Ukraine meldet russischen Beschuss von Großstädten
Russische Truppen haben in der Nacht auf Samstag mehrere Großstädte im Süden des Landes mit Raketen beschossen. In der Stadt Dnipro seien zwei oder drei schwere Explosionen zu hören gewesen, berichtete das ukrainische Portal „Ukrajinska Prawda“. Beschossen wurde u.a. auch die Stadt Poltawa im Zentrum des Landes. Russland gab wenig später den Beschuss von zwei Militärflugplätzen bekannt. London berichtete unterdessen von vorrückenden ukrainischen Einheiten nahe Kiew.
Laut dem Regionalgouverneur der Region Poltawa wurde die gleichnamige zentralukrainische Stadt in der Nacht von russischen Raketen getroffen. Es seien Infrastruktureinrichtungen getroffen worden, schreibt Dmitri Lunin. Auch die Stadt Krementschuk sei angegriffen worden. Es habe zunächst keine Angaben über mögliche Opfer gegeben.
Beschossen wurde auch die Umgebung der Stadt Krywyj Rih. Dabei sei eine Tankstelle in Brand geraten, teilte der Chef der örtlichen Militärverwaltung, Olexander Wilkul, mit. Seinen Angaben nach setzten die russischen Kräfte Mehrfachraketenwerfer vom Typ Grad (Hagel) ein. Wilkul sagte weiters, der Kreis Krywyj Rih und das Verwaltungsgebiet Dnipropetrowsk insgesamt seien stabil in der Hand der ukrainischen Armee.
Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums wurden bei den neuen Raketenangriffen mehrere Dutzend Militärobjekte zerstört. Demnach wurde nahe der Handels- und Industriestadt Krementschuk, rund 300 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Kiew, Samstagfrüh ein Benzin- und Diesellager vernichtet.
Zudem seien zwei Militärflugplätze nahe der Stadt Poltawa und in der Nähe von Dnipro außer Gefecht gesetzt worden. Insgesamt seien innerhalb eines Tages 67 militärische Objekte zerstört worden, darunter auch Munitionslager, sagte Generalmajor Igor Konaschenkow. Zudem seien zwei Kampfhubschrauber vom Typ Mi-24 sowie 24 Drohnen abgeschossen worden. Wie alle Berichte aus den Kampfzonen waren die Angaben nicht unabhängig überprüfbar.
Derweil rücken nach britischen Geheimdienstinformationen ukrainische Truppen in der Nähe der Hauptstadt Kiew weiter auf russische Truppen vor, die auf dem Rückzug sind. Nach einer Mitteilung des Verteidigungsministeriums von Samstag in London dauern auch Versuche der Ukrainer an, am nordwestlichen Rand der Hauptstadt von Irpin in Richtung Bucha und Hostomel vorzustoßen.
Vom wichtigen Frachtflughafen Hostomel, der seit Beginn des Krieges am 24. Februar umkämpft ist, hätten sich die Russen inzwischen zurückgezogen, hieß es weiter. Auch entlang der östlichen Achse seien mehrere Dörfer von ukrainischen Einheiten zurückerobert worden, ebenso wie eine wichtige Straße in der Stadt Charkiw im Osten des Landes.
Laut ukrainischem Generalstab wurden auch die russischen Truppen aus der Sperrzone um das ehemalige Kernkraftwerk Tschernobyl und aus den angrenzenden Gebieten in Belarus zurückgezogen. Sie sollten augenscheinlich in das russische Gebiet Belgorod verlegt werden, von wo der Vorstoß nach Charkiw erfolgt. Das britische Militär ging aber davon aus, dass die Explosionen in einem Tanklager und einem Munitionsdepot in Belgorod die Versorgung der russischen Truppen vor Charkiw bremsen.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj rechnet unterdessen weiter mit heftigen russischen Angriffen im Osten des Landes. „Russische Soldaten werden in den Donbass geholt. Genauso in Richtung Charkiw“, sagte der Staatschef in einer Videoansprache in der Nacht auf Samstag. „Im Osten unseres Landes bleibt die Lage sehr schwierig.“
Das US-Verteidigungsministerium will der Ukraine inzwischen weitere Waffen im Wert von 300 Millionen Dollar (270 Millionen Euro) zukommen lassen. Unter anderem soll das neue Paket verschiedene Drohnen, Raketensysteme, gepanzerte Fahrzeuge, Munition, Nachtsichtgeräte, sichere Kommunikationssysteme, Maschinengewehre, medizinische Güter und die Bereitstellung von kommerziellen Satellitenbildern umfassen, wie das Pentagon am Freitagabend (Ortszeit) mitteilte.
Offenbar wollen die USA zusammen mit Verbündeten auch Panzer aus sowjetischer Produktion an die Ukraine liefern. Diese sollten die Verteidigung in der Donbass-Region stärken, schreibt die „New York Times“ unter Berufung auf einen US-Beamten. Die Panzer sollten bald dorthin gebracht werden. Das US-Verteidigungsministerium lehnte einen Kommentar ab, das US-Präsidialamt gab zunächst keine Stellungnahme ab.
Kommentare