„Die Leute wollen einfach nur leben“

Der Experte Rachid Ouaissa über das Ende der Ideologien in der arabischen Welt, die Frustration der jungen Menschen und die Gründe, warum der ägyptische Machtapparat wohl doch nicht zusammenbricht.

Von Floo Weißmann

Kairo – Hinter den Protesten, die nach Tunesien nun auch Ägypten und andere Länder erfasst haben, steht ein historischer Umbruch. „Wir erleben das Ende der Ideologien, die den arabischen Raum über Jahrzehnte geprägt haben – Nationalismus und Islamismus“, sagte der Politologe Rachid Ouaissa im Gespräch mit der Tiroler Tageszeitung. Der gebürtige Algerier leitet das „Centrum für Nah- und Mittel­ost-Studien“ in Marburg.

Selbst große Organisationen wie die ägyptischen Muslimbrüder könnten nicht mehr die Straße mobilisieren, sagt Ouaissa. Stattdessen gebe es eine Bewegung von frustrierten Individuen. „Jeder rebelliert für sich selbst; sie bilden durch ihre Zahl eine Masse, aber sie sind nicht gebündelt durch eine Ideologie.“ Die Menschen hätten die Nase voll, „sie agieren spontan und dynamisch, sie brauchen keine großen Redner oder Anführer.“

Getragen werde diese Bewegung vorwiegend von einer neuen, wachen Generation. „Die Macht des Wandels in der arabischen Welt kommt aus der Jugend“, sagt Ouaissa. Viele seien gut ausgebildet, aber durch die Strukturen gehemmt und erniedrigt. „Das Alltagsleben ist eine Demütigung. Jeder Polizist kann ihre Papiere einziehen, und dann müssen sie bezahlen, um sie wiederzubekommen.“

Anders als die Nationalisten oder die Islamisten wollten die Demonstranten dieser Tage nicht die Welt verändern, „sondern einfach nur leben“. Und dafür wollen sie die verhassten Machthaber loswerden. Darüber hinaus kann der Experte „keine klare Agenda“ dieser Masse aus individuellen Rebellen erkennen.

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Ouaissa beobachtet, dass der Umsturz in Tunesien die Menschen „in großen Teilen der arabischen Welt ermutigt“ hat. Dennoch bezweifelt er, dass auch benachbarte Regime fallen werden. In Ägypten und Algerien stelle die Armee einen „Grundpfeiler der Legitimität des Staates“ dar. Die Folge: „Wenn das Regime wackelt, dann wackeln auch die Interessen der Militärs.“ Ouaissa ist deshalb überzeugt, dass die Armee in Ägypten und Algerien ohne Zögern zugunsten der Staatsmacht eingreifen würde, während sie in Tunesien zumindest indirekt am Umsturz beteiligt war. Außerdem verfüge das „korrupte Regime“ in Algerien über Öleinnahmen und „kann sich deswegen einiges leisten“.

Für den Experten besteht allerdings die „Hoffnung, dass es in Ägypten und Algerien zu Reformen kommt“. Er warte darauf, dass der ägyptische Präsident Hosni Mubarak Sozialprogramme und kosmetische Korrekturen verspricht. Außerdem könne Mubarak die Weitergabe der Macht an seinen Sohn vergessen. Das sei bereits „ein großer Schritt für ägyptische Verhältnisse“.


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