Mirjam Zadoff: „Es geht um die Grauzone“

Das Münchner NS-Dokumentationszentrum setzt neuerdings auf zeitgenössische Kunst. Die Direktorin, Tirolerin Mirjam Zadoff, über ein besonderes Experiment.

Die Tirolerin Mirjam Zadoff ist Direktorin des Münchner NS-Dokumentationszentrums.
© Orla Connolly

Wieso sucht das NS-Dokumentationszentrum die Auseinandersetzung mit der Kunst?

Mirjam Zadoff: Als ich das Haus 2018 übernahm, wurde ich mit einer Dauerausstellung konfrontiert, die sehr genau und sehr gut gemacht ist. Es geht um Aufklärung. Emotionalisierung, persönliche Geschichten haben keinen Platz. Ein Punkt, der übrigens auch kritisiert wurde. Der Besucher bleibt immer auf Distanz. Ich möchte über die Kunst neue Bezüge herstellen, die persönlichen Geschichten erzählen. Bei der Kunst, die wir zeigen, geht es nicht um Wissensvermittlung, sondern darum, wie man Menschen erreicht. Wir kontrastieren diese beiden Zugänge.

Entstanden ist eine sehr dichte Ausstellung. Funktioniert das?

Zadoff: Natürlich gibt unsere Dauerausstellung schon ein gewisses Pensum an Information vor, die Wechselausstellung öffnet noch zusätzliche Räume. Was uns deshalb wichtig war: Man kann sich einzelne Bereiche herauspicken. Unsere Audioguides bieten etwa ganz bestimmte Wege durch die Schau. Außerdem kann man das Haus jetzt bei freiem Eintritt besuchen, weil wir uns wünschen, dass die Besucher nicht mehr nur kommen, um ihre Schuldigkeit zu tun, und dann nie wieder zurückkehren. Ich möchte ein offenes Haus. Man kann gar nicht reingehen mit dem Anspruch, alles mitzunehmen. Gleichzeitig wollen wir niederschwellig vermitteln. Ich glaube nicht, dass die Besucher derzeit das Gefühl haben, auf etwas sehr Elitäres zu treffen.

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Wie kam die Zusammenarbeit mit Kurator Nicolaus Schafhausen zustande, dessen Weggang aus Wien auch kritisiert wurde?

Zadoff: Ich habe seine Arbeit schon länger verfolgt, schätze seine politischen Projekte. Er sieht die Wirkmächtigkeit der klassischen Kunstinstitutionen eingeschränkt, deshalb zog er auch von der Kunsthalle Wien ab. Ich habe ihn daraufhin gefragt, ob er sich eine Zusammenarbeit vorstellen könnte. Wir haben uns dadurch einem neuen Publikum geöffnet: Das klassische Münchner Kunstpublikum besucht unser Haus.

Zur Person

1974 In Innsbruck geboren, studierte Mirjam Zadoff Geschichte und Judaistik in Wien, promovierte und habilitierte sich in München. 2014 führte sie eine Professur an der Indiana University Bloomington in die USA. 2018 kehrte sie zurück nach München, ihr Mann, Noam Zadoff, hat eine Professur (Israel-Studien) an der Universität Innsbruck inne.

Stimmen Sie Schafhausen zu, was die eingeschränkte Wirkmächtigkeit klassischer Institutionen betrifft?

Zadoff: Diese Frage stellt sich vielen Institutionen. Die politische Zuspitzung erfordert es, Stellung zu beziehen. Ob man will oder nicht. Das betrifft sowohl klassische Kunsthäuser als auch historische Museen und Universitäten. Gerade Häuser, man denke an deutsche Theater, die sich bewusst positionieren, sind oft Attacken ausgeliefert. Es ist wichtig, dass Kulturinstitutionen ihre Funktion immer neu hinterfragen. Was uns in den vergangenen Monaten beschäftigt hat, ist, wie sich Institutionen besser vernetzen können und Synergieeffekte verstärkt werden können – etwa zwischen Wissenschaft und Kunst. Diese Grenzen müssen fallen. Museen sollten sich wie auch Theater als offene Strukturen begreifen, in denen lebendige Demokratie stattfinden kann. Das Politische ist unserem Haus natürlich schon eingeschrieben. Wir können nicht nicht politisch sein.

Wie stehen Sie dazu, wenn das Erinnern lautstark eingefordert wird, wie etwa vom Zentrum für Politische Schönheit. Zuletzt wurde eine Stele mit der Asche von Holocaustopfern als Mahnmal inszeniert.

Zadoff: Diese aktuelle Aktion finde ich destruktiv und absolut problematisch. Die Arbeit hatte nur eine weitere Polarisierung in einer ohnehin schon polarisierten Gesellschaft zur Folge. In unserer Ausstellung geht es nie um Polarisierung oder Provokation, sondern um die Betonung davon, wie zentral die Diskussionen über Erinnerung sind, wie konstruktiv darin die Rolle der Kunst ist. Dass das Zentrum für Politische Schönheit Stellung bezieht, ist gut. Darüber zu sprechen, was mit der Asche der Opfer passiert, ist wichtig, und das Thema wurde in der Regel vermieden. Das Problem ist aber die Instrumentalisierung. Dass sie sich nicht dafür interessieren, was Gemeinden und Nachkommen darüber denken, macht das Ganze heuchlerisch. Ihre früheren Aktionen bewegten noch Diskussion. Das muss Demokratie aushalten.

Ihre Ausstellung spricht auch über Ambivalenzen, die eine Gesellschaft aushalten muss. Sie zeigen ein Gemälde von Emil Nolde.

Zadoff: Und es hängt dort, nicht um zu zeigen, wie verlogen die Diskussionen laufen, sondern gerade um zu sagen: Die Dinge sind komplex. Es dauerte sehr lange, bis Emil Nolde richtig eingeordnet wurde. Problematisch ist es, wenn Geschichte schwarz und weiß gemalt wird. Gerade mit Figuren wie Nolde tut man sich schwer. Er hat vom Nationalsozialismus profitiert, ist aber auch Opfer. Es geht aber gerade um diese Grauzone. Das Bild selbst ist aber auch einfach schön. Das muss man ebenso gelten lassen.

Das Gespräch führte 
Barbara Unterthurner

Längst fälliger Umweg für einen Ort des Erinnerns

Das NS-Dokumentationszentrum in München verzeichnet Besucherrekorde. Nicht nur wegen des freien Eintritts – wie Direktorin Mirjam Zadoff im Gespräch erwähnt. Das Haus hat sich ein neues Publikum erschlossen und erkannt, dass Geschichte über den Umweg der Gegenwart ständig neu erfahrbar wird. Der Ort der Erinnerung hat diesen Umweg facettenreich und mit qualitätvoller Kunst beschritten.

Zadoff hat dafür Nicolaus Schafhausen ans Haus geholt und mit ihm einen kritischen Kurator, der das Potenzial von zeitgenössischer Kunst längst außerhalb des White Cubes verortet. Klug und nachvollziehbar wurden für die Wechselausstellung „Tell me about yesterday tomorrow“ deshalb Werke von über 40 internationalen Kunstschaffenden auf allen Ausstellungsflächen des Zentrums verteilt. Die Kunst besetzt Seminarräume und das im Untergeschoss liegende Lernforum. In breit angelegten diskursiven Formaten wird im Juni der öffentliche Raum bespielt und besprochen.

Baseera Khans gestaltete ihre Nikes selbst über das Anpassungsprogramm des US-Sportartikelherstellers. Bis 2017 ließ Nike „Islam“ oder „Muslim“ als Begriff nicht zu, mit „Muslima“ entging Khan der Nike-Zensur.
© Baseera Khan

Aktuelle Kunst dringt in die im Haus überall präsente NS-Vergangenheit ein; neben Arbeiten, die aus dieser Zeit kommen (u. a. Harald Pickers ergreifende Grafiken, die schon in „Zwischen Ideologie, Anpassung und Verfolgung“ im Innsbrucker Ferdinandeum zu sehen waren) fanden Werke Einzug in die Schau, die direkt auf die Zeit referieren: Annette Kelm etwa zeigt „Verbrannte Bücher“, für die sie öffentlich verbrannte Literatur als „Überlebende“ porträtiert.

Andere Werke verweisen über die Gegenwart indirekt auf die NS-Zeit: Sebastian Jung etwa erschuf aus seinen Beobachtungen bei den Demonstrationen in Chemnitz die Serie „Besorgte Bürger“. Ebenso wichtig: Ein Teil der Werke erweitert den deutschen Diskurs um internationale Perspektiven. Turner-Preisträger Lawrence Abu Hamdans’ Video „Once Removed“ verhandelt den libanesischen Bürgerkrieg, Baseera Khans Objekte untersuchen, wie sich kapitalistische Marktstrukturen in Mode, Religion und den Körper einschreiben.

„Tell me about yesterday tomorrow“ ist dicht, fordert heraus. Lässt man sich darauf ein, wird die Schau zur längst fälligen Bereicherung für Ort und Betrachtende.


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