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Beunruhigend: Marie Gamillschegs „Aufruhr der Meerestiere“

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Es gibt sie wirklich, die Meerwalnuss, lateinisch „Mnemiopsis leidyi“. Die Rippenqualle sieht mit ihrem regenbogenfarbigen Leuchten und ihrem ungreifbaren Körper geheimnisvoll aus. Mit ihren vielen Besonderheiten ist sie ein Faszinosum für Biologen, mit ihrer endemischen Vermehrung ein Schrecken der Ökologen. Sie würde sich hervorragend als Protagonistin eines Romans eignen, und lange sieht Marie Gamillschegs „Aufruhr der Meerestiere“ auch danach aus. Doch es kommt anders.

Hauptfigur ist dann doch ganz klassisch ein Mensch. Die junge Meeresbiologin Luise ist in Denken und Verhalten zwar ganz und gar nicht konventionell, doch nimmt der Roman, der anfangs auf unerwartete und aufregende Weise mitten in die Überlebensfragen des Planeten führte, in rasante und noch kaum erforschte Umwälzungen in den Ökosystemen und in das Infragestellen gesicherter wissenschaftlicher Erkenntnisse, bald Kurs auf scheinbar bekanntes, nämlich zwischenmenschliches Terrain. Doch auch dort gibt es noch manches zu entdecken. Und auch dort ist manches labil, ja geradezu am Kippen.

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Für ihren ersten Roman „Alles was glänzt“ wurde die in Berlin lebende Grazerin des Jahrgangs 1992 mit dem Österreichischen Buchpreis für das beste Debüt 2018 ausgezeichnet. Schon damals war der Raubbau an der Natur ein Thema. Der Boden unter einem Bergbaudorf war brüchig geworden, die Einsturzgefahr allgegenwärtig: „Überall Gänge, Löcher, Höhlen. Stollen und Schächte.“ In ihrem zweiten Roman lockt sie die Leser nun zunächst auf hohe See. In den leergefischten Gewässern verbreitet sich mit großer Geschwindigkeit eine Rippenquallenart. Durch Ballastwassertanks von Frachtschiffen gelangt sie in Meere, in denen keine natürlichen Feinde die Population in einem gesunden Gleichgewicht mit der Umgebung halten. Die Meerwalnuss ist „das gefährlichste Raubtier der Welt“, eine „Nutznießerin des Klimawandels“, ein „Monster der Anpassung“. Ihr massenhaftes Auftreten führt bereits zu Verstopfungen in Kühlwasserzuflüssen von Kernkraftwerken.

Luise gilt als Expertin in diesem noch jungen Forschungsgebiet, hat an einem wissenschaftlichen Institut in Kiel eine Festanstellung und hält Vorträge auf der ganzen Welt. Ihre Faszination für den seltsamen Organismus, der fast ausschließlich aus Wasser besteht, über kein Herz und kein Hirn verfügt und einen Anus temporär überall ausbilden kann, wo er benötigt wird, trägt Früchte: Der Zoo in ihrer Heimatstadt Graz möchte sein neues Forschungszentrum ausgerechnet der Meerwalnuss widmen, Luise reist zu einer Besprechung und begegnet dem Idol ihrer Jugend, dem Zoodirektor Schilling, der mit seinen naturkundlichen Fernsehsendungen („Schillings Tierwelt“) einst ihre Biologie-Begeisterung weckte.

Doch so banal, wie es klingt, wird‘s dann doch nicht. Ihre Quartiernahme in der väterlichen Wohnung wird zum Ausgangspunkt einer groß angelegten Auseinandersetzung mit einer schwierigen und von Schweigsamkeit geprägten Vater-Tochter-Beziehung, die ihre Kompliziertheit fortschreibt: Der Vater ist nach einem Herzinfarkt bei ihrem Bruder, die Wohnung ist leer und bietet Gelegenheit zu Spurensuche im eigenen wie im väterlichen Leben. Unterdessen laufen Sitzungen und Interviews aus dem Ruder, weil Luise mit ihren Gedanken abdriftet. Sie hat nicht nur das Gefühl, der menschheitswichtige Kern ihrer Forschung würde ignoriert und sie zum hübschen Schauobjekt angreifbarer Wissenschaft degradiert, auch ihre eigene Körperwahrnehmung gerät aus dem Lot.

Im Erzeugen von Irritationen beweist Gamillscheg sprachliche Meisterschaft. „War es nicht so schon genug Mühe, als dieselbe abends schlafen zu gehen, die morgens auch den Tag begonnen hatte?“ wird da gefragt, oder es heißt: „Die Wohnung und die Haut schrien durcheinander.“ An anderer Stelle resümiert Luise: „Sie wusste nicht, wie man Verantwortung übernahm, ohne zu verzeihen. Sie wusste nicht, wie man verzieh, ohne zu vergessen. Sie wusste nicht, wie man vergaß, ohne zu töten.“ Solche Sätze ziehen dem Leser den Boden unter den Füßen weg.

Die Begegnung mit einer ehemaligen Schulfreundin bringt den „Aufruhr der Meerestiere“ noch weiter weg von seinem Ausgangspunkt und noch mehr zu Luises Beschäftigung mit sich selbst. Das ist schade. Und doch hängt alles mit allem zusammen. Die Meerwalnuss beweist es uns. Sie ist nicht zu knacken. Sie überzieht die Weltmeere mit einer gallertartigen Masse. Kurz vor Ende des Buches gibt Gamillscheg einen kleinen, gespenstischen Ausblick in die Zukunft. Die Meerwalnuss hat gewonnen. Und nachts leuchten die Meere durch sie heller als der Vollmond.

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