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Nach unten treten: „BitSh!“ in der Semmelweisklinik

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Wenn ein trauriger Smiley die künftige Karriere eines Kindergartenkinds zerstört, man nach einem Workshop zu „Home-Staging im Leerstand“ nur mit einem Putzlappen dasteht oder sich der VIP-Service eines Callcenters wegen Personalmangels als Lüge entpuppt, ist man in der neoliberalen Welt von „BitSh!“ gelandet. „Bitte treten Sie hinunter!“ heißt es im Theaterparcours in der Regie von Veronika Glatzner, der am Mittwoch in der ehemaligen Semmelweisklinik Premiere feierte.

Hinter dem Projekt, für das Gregor Guth und Claudia Tondl vier Szenen geschrieben haben, steht Tempora - Verein für vorübergehende Kunst. Schauplatz ist ein leer stehendes Wirtschaftsgebäude der ehemaligen Frauenklinik in Wien-Währing, in der im vergangenen Herbst auch die Kunstmesse „Parallel Vienna“ stattgefunden hat und die auf ihre gewinnbringende Nachnutzung wartet. Ein perfekter Ort also, um die gesellschaftlichen Mechanismen von Auf- und Abstieg zu untersuchen. Das beginnt schon gleich am Anfang des zweistündigen Abends, wenn sich das Publikum in zwei Gruppen aufteilt: Jene, die ins All (also nach oben) fliegen wollen und jene, die mit einem Bungee-Seil lieber den Weg nach unten nehmen. Doch damit nicht genug. Betreten wird das Haus zuerst von den Erstgeborenen, gefolgt von Zweit- und Drittgeborenen und erst ganz am Ende von den Schlusslichtern kinderreicher Familien.

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Die so entstandene Hierarchie entscheidet, wer zuerst ans vermeintliche Ziel kommt. Im Fall der Bungee-Gruppe ist das die ehemalige Küche der Semmelweisklinik, von der noch gekachelte Wände, Bodenabflüsse und verwaiste Dunstabzüge zeugen. Dort finden sich mit Julia Schranz, Birgit Stöger und Daniel Wagner drei Jungeltern bei einer Wellness-Behandlung, während der nicht nur stolz vom - durch einen Anwalt durchgesetzten - Gruppenwechsel im Kindergarten berichtet, sondern auch ordentlich auf jene hinuntergetreten wird, die sozial schwach sind und ihre Kleinkinder nicht in Markenkleidung stecken (können). Das sorgt im Publikum für wissendes Kopfnicken und ersticktes Gelächter.

Dass der Weg nach oben trotz Sektbegleitung eigentlich auch nur der Beginn vom Weg nach unten ist, zeigt sich wenig später im Stiegenhaus, wo Michaela Bilgeri stimmgewaltig und waghalsig auf dem Geländer turnend von einer Kindheit erzählt, in der die Überlegenheit schon damit begonnen hat, beim ersten „Versuch“ der Eltern gezeugt worden zu sein. Dass auch VIP-Kunden im Callcenter nur im Kreis geschickt werden, wenn es die VIP-Abteilung wegen Personalmangels eigentlich gar nicht gibt, demonstrieren Bilgeri und Stöger schließlich in den ehemaligen EDV-Räumen im Erdgeschoß, wo zahlreiche Steckdosen und verlassene Server-Kästen die Kulisse einer prekären Arbeitswelt bilden. Als Jobcoach verspricht Wagner dem Publikum unterdessen hervorragendes Arbeitsklima, das dann aber auch nur bedeutet, dass sich hier alle duzen und man bei 6-Stunden-Schichten froh sein muss, wenn es eine - gesetzlich nicht vorgesehene! - 10-Minuten-Pause gibt.

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Wie man Menschen, die genug Geld haben, einen abgeranzten Leerstand verkauft, demonstriert schließlich Julia Schranz im Keller bei ihrem „Home-Staging-Workshop“, bei dem die „Alleinerzieherin mit Doppel- und Dreifachbelastung“ zeigt, dass der Geruch einer frisch geriebenen 3-Euro-Zitrone bei Besichtigungen ebenso Wunder wirken kann wie ein richtig platzierter Blumenstock.

„BitSh“ erinnert nicht zufällig an das englische Wort „bitching“, also „lästern“. Gregor Guth und Claudia Tondl loten in ihren pointierten Texten lustvoll die Schmerzgrenzen von gesellschaftlichen Hierarchien aus und bedienen bewusst Klischees, die der Realität mittlerweile gefährlich nah gekommen sind. Das Ensemble schlüpft genüsslich in die unterschiedlichen Rollen, tritt kräftig nach unten, buckelt nach oben und nimmt das durch die Räume wandelnde Publikum mit in Welten, aus denen man dann doch wieder gern aussteigt...

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