Erstmals Feuerpause für humanitäre Korridore in der Ukraine

Im Ukraine-Krieg ist am Samstag erstmals eine von beiden Seiten vereinbarte Feuerpause in Kraft getreten. Russland lässt nach Angaben seines Verteidigungsministeriums humanitäre Korridore für die ukrainischen Städte Mariupol und Wolnowacha zu. Vollständig werde sie aber laut dem Stadtrat von Mariupol nicht eingehalten. Außerdem sollen nach Angaben eines Beraters des ukrainischen Innenministers für weitere Städte humanitäre Korridore eingerichtet werden.

Es werde mehr entsprechende Vereinbarungen mit Russland geben, sagte Berater Anton Heraschtschenko. Mariupol liegt am Asowschen Meer, Wolnowacha im Osten und ebenfalls in der Region Donezk. Zivilisten könnten innerhalb eines Zeitraums von ein paar Stunden die einkesselten Städte verlassen, hieß es. Zivilisten in Mariupol dürfen zwischen 12.00 und 17.00 Uhr Moskauer Zeit (10.00 bis 15.00 Uhr MEZ) aus der Stadt. Der humanitäre Korridor dort sei damit für fünf Stunden offen, meldete die russische Agentur RIA Nowosti am Samstag unter Berufung auf örtliche Behörden.

Zuvor hatte der Bürgermeister von Mariupol, Wadym Boitschenko, von einer Blockade der Stadt mit 440.000 Menschen und unerbittlichen russischen Angriffen gesprochen. Der humanitäre Korridor soll nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums für Zivilisten die Möglichkeit zur Flucht eröffnen. Nach ukrainischen Schätzungen könnten bis zu 200.000 Menschen die Stadt verlassen, also fast jeder zweite.

Mariupol liegt in der Nähe der früheren Frontlinie zwischen pro-russischen Separatisten aus der Ostukraine und der ukrainischen Armee. Die Einnahme der Hafenstadt würde einen Zusammenschluss der russischen Truppen mit Einheiten aus der Krim und dem Donbass ermöglichen.

Am Donnerstag hatten sich eine russische und eine ukrainische Delegation bei Verhandlungen im Westen von Belarus auf humanitäre Korridore in besonders umkämpften Gebieten der Ukraine verständigt. Doch warfen einander die Kriegsparteien am Freitag vor, Fluchtkorridore für Zivilisten zu behindern.

Abgesehen von der Ankündigung aus Moskau für Mariupol und Wolnowacha setzten die russischen Truppen am zehnten Tag des Krieges in der Ukraine ihre Angriffe fort. Das bestätigte das russische Verteidigungsministerium selbst im selben Atemzug: Die Offensive gehe weiter, meldete die Agentur RIA Nowosti.

Der russische Militärsprecher Igor Konaschenkow sagte, „Truppen der Volksrepublik Donezk“ schlössen den Ring um Mariupol. Zudem setzten die russischen Streitkräfte die „Entmilitarisierung“ der Ukraine fort. Mit Panzerabwehrraketen seien Munitionsdepots in der westukrainischen Stadt Schytomyr zerstört worden. Insgesamt habe man bisher mehr als 2.000 Objekte militärischer Infrastruktur und mehr als 700 Panzer der Ukraine vernichtet.

Die Angriffe konzentrierten sich nach ukrainischen Angaben darauf, die Hauptstadt Kiew und die zweitgrößte Stadt Charkiw einzukesseln. Kiew wurde erneut angegriffen, aus dem Zentrum waren Explosionen zu hören. Das ukrainische Medienunternehmen Suspilne berichtete unter Berufung auf die örtlichen Behörden, in der Stadt Sumy bestehe die Gefahr von Straßenkämpfen. Die Menschen in Sumy, das rund 300 Kilometer östlich von Kiew liegt, sollten in Schutzräumen bleiben.

Das russische Vorgehen ziele auch darauf ab, im Süden eine Landbrücke zur annektierten Halbinsel Krim zu schaffen, teilte der ukrainische staatliche Informationsdienst mit. Es werde „erbittert gekämpft, um ukrainische Städte von den russischen Besatzern zu befreien“, hieß es am Samstag in dem in Kiew veröffentlichten Morgenbericht der Armee. Das Militär behauptete, dass russische Soldaten „demoralisiert“ seien. Sie würden fliehen und ihre Waffen zurücklassen. Diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

In der Hauptstadt Kiew war die Nacht auf Samstag nach Angaben der Behörden „ruhig“. „Die Lage ist unter Kontrolle.“ Die Versorgung mit Elektrizität und Wasser funktioniere. Am Vormittag hätten die öffentlichen Verkehrsmittel wieder ihren Betrieb aufgenommen.

Nach Angaben Großbritanniens habe der Beschuss ukrainischer Ziele durch russische Luft- und Bodentruppen in den vergangenen 24 Stunden abgenommen. Das teilte das britische Verteidigungsministerium Samstag früh in seinem täglichen Lagebericht unter Berufung auf Erkenntnisse des Militärgeheimdienstes via Twitter mit.

„Insgesamt war die Zahl der russischen Luft- und Artillerieschläge, die in den vergangenen 24 Stunden beobachtet werden konnten, geringer als in den Vortagen“, heißt es in der britischen Mitteilung. Die Ukraine halte weiter die wichtigen Städte Charkiw, Tschernihiw und Mariupol. Es gebe Berichte über Straßengefechte in Sumy. Ferner rückten die russischen Truppen den britischen Erkenntnissen zufolge weiter auf die südukrainische Stadt Mykolajiw vor. Es sei aber möglich, dass diese Stadt umgangen werde, um sich auf den Vormarsch auf die Millionenmetropole Odessa zu konzentrieren.

Verlässliche Informationen zum Krieg dürften nun noch spärlicher werden. Denn in Reaktion auf ein neues Mediengesetz in Russland stellen mehrere internationale Sender und Agenturen ihre Arbeit dort ganz oder teilweise ein, darunter CNN, die BBC, der kanadische Sender CBC und Bloomberg. Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Freitagabend mehrere Gesetze unterzeichnet, die für „Falschinformationen“ über die russischen Streitkräfte Haftstrafen androhen. Im ukrainischen Kriegsgebiet wiederum sind Journalisten in Gefahr. Viele westliche Medien haben Kiew verlassen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wollte sich im Laufe des Samstags an den US-Senat wenden und um weitere Hilfe bitten. Die Konferenzschaltung war nach Angaben von Senatsmitarbeitern für 15.30 (MEZ) geplant.

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