Matschiner präsentiert eine Dopinganleitung ohne Namen
Der Fall Bernhard Kohl verlieh ihm Bekanntheit: Das Buch des ehemaligen Dopingmanagers Stefan Matschiner ist dort vage, wo Namen gefragt sind.
Von Gerd Millmann
Wien –Im Oktober 2010 wurde er wegen Verstoßes gegen das Antidopinggesetz zu 15 Monaten Haft verurteilt, jetzt will er sein Wissen zu Geld machen. „Grenzwertig“ heißt das 246 Seiten umfassende Buch, das der oberösterreichische Sportmanager Stefan Matschiner gestern auf den Markt geworfen hat. Darin schildert er die Dopingpraxis im Hochleistungssport und seine Beiträge dazu. Leider nur eingeschränkt, denn zu gerne hätte die Öffentlichkeit gewusst:
Welches Regierungsmitglied war denn über das Blutdopingprogramm bei Humanplasma in Wien eingeweiht? Wer war der deutsche Minister, der im Jahr 2000 Blutbeutel im Handgepäck zu den Sommerspielen transportiert haben soll? Und nicht zuletzt: Welche Sportler hat Matschiner gedopt?
Dazu hält sich der 35-jährige Ex-Mittelstreckler bedeckt. „Ich nenne grundsätzlich keine Namen und bei Funktionären will ich keine Klagen riskieren,“ meint er im TT-Gespräch. Im Buch kommen die gedopten Sportler deshalb mit Tarnnamen vor. Es sind Radfahrer, Leichtathleten, Skilangläufer, Bobfahrer und Fußballer. „Natürlich bringt es im Fußball Vorteile, wenn du auch in der 80. Minute noch koordinativ topfit bist“, verweist Matschiner die Aussage ins Reich der Legenden, wonach Doping dort nichts bringe.
Konkret wird der Ex-Manager auf die Frage nach dem Wie. Testosteron-Nachweiszeiten gibt er genauso an wie den „richtigen“ Einsatz von EPO, Wachstumshormon und Eigenblutdoping. Als Zusatzservice erklärt er, wie leicht man durch Designersteroide trotz Dopingkontrolle sauber bleibt. Als Beweis führt er das Präparat „AMTH“ an, das die Sonderkommission Doping in seinem Haus gefunden hat: Die Tester konnten nur die Trägersubstanz feststellen, also Sesamöl. Die Steroide des Mittels, das auch Bernhard Kohl verwendete, blieben unentdeckt.
„Einblicke in eine verlogene Szene“ wollte der Laakirchner bieten. Wobei für ihn die „Antidopingindustrie“ viel heuchlerischer sei als die Sportwelt. So führt er ein offizielles Dopinglabor an, in das er Urinproben seiner Athleten einschmuggeln ließ. „Gegen Cash natürlich,“ wie er betont. So wusste er regelmäßig, ob seine Athleten bei etwaigen Kontrollen als „sauber“ durchkommen würden. Dann erzählt Matschiner auch von einem heimischen Sportler, der nach drei positiven Dopingkontrollen „freiwillig“ zurückgetreten ist und bis heute als „sauber“ gilt.
Amüsant: das Kapitel Doping-Unfälle. Da schildert Matschiner einen Super-GAU der heimischen Sportszene (Sommer 2003). Dutzende heimische Sportstars seien dadurch Monate lang positiv getestet worden. Der Schaden hielt sich aber in Grenzen, denn laut Matschiner setzte ein hochrangiger Funktionär alle Hebel in Bewegung, damit keine Tests stattfänden. Und die Betroffenen unterzogen sich einigen „Blutwäschen“ im Blutlabor Humanplasma in Wien. Ob heute jemand seine Position als Dopingmanager einnimmt? „Sicherlich, das Vakuum muss ja gefüllt werden. Österreichs Sportler sind ja sonst gar nicht konkurrenzfähig. Aber jemand, der tut, was ich getan habe, muss wahnsinnig sein, denn das Antidopinggesetz ist viel strenger als vor drei Jahren,“ schränkt er ein. Zusatz: „Deshalb dopen viele heimische Sportler heute im Ausland.“
Im Spitzensport sei Dopen fair, „weil es alle machen“. „Wenn bei der Tour de France die Teammanager oder die Fahrer der Ausreißergruppe mit Geld ausmachen, wer die Etappe gewinnt, dann ist das weit schlimmer. Noch dazu, wenn darauf gewettet wird.“
Es ist schon viel Vergangenheitsbehübschung dabei, wenn der ehemalige Sportmanager über seine Sportwelt von gestern auspackt. Sein Buch relativiert Dopingvergehen. Und die sind denen gegenüber unfair, die sauber ihre Erfolge einfahren.
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