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Das Brechen von Kinderseelen: „Nicht sehen“ in Klagenfurt

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Die Gesellschaft schaute weg: Der Kinderarzt und Primar der heilpädagogischen Abteilung des Landeskrankenhauses Klagenfurt Franz Wurst übte jahrzehntelang sexualisierte Gewalt an Kindern aus. Der reale Fall steht im Zentrum der eindringlichen Theaterproduktion „Nicht sehen“ von Noam Brusilovsky, die bei der Premiere am Donnerstag vom erschütterten Publikum frenetisch gefeiert wurde.

„Wie fängt man an, so etwas zu erzählen?“, fragt Petra Morzé zu Beginn ratlos. Und dann beginnt die bunte Schar auf der Bühne zu reden, kommen nach und nach Zeitzeugen zu Wort, werden Protokolle zitiert, die in einem kürzlich erschienenen Buch der Soziologin Ulrike Loch und ihres Teams die Geschehnisse von einst illustrieren. Das Bild ist verheerend: Generationen von Kindern und Jugendlichen erfuhren in der „Heilpäd“ in Klagenfurt und im Landesjugendheim Görtschach bei Ferlach, das ebenfalls in die Verantwortung von Wurst fiel, massive sexualisierte Gewalt. „Die Ohrfeigen sind nur so geflogen“, berichtet Morzé, die so wie Axel Sichrovsky, der zweite Profi-Schauspieler, den Opfern eine Stimme gibt: „Es gab kein liebes Wort.“

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Sehr persönliche Worte finden hingegen Experten, die den Bogen zur Gegenwart spannen. Etwa der junge Syrer Muaz Abou Noumeh, der als Flüchtling in dem mittlerweile zum Quartier für unbegleitete Minderjährige gewandelten Kinderheim in Görtschach landete. Mit Schokolade am Kopfpolster und einer Pizza zur Begrüßung ahnte er damals nichts von der Geschichte des einstigen Schreckensortes. Oder die emeritierte Universitätsprofessorin Jutta Menschik-Bendele, die von der vermeintlich unfehlbaren männlichen Nachkriegsgeneration spricht, sachlich deren Verwurzelung in der Ideologie des Nationalsozialismus erläutert und persönliche Begegnungen mit ihren Repräsentanten schildert. Landeshauptmann Leopold Wagner meinte etwa beim Antrittsbesuch der Psychotherapeutin: „Wir brauchen keine Psychotherapie. Wir Kärntner sind gesund.“

Ricarda Wulz erzählt von ihrer Liebe zum Singen und ihrer wachsenden Skepsis am Einsatz der heimatseligen Kärntnerlieder („Kein Speckfest ohne Kärntnerlied“). Auch eine Begegnung mit Wursts Ehefrau Hilde in deren Pörtschacher Villa ist ihr in Erinnerung. Damals ahnte sie nichts von den Sexpartys im Haus, von denen die Protokolle berichten. Horst Ragusch, der einzige österreichische Türmer, der vom Klagenfurter Stadtpfarrturm aus über die Landeshauptstadt wacht, führt in seiner historischen Uniform durch den Abend.

Sehr gegenwärtig wirbeln Jugendliche des Theaterspielclubs am Stadttheater durch die Szenerie, oft mit Kopfhörern auf den Ohren und Kameras in der Hand, die zwischendurch das Publikum filmen und es auf eine Leinwand spiegeln. Ihre Sprache ist authentisch: „Es kann in Klagenfurt echt krass sein!“, ihre Lebenswelt zwischen Serien-Streaming, Drogenszene und Internet verortet. Skepsis gegenüber „dem ganzen Kärnten-Kitsch“ und ihr Wissen über Franz Wurst lassen hoffen: Diese Generation schaut genau hin.

Warum die Opfer von Franz Wurst so lange geschwiegen haben? „Es hat ja keiner geglaubt“, heißt es immer wieder in diesem aufrüttelnden Theaterprojekt, obwohl „sehr viele sehr viel gewusst, aber nichts gesagt haben“. Das honorige Netzwerk rund um den „Gott in Weiß“ Wurst bestand aus Hintermännern in Schlüsselpositionen und begründete das „systemische und strukturelle Versagen im Umgang mit sozial schwachen Kindern“ (Menschik-Bendele).

Der junge israelische Regisseur Noam Brusilovsky versucht nicht „Theater spielen“ zu lassen, sondern die komplexe Geschichte mit künstlerischen und dokumentarischen Mitteln zu erzählen. Mit Videoprojektionen, Livemusik und einer Klangkulisse aus Hintergrundgeräuschen schafft er einen sinnlichen Kontrast zu dem kargen Bühnenbild (Magdalena Emmerig), das einem anonymen Amt gleicht.

Einmal treten die beiden Profischauspieler aus ihren Rollen heraus: „Das ist keine Rolle. Das ist die Wahrheit, für mich wie eine Anwaltschaft“, meint Petra Morzé, die sich wundert: „Dass erst ein Mord begangen werden musste, damit man den Opfern zuhört!“ Denn das starke Stück endet mit dem Gerichtsverfahren gegen Franz Wurst, der wegen Anstiftung zum Mord an seiner Frau verurteilt wurde. Erst dann meldeten sich nach und nach die Opfer des Kinderschänders, der 2008 hochbetagt starb.

Mit diesem Stück Dokumentartheater, angesiedelt zwischen Peter Weiss, Rolf Hochhuth und Rimini-Protokoll, hat das Stadttheater viel gewagt - und gewonnen. Mit minutenlangen Standing Ovations schüttelte das begeisterte Premierenpublikum schließlich seine Beklemmung ab.

(S E R V I C E - „Nicht sehen“, ein Projekt von Noam Brusilovsky. Stadttheater Klagenfurt. Regie: Noam Brusilovsky. Bühne und Kostüme: Magdalena Emmerig. Musik & Sound: Tobias Purfürst. Video: Tina Wilke. Mit: Petra Morzé, Axel Sichrovsky, Muaz Abou Noumeh, Horst Ragusch, Jutta Menschik-Bendele, Ricarda Wulz; junge Darstellerinnen: OskarHaag, Lena Ronja Abl, Csaba Csögör, Noemi Beata Lang, Theresa Mößler, Maxima Rab, Linus Reimüller, Chiara Valentina Tarchini. Weitere Aufführungen: 20., 22., 30. April, 11., 13., 17., 19. Mai, jeweils 19.30 Uhr, www.stadttheater-klagenfurt.at)


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