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Abgehörte Funksprüche legen Gräueltaten an Ukrainern nahe

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Dem deutschen Bundesnachrichtendienst (BND) liegen abgefangene Funksprüche russischer Militärs vor, die an der ukrainischen Zivilbevölkerung verübte Gräueltaten nahe der Hauptstadt Kiew belegen. Wie der „Spiegel“ am Donnerstag berichtete, informierte der Auslandsgeheimdienst am Mittwoch Parlamentarier über den Inhalt der Funksprüche. Diese zeigen laut dpa, dass außerhalb von Kiew im März auch paramilitärische Einheiten im Auftrag der russischen Armee eingesetzt waren.

Der BND teilte auf Anfrage lediglich mit, er nehme zu Angelegenheiten, die etwaige nachrichtendienstliche Erkenntnisse oder Tätigkeiten betreffen, grundsätzlich nicht öffentlich Stellung. Damit sei keine Aussage getroffen, ob der Sachverhalt zutreffend sei oder nicht. Zu entsprechenden Themen berichte er insbesondere der Bundesregierung und den zuständigen, geheim tagenden Gremien des Bundestages. Am Mittwoch tagte das für die Kontrolle der Geheimdienste verantwortliche parlamentarische Kontrollgremium des Bundestages.

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Regierungssprecher Steffen Hebestreit hatte am Mittwoch zu Berichten über Gräueltaten in dem Ort Butscha gesagt, eine Auswertung von nicht-kommerziellen Satellitenbildern zeige, dass Opfer mindestens seit dem 10. März auf einer Straße gelegen hätten. „Glaubhafte Hinweise belegen, dass ab dem 7. März bis einschließlich 30. März russische Streit- und Sicherheitskräfte in diesem Gebiet eingesetzt waren. Sie waren auch mit der Befragung von Gefangenen befasst, die anschließend exekutiert worden sind. Das ist sind die Erkenntnisse, die wir haben“, sagte Hebestreit. „Die von russischer Seite getätigten Ausführungen, es handle sich um gestellte Szenen und man sei nicht verantwortlich für die Ermordungen, sind aus unserer Sicht damit nicht haltbar.“

Der FDP-Innenexperte Stephan Thomae sagte: „Es ist jetzt entscheidend, so schnell und umfassend wie möglich belastbare Beweise für die Kriegsverbrechen in der Ukraine zu sammeln.“ Deswegen sei es wichtig, dass Geflüchtete, die in Deutschland ankämen, entsprechende Hinweise an die örtlichen Polizeibeamten gäben. Daneben könnten in der Ukraine Bürger, Journalisten und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen Bild- und Filmaufnahmen auf der App Eyewitness to Atrocities hochladen.

Nach Angaben der örtlichen Behörden verdichten sich unterdessen im Kiewer Vorort Butscha die Hinweise auf russische Kriegsverbrechen. Etwa 90 Prozent der getöteten Zivilisten wiesen Schusswunden auf, sagte Bürgermeister Anatolij Fedoruk am Donnerstag der Deutschen Welle. Mit Stand Mittwochabend seien in Butscha 320 Leichen gefunden worden. Sie würden von Spezialisten untersucht. „Aber die Zahl der entdeckten Leichen steigt mit jedem Tag“, sagte Fedoruk. „Weil sie auf Privatgrundstücken, in Parks und auf Plätzen gefunden werden, wo es möglich war, die Leichen zu begraben, als es keinen Beschuss gab.“

Er selbst habe mehrere Fälle miterlebt, in denen russische Soldaten ukrainische Zivilisten getötet hätten, sagte Fedoruk. An einem Checkpoint hätten Russen das Feuer auf mehrere Autos eröffnet. In einem Wagen seien eine schwangere Frau und zwei Kinder getötet worden. Nun arbeiteten ukrainische und internationale Behörden in Butscha. „Das Wichtigste ist, die Verbrecher, die das getan haben, vor Gericht zu stellen“, sagte Fedoruk. Viele Angaben sind bislang noch nicht unabhängig überprüft.

Die Verwüstungen in der Stadt rund zwölf Kilometer nordwestlich des Kiewer Stadtrands seien enorm. „112 Privathäuser wurden bis auf die Grundmauern zerstört und können nicht wiederaufgebaut werden“, sagte Fedoruk.

Auch der Bürgermeister der Kiewer Vorstadt Irpin warf unterdessen nach dem russischen Abzug aus Irpin Russland schwere Kriegsverbrechen vor. In Irpin hätten russische Truppen die Männer von Frauen und Kindern getrennt, sagte Olexander Markuschyn am Donnerstag der Zeitung „Ukrajinska Prawda“ zufolge. „Diejenigen, die ihnen nicht gefielen - und das sind Fakten, es gibt Zeugen -, haben sie erschossen. Diejenigen, die nicht gehorchten, haben sie erschossen“, sagte Markuschyn. Die Toten seien dann absichtlich von Panzern überrollt worden. „Wir haben die Leichen mit Schaufeln vom Asphalt gekratzt.“

Markuschyn sagte, außerdem hätten die russischen Soldaten Frauen vergewaltigt. „Die russischen Invasoren töteten und demütigten nicht nur Frauen, sondern raubten auch gnadenlos die Wohnungen der Irpiner aus“, sagte Markuschyn. Gestohlen worden sei alles - von Waschmaschinen bis Unterwäsche.

Die Außenminister der sieben führenden Wirtschaftsnationen (G7) kündigten in einer von Großbritannien herausgegebenen gemeinsamen Erklärung an, dass die für die Gräueltaten in der Ukraine Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen würden. Zugleich verurteilten sie die Gräueltaten in Butscha und mehreren anderen ukrainischen Orten, die die russischen Streitkäfte verübt hätten, auf das Schärfste.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International berichtete unter Verweis auf ukrainische Augenzeugen von neuen Hinweisen auf russische Kriegsverbrechen in der Ukraine. Russische Truppen hätten ihren Informationen zufolge wiederholt unbewaffnete Menschen in deren Häusern oder auf offener Straße erschossen, teilte die Organisation am Donnerstag mit. In einem Fall sei eine Frau mehrfach vergewaltigt worden, nachdem ihr Mann getötet worden sei. „Die schockierenden Bilder aus Butscha sind ganz offensichtlich nur die Spitze eines Eisbergs der Grausamkeit und Brutalität“, sagte Janine Uhlmannsiek, Expertin für Europa und Zentralasien bei Amnesty International in Deutschland. „Alle Belege sprechen dafür, dass wir es hier mit Kriegsverbrechen zu tun haben.“

Ein Amnesty-Team sprach den Angaben zufolge in den vergangenen Wochen mit mehr als 20 Menschen aus Orten nahe der ukrainischen Hauptstadt Kiew, die russische Gewalttaten miterlebt oder unmittelbar Kenntnis von den Gewalttaten erhalten hätten. Man habe alle Fälle „quergecheckt“ und sich die Aussagen von weiteren Quellen bestätigen lassen, sagte ein Amnesty-Sprecher der Deutschen Presse-Agentur.

In einem Fall habe etwa eine 46 Jahre alte Frau aus Bohdaniwka nordöstlich von Kiew berichtet, dass russische Soldaten in ihr Haus eingedrungen seien und sie und ihren Mann in den Heizungsraum gedrängt hätten. Dann hätten sie ihren Mann nach Zigaretten gefragt. Als der verneint habe, hätten sie ihm zunächst in den rechten Arm, dann in den Kopf geschossen. Die Frau gab an, dass ihr Mann noch sechs Stunden lang geatmet hätte, bis er schließlich in der Nacht gestorben sei. Ein Nachbar hat laut Amnesty gesehen, wie die russischen Soldaten in das Haus eingebrochen seien. Auch habe der Nachbar angegeben, den zusammengebrochenen Körper des Mannes im Heizungsraum gesehen zu haben. Die 46-jährige Frau sei mit ihrer zehnjährigen Tochter noch am selben Tag geflohen. Die 81-jährige Schwiegermutter sei zurückgeblieben.

Mit Entsetzen reagierte der Kiewer römisch-katholische Bischof Vitalii Kryvytskyi auf die „barbarischen Taten“ in Butscha und anderen Vororten der ukrainischen Hauptstadt. „Es gibt keine mögliche Rechtfertigung für diese von den Russen begangenen Verbrechen. Ich bin mir sicher, dass alle, die für diese Verbrechen verantwortlich sind, zu gegebener Zeit bestraft werden“, sagte er laut Kathpress im Interview der italienischen katholischen Nachrichtenagentur SIR (Mittwoch). Im Moment stehe die Trauer im Vordergrund, so der Bischof der Diözese Kiew-Schytomyr: „Unsere Herzen sind vor Trauer gebrochen. Wir trauern um alle Opfer.“

In Orten wie Butscha, Irpin oder Hostomel hätten die Menschen vor dem Krieg „glücklich und in Frieden“ gelebt, sagte Kryvytskyi. „Innerhalb eines Monats hat sich alles verändert.“ Die Bilder aus den Regionen um Kiew zeigten nun eine endlose Weite von Trümmern, Zerstörung, Leichen und Massengräbern.

Die Ukrainer seien „Opfer von Hass geworden“, so der 49-jährige Salesianer. Diese Stimmung habe sich in Russland in den vergangenen Jahren aufgebaut und nun der ukrainischen Bevölkerung tiefe Wunden zugefügt. Die Täter müssten zur Rechenschaft gezogen werden, gleichzeitig sei weiterer Hass aber nicht die Antwort, betonte der Bischof. „Als Kirche müssen wir dafür sorgen, dass dieser Hass nicht in unsere Herzen eindringt.“


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