Massiver russischer Ansturm auf Kiew erwartet

Im Ukraine-Krieg mehren sich die Anzeichen für einen massiven Ansturm der russischen Armee auf die Hauptstadt Kiew. Wie der US-Nachrichtensender CNN in der Nacht auf Montag berichtete, ist ein „riesiger russischer Militärkonvoi“ dorthin unterwegs. Im Norden Kiews versuche die Armee eine Pontonbrücke über den Fluss Irpin zu bauen, schrieb der ukrainische Generalstab. Ein Versuch zur Eroberung der gleichnamigen Stadt sei erfolglos geblieben.

Die Kiewer Stadtverwaltung rief die Menschen dazu auf, nur bei dringender Notwendigkeit ihre Häuser zu verlassen. Straßenkämpfe fänden weiterhin in praktisch allen Bezirken der Stadt statt. Insgesamt sei die Nacht zu Montag verhältnismäßig ruhig verlaufen, abgesehen von einigen Gefechten und Kämpfen mit Sabotage- und Aufklärungsgruppen, hieß es. Die Stadt sei hauptsächlich damit beschäftigt gewesen, sich weiter auf ihre Verteidigung vorzubereiten. Sollten die Menschen also das Haus verlassen, sähen sie neue Befestigungen, Panzerfallen und andere Verteidigungsstrukturen.

Die ukrainische Agentur Unian meldete, dass von der Halbinsel Krim viele Bomber und Jagdflugzeuge nach Norden gestartet seien. Laut Unian sollten Kiew, die Städte Mykolajiw und Cherson im Süden sowie Charkiw im Osten zu den Zielen der russischen Kriegsflugzeuge gehören. Die staatlichen Behörden berichteten einige Stunden später von Explosionen in Kiew und Charkiw. In der Hauptstadt war es zuvor einige Stunden lang ruhig gewesen.

In der Großstadt Tschernihiw unweit der belarussischen Grenze soll eine Rakete in ein Wohnhaus eingeschlagen sein. Dadurch sei ein Feuer ausgebrochen, wie der staatliche Informationsdienst der Ukraine am Montag in der Früh auf Telegram schrieb. Angaben zu Verletzten gab es zunächst nicht.

Der ukrainische Generalstab hatte am Sonntag eingeräumt, dass die Lage „schwierig“ sei, weil der russische Beschuss „aus praktisch allen Richtungen“ andauere. Konkret wurde etwa auf den Luftwaffenstützpunkt Wassylkiw südlich von Kiew verwiesen, wo weiter erbitterter Widerstand gegen russische Angreifer geleistet werde.

Unian berichtete weiter, dass belarussische Fallschirmjäger den Befehl bekommen hätten, um 5.00 Uhr in die Ukraine zu fliegen. Sie beruft sich dabei auf Informationen von Andrej Strischak von der Nichtregierungsorganisation Bysol (Belarus Solidarity Foundation), die sich für Betroffene von politischen Repressionen in Belarus einsetzt. Der US-General und frühere NATO-Kommandant Wesley Clark sagte in CNN, dass ein Eingreifen belarussischer Soldaten das Problem der Verteidiger Kiews noch verstärken würde. Der belarussische Präsident Lukaschenko hatte nach Angaben von des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj noch am Sonntag versichert, nicht in den Krieg eingreifen zu wollen.

Das US-Verteidigungsministerium betonte indes, dass die heftige Gegenwehr der Ukrainer den Vormarsch der russischen Armee bremse. „Die Ukrainer leisten erbitterten Widerstand“, sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Ministeriums am Sonntag (Ortszeit) in einem Briefing für Journalisten. „Das ist heldenhaft, das ist inspirierend, und das ist für die Welt sehr deutlich zu sehen.“ Man beobachte zudem „Treibstoff- und Logistikengpässe“ der russischen Truppen.

„Nach unserer Einschätzung haben sie nicht mit dem Ausmaß des Widerstands gerechnet, auf den sie stoßen würden“, sagte der Regierungsvertreter weiter. Es sei aber davon auszugehen, dass die russischen Streitkräfte sich anpassen und die Herausforderungen bewältigen würden. Nach US-Einschätzung habe der russische Präsident Wladimir Putin erst zwei Drittel seiner für die Invasion an der Grenze zusammengezogene „Kampfkraft“ im Einsatz in der Ukraine.

Der ukrainische Generalstab gab indes eine neue Bilanz der russischen Verluste bekannt. Seit Beginn des Krieges am Donnerstag soll die russische Seite 4.500 Soldaten verloren haben, hieß es. Außerdem seien Hubschrauber, Panzer und weitere militärische Fahrzeuge zerstört worden. Von unabhängiger Seite ließen sich diese Angaben nicht überprüfen. Auch war unklar, wie sich diese Verluste (in Gefallene, Verwundete und Vermisste) untergliedern. Russland hatte am Sonntag erstmals Todesopfer im Krieg eingeräumt, aber keine Zahlen genannt.

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