Neue Feuerpause und Evakuierungsversuch in Mariupol

In der ukrainischen Großstadt Mariupol am Asowschen Meer hat am Sonntag ein neuer Versuch begonnen, Menschen über einen humanitären Korridor in Sicherheit zu bringen. Die prorussischen Separatisten der „Volksrepublik Donezk“ teilten mit, die ersten 300 Menschen hätten die Stadt „trotz Provokationen ukrainischer Nationalisten“ verlassen können. Die Angaben waren nicht überprüfbar.

Evakuiert werden solle von 12.00 Uhr Ortszeit an (11.00 Uhr MEZ), hatte Pawlo Kirilenko vom Koordinierungszentrum der Stadt zuvor mitgeteilt. Es sei eine Feuerpause von 10.00 Uhr bis 21.00 Uhr Ortszeit vorgesehen (9.00 Uhr MEZ bis 20.00 Uhr MEZ). In der Stadt lebten nach Behördenangaben rund 440 000 Menschen. Auf den humanitären Korridor hatten sich die ukrainische und russische Armee nach Verhandlungen geeinigt.

Bereits am Samstag war angekündigt worden, die ersten Menschen nach Inkrafttreten der Feuerpause mit Bussen aus der Stadt herauszubringen. Dazu gab es den Behörden zufolge an drei Punkten der Stadt Anlaufstellen. Auch mit Autos sollten die Bewohner die Stadt verlassen dürfen. Es war allerdings unklar, wie vielen Menschen das am ersten Tag gelang. Die ukrainische hatte der russischen Seite Verstöße gegen die Feuerpause vorgeworfen. Russland wies das zurück.

Der Leiter der ukrainischen Delegation für Gespräche mit Russland hofft auch auf einen humanitären Korridor aus der ostukrainischen Stadt Charkiw am Sonntag. „So Gott will“ werde es einen geben, schrieb David Arachamija in der Nacht auf Facebook.

Am Samstag war eine Evakuierung aus dem seit sechs Tagen unter Beschuss stehenden Mariupol gescheitert. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, gegen die verabredete Feuerpause verstoßen zu haben. Um 16.00 Uhr (MEZ) nahm die russische Armee eigenen Angaben zufolge die Angriffe auf die Großstadt und auf die Stadt Wolnowacha wieder auf.

Mariupols Bürgermeister Wadym Boitschenko sprach Samstagabend in einer TV-Sendung von einer „humanitären Blockade“. Russische Einheiten hätten alle 15 Stromleitungen in die Stadt ausgeschaltet, man sei bereits seit fünf Tagen ohne Strom. Schon vor Beginn des Krieges sei die Hauptwasserleitung abgetrennt worden, nach fünf Kriegstagen habe man auch die Reservewasserversorgung verloren. Die russische Seite sei sehr methodisch vorgegangen, um die Stadt von jeglicher Versorgung abzuschneiden und so inneren Druck zu erzeugen.

Nach Ansicht der ukrainischen Armee plant Russland nun, den Damm des Wasserkraftwerks Kaniw einzunehmen. Das teilte der Generalstab der ukrainischen Streitkräfte in einem Bericht in der Nacht auf Sonntag mit. Der Damm liegt rund 150 Kilometer südlich von Kiew am Fluss Dnipro. Bisher haben russische Truppen mehrere Einrichtungen der Energie-Infrastruktur zerstört, angegriffen oder eingenommen, darunter das größte Kernkraftwerk Europas in Saporischschja.

Russische Einheiten unterließen zudem keinen Versuch, in die südwestlichen Außenbezirke der Hauptstadt Kiew einzudringen, heißt es in dem Bericht weiter. In der Stadt wurde in der Nacht auf Sonntag mehrmals Flugalarm ausgelöst. Russische Truppen versuchten zudem, sich der Autobahn von der Kiewer Vorstadt Browary nach Boryspil, wo der internationale Flughafen Kiews liegt, zu nähern. In Richtung Koselets, das rund 70 Kilometer nordöstlich von Kiew liegt, sei die Bewegung von 100 Einheiten an Waffen und anderer militärischer Ausrüstung beobachtet worden, darunter vor allem Raketenwerfer.

Der Hauptfokus der russischen Truppen liege weiter auf eine Umzingelung der Städte Kiew, Charkiw im Osten und Mykolajiw im Süden. Die ukrainische Agentur Unian berichtete am Samstag, in der Region Charkiw seien seit Kriegsbeginn 194 Menschen getötet worden, darunter 126 Zivilisten. Diese Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen. Mehr als 2.200 Objekte militärischer Infrastruktur der Ukraine seien bisher zerstört worden, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Vernichtet worden seien 778 ukrainische Panzer und rund 100 Flugzeuge. Überprüfbar sind auch diese Angaben nicht.

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