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Chaos und Ordnung: „Supergute Tage“ im Theater der Jugend

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„Supergute Tage“ sind für den jungen Christopher Boone jene, wenn er mehr als sechs rote Autos hintereinander sieht. Bei einer Bahnfahrt weiß er auf einen Blick, wie viele Kühe auf der Weide stehen, wie viele davon braun-weiß gescheckt sind, und wie viele ihren Kopf zu ihm gedreht haben. Dafür zuckt er aus, wenn man ihn berührt, fühlt sich unter vielen Menschen sehr unwohl und kann sich nur schwer orientieren. Boone ist Autist. Und steht im Zentrum eines Theaterstücks.

„Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone“ heißt der 2003 erschienene Roman des Engländers Mark Haddon, den Simon Stephens 2012 erfolgreich dramatisierte. Seither wird das Stück über die Probleme eines Burschen mit Asperger-Syndrom weltweit gespielt, so etwa 2014 am Volkstheater Wien. Bei dieser Österreichischen Erstaufführung bestand der Raum aus Hunderten Kuben, die sich wie Tetris-Elementen zusammensetzten. Ein naheliegendes Setting, denn die wichtigste Orientierungshilfe im Alltag des 15-Jährigen ist eine strenge Ordnung, in der alles zusammenpasst. Entsteht eine Lücke im Ablauf, verliert er schnell die Kontrolle. Bühnenbildnerin Janna Keltsch hat nun im Theater im Zentrum eine ähnliche Lösung gewählt: eine Art Bühnenlandschaft, die bald in einzelne Würfel zerlegt wird. Chaos entsteht. Christopher bekommt die Krise.

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Inszeniert hat die Produktion des Theaters der Jugend, die gestern Nachmittag Premiere hatte, die junge Regisseurin Carmen Schwarz, die „zwischen Süddeutschland und Brasilien“ aufgewachsen ist, am Mozarteum in Salzburg Regie studierte, heute in Köln lebt, auch als Fotografin arbeitet und davon träumt, „mal ein bilinguales Stück auf meiner Muttersprache Porto-Deutsch zu inszenieren“. Bisherige Inszenierungen bauten - nach eigenen Angaben - schon mal „Bühnenmagie und partizipative Spiele“ mit ein. Diesmal konzentriert sie sich auf die Darsteller. „Supergute Tage“ könnte gut (und vielleicht sogar besser) auch im leeren Raum stattfinden.

Jasper Engelhardt ist ein Glücksgriff für die knapp zweistündige Aufführung (eine Pause), die für Menschen ab 11 Jahren empfohlen wird. Der 28-Jährige schafft nicht nur eindrucksvoll, den fast halb so alten Burschen zu verkörpern, sondern hält in seiner Darstellung des Christopher auch sensibel die Waage zwischen sozialer Unauffälligkeit und den Reaktionen auf Ausnahmesituationen, die ihn komplett aus der Spur bringen, einen Polizisten schubsen oder Menschen mit dem Messer bedrohen lassen.

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Rund um ihn herrscht eine Art übersteigerter Realismus, der vor allem die Hilflosigkeit der Umgebung, mit der Besonderheit des Buben umzugehen, unterstreicht, immer wieder aber unfreiwillig komisch wird. Ob Eltern, Passanten, Priester oder Beamte - alle haben mit ihren eigenen Problemen mehr als genug zu tun. Einzig der Geldautomat (Frank Engelhardt in der kuriosesten Nebenrolle des Abends) funktioniert so, wie er soll. Und Christophers Betreuerin natürlich (Shirina Granmayeh). Die steht ihm als Art Schutzengel zur Seite, sodass er am Ende trotz aller Turbulenzen auch die Abschlussprüfung in Mathematik (was hier auf der letzten Silbe betont wird, so wie auch „Mohrrüben“ gegessen werden) schafft. Denn die Primzahlen sind jene Welt, in der sich Christopher am besten zurecht findet: ausufernd fantasievoll und streng strukturiert zugleich.

Ende gut, alles gut? Keineswegs. Aber immerhin: eine Etappe erfolgreich absolviert. Jene Jugendlichen, die nicht von Handyspielen während der Vorstellung abgelenkt waren oder zur Pause die Flucht ergriffen hatten, spendeten herzlichen Schlussapplaus.

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