgehandelt. Anschließend galt es zu beantworten, ob man im speziellen Fall dafür oder dagegen wäre. Interessanterweise beantworteten diesmal nur noch 57 Prozent die Frage mit „ja“, was angesichts der eindringlichen Appelle des Mannes selbst (großartig und berührend: Gerhard Balluch) erstaunlich war. Aber vermutlich war die Hemmschwelle, einem an sich gesunden Mann das tödliche Mittel auszuhändigen größer, als ganz allgemein für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod zu votieren. Ein sehr fordernder Abend, der durch faktenbasierten, aber durchaus auf Emotionen abzielenden Text und exzellente Darsteller überzeugte.

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