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Blutige Elegien aus dem Limbus: „Troerinnen“ im Burgtheater

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Kahl geschoren, nackt, verzweifelt: Am Ende des Trojanischen Krieges sind es die Frauen, die ihre Männer, Kinder, Würde und ja, auch Macht verloren haben und irgendwo zwischen Erde und Hölle ihre Gedanken ordnen. Die australische Regisseurin Adena Jacobs hat Euripides‘ Drama „Die Troerinnen“ bei ihrem Burgtheaterdebüt bis aufs Gerippe dekonstruiert, um es mit neuen Textfragmenten und schmerzhaft starken Bildern neu zusammenzusetzen. Die Premiere am Samstagabend traf ins Mark.

Es ist vor allem die konsequente Ästhetik der Verzweiflung, der Ohnmacht und des Grauens, die diesen etwas mehr als zweistündigen, pausenlosen Abend ins Zeitlose überträgt. Dass der Probenbeginn in Wien ausgerechnet mit dem russischen Einmarsch in der Ukraine zusammenfiel, habe am Konzept zwar nichts mehr geändert, dem Projekt aber erschreckende Aktualität beigebracht, erklärte Jacobs vorab im APA-Interview. Und manche Bilder, die hier gefunden werden, erinnern tatsächlich schmerzhaft an jene, die derzeit über die Fernsehbildschirme flimmern. Dafür sorgt vor allem Bühnen- und Kostümbildnerin Eugyeene Teh, die jenen Limbus, in dem sich die trojanischen Frauen befinden, sicht- und spürbar macht.

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Das Personal des Stücks hat Adena Jacobs, die auch Texte von Ovid, Seneca und der australischen Dramatikerin Jane M. Griffiths verwendet, radikal zusammengekürzt. Die Troerinnen Hekabe, deren Tochter Kassandra, Andromache und Helena treten nacheinander auf, um von ihrem soeben erfahrenen Leid zu berichten. Umringt sind sie von den meist stummen Zeuginnen aus dem Chor, der in einer atemberaubenden Mischung aus Live-Auftritten und Projektionen auf transparentem Zwischenvorhang mit intensiver Choreografie beeindruckt. Das erste Bild gehört Sylvie Rohrer als Paris‘ Mutter Hekabe, die sich in hautfarbenem Ganzkörperanzug auf einem alten Gynäkologenstuhl windet und die klaffende Wunde auf ihrem Bauch behelfsmäßig zuzunähen versucht. Dabei berichtet sie vom Verlust ihres Gatten Priamos und ihren gemeinsamen Kindern, deren Tod sie leibhaftig miterleben musste.

In einem ausgebrannten Bus mit platten Reifen wartet der von Safira Robens angeführte Chor: Wie Flüchtende, die nicht vom Fleck kommen, sind auch sie in jener grauenhaften Zwischenwelt gefangen, in der die Vergangenheit unwiederbringlich verloren und die Zukunft mehr als ungewiss ist. Durch die scheibenlosen Fenster klettert schließlich Lilith Häßle als Kassandra, die das Unheil kommen sah, der jedoch kein Glauben geschenkt wurde. Häßle steht Rohrer in Intensität nichts nach, wenn sie vom erlittenen Grauen berichtet. Völlig gebrochen folgt schließlich der Auftritt Andromaches (Sabine Haupt), die in einem sich ständig vergrößernden und verkleinernden, gleißend ausgeleuchteten Guckkasten einen Inkubator bewacht, in dem ihr neues, in Gefangenschaft gezeugtes Kind liegt. Es gehört zu den quälendsten Szenen, wenn sie immerfort wiederholt: „Ich bin Andromache.“ Eine Selbstvergewisserung in Zeiten der Entmenschlichung.

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Schlussendlich bekommt auch Helena, durch deren Verbindung mit Paris der Trojanische Krieg ausgelöst wurde, zu Wort. „Als wir zum ersten Mal miteinander schliefen / War ich zum ersten Mal ein ganzer Mensch / Und ich habe es verstanden“, heißt es in dem von Gerhild Steinbuch übersetzten Text, der immer wieder auch griechische Passagen enthält. „Ich musste es tun. / Ich hatte keine Wahl“, sagt Patrycia Ziółkowska als Helena, die zunächst noch in schönen Gewändern und langen Haaren auftreten darf, bevor auch sie sich in das Bild jener Frauen einordnet, die jegliche äußere Schönheit verloren haben. Lang anhaltender Applaus für einen intensiven Abend, dessen Bilder noch lange nachhallen.

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