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„Lohengrin“ bei Osterfestspielen Salzburg als Thriller

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Bekanntlich soll man ja gehen, wenn es am schönsten ist. Das trifft zwar nur bedingt auf Christian Thielemanns Abschied von den Osterfestspielen Salzburg zu, denn die Hintergründe sind alles andere als schön, doch auf sein Dirigat umso mehr. Prächtiger und einfühlsamer als am Samstagabend im Großen Festspielhaus kann Wagners „Lohengrin“ nicht mehr werden.

Nicht ganz im Sinne Wagners wollte allerdings das Regietrio Jossi Wieler, Anna Viebrock und Sergio Morabito handeln. Sie wollten das Werk nämlich als Thriller inszenieren, in dessen Zentrum ein sonst wenig beachteter, vermeintlicher Mordfall steht: die Geschichte von Thronfolger Gottfried, der nicht vom Spaziergang mit seiner Schwester zurückkehrt. So wurde aus der sonst hilflosen und zu Unrecht beschuldigten Elsa kurzerhand eine kaltblütige und machtgeile Täterin.

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Während des ersten Preludes lungert Elsa am Ufer eines Kanals, der sich am Fuße einer mächtigen Festung befindet und Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung ist. Was hat Elsa getan, das ihr einerseits eine diebische Freude ins Gesicht zaubert, sie andererseits aber auch dazu zwingt, sich immer wieder verdächtig umzusehen? Es muss etwas mit dem Verschwinden Gottfrieds zu tun haben, denn schnell findet sie sich des Brudermordes angeklagt vor Gericht wieder. Dahin schreitet sie strahlend und siegessicher. Hier ist sich jemand seines perfekten Verbrechens sicher. Die Frage, die sich dabei allerdings aufdrängt, lautet: Braucht so eine Elsa überhaupt einen Retter? So wie sie sich gibt, müsste sie sich eigentlich selbst verteidigen. Die Antwort lautet Ja, denn am Ende gibt immer noch Wagner die Handlung vor, und genau deswegen können an diesem Abend einige Regieideen gar nicht aufgehen.

Elsa muss sich also einen Ritter wünschen, und so spuckt ihr der Kanal auch prompt einen aus. Lohengrin kommt wie aus der Zeit gefallen mit wallender Mähne, Kettenhemd und Rüstung, die durch eine an den Knien aufgerissene Hose blitzt. Warum sollten die Brabanter so einen komischen, anscheinend schon auf dem Hinweg gefallenen Helden zu ihrem Schützer erklären? Noch dazu, wo er sich gar nicht als solcher bewährt. Bevor es nämlich zum Schwertkampf kommen kann, dessen Ausgang über Schuld oder Unschuld Elsas entscheiden soll, bricht Herausforderer Telramund mit einem Herzinfarkt zusammen. Das ist der Figur nicht würdig und schon gar nicht ihrem Sänger Martin Gantner. Der gibt den Widersacher mit schier unendlicher Energie und Leidenschaft. Zusammen mit einer wahnsinnig starken Elena Pankratova als Ortrud wird man im ersten Teil des zweiten Aufzugs Zeuge einer Wagner-Kür erster Klasse. So wie Telramund und Ortrud sich gegenseitig aufstacheln und einen Racheplan schmieden, so treiben sich die beiden Sänger in immer höhere Sphären. Daran hat auch Christian Thielemann größte Freude, denn so kann er die Sächsische Staatskapelle Dresden auch einmal richtig aufdrehen lassen. Das Sängerpaar kommt hier mit Leichtigkeit mit.

Einen weiteren Beweis, dass er in Sachen Wagner der Platzhirsch ist, liefert Thielemann im Prelude zum dritten Aufzug. Nach einem Start von null auf 100 hält er die Sachsen bei vollem Gas am langen Zügel, ohne dabei Gefahr zu laufen, aus der Kurve zu fallen, denn ehe es soweit kommen kann, hat der Dirigent sein Orchester schon wieder sanft und sicher abgefedert. Solche musikalischen Genussmomente sind leider nicht durchwegs möglich, denn immer wieder muss Thielemann aus Rücksicht auf seine Sänger einen Gang zurückschalten. So taff sie Elsa auch spielt, in ihrer gesanglichen Darstellung fehlt Jacquelyn Wagner das Durchhaltevermögen. Eric Cutlers Lohengrin hat durchaus heldische Anlagen, doch auch hier ist noch Luft nach oben. Dagegen sehr erhaben thront Hans-Peter König mit seinem kräftigen und königlichen Bass, der bis in die letzten Reihen vor Autorität sprüht.

Am Ende steht Elsa als gescheiterte Täterin da und muss Gottfried aus dem Wasser ziehen, der den Anschlag offensichtlich überlebt hat und entkräftet auf sein Schwert gestützt die Thronfolge antritt. Dieser Versuch eines Krimis ist nicht immer zu Ende gedacht, aber definitiv bildgewaltig anzuschauen. So detailverliebt wie Thielemanns Dirigat sind auch Kostüm und Bühnenbild von Anna Viebrock, auch wenn sie mit Weltkriegsuniformen, Glockenhüten und Graffiti etwas wild durch die Zeiten springt. Dem Publikum gefallen diese Regieexperimente überhaupt nicht und es tut dies auch lautstark kund. Leider trifft der Zorn die Falschen. Da nicht nur das Regieteam, sondern auch die Chorleiter aus zwei Männern und einer Frau bestehen und diese zuerst zum Schlussapplaus auftreten, prasselt ein Hagel voller Buhs auf die Drei nieder. Ganz das Gegenteil, nämlich Jubelstürme, hätten sie für die großartige Leistung des Chors allerdings verdient. Demonstrativen Jubel bekommt dagegen Christian Thielemann. Er macht Salzburg den Abschied alles andere als leicht.

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