Pitztal/Ötztal zurück an den Start: Nachdenkpause für Gletscherehe

Nach Vertagung der Umweltverhandlung für die Gletscherehe gibt es viele offene Fragen: Kommt ein völlig neues Projekt? Ziehen Ötz- und Pitztaler noch an einem Strang?

Symbolfoto.
© TT / Böhm

Innsbruck – Offiziell soll die Vertagung dafür genützt werden, um substanzielle Probleme zu klären. Zum Beispiel, welche geplanten Maßnahmen bereits jetzt vom Gletscherschwund betroffen sind und welche Abweichungen von den derzeit eingereichten Unterlagen in zwei bis fünf Jahren eintreten könnten. Außerdem wollen sich die Pitztaler und Ötztaler Gletscherbahnen noch einmal intensiv mit den Auswirkungen auf das Landschaftsbild befassen, die im Umweltverträglichkeitsgutachten für die mittlerweile gestoppte mündliche Verhandlung als untragbar eingestuft werden.

Das Land stimmte der Verschiebung zu, gleichzeitig gärt es im Hintergrund: im Ötztal wie im Pitztal. Die Einigkeit dürfte bröckeln, in den nächsten Tagen soll deshalb überlegt werden, wie es generell mit dem Vorhaben weitergeht. Die Pitztaler würden 90 Prozent der Investition von 132 Millionen Euro stemmen, der Zusammenschluss betrifft vorwiegend ihren Gletscher. Zuletzt geisterten Alternativen durch das Pitztal. Für die Gemeinde St. Leonhard ist die neue Zubringerbahn, die die bestehende Stollenbahn ersetzen soll, jedoch eine unabdingbare Voraussetzung für die Zustimmung. Einer scheibchenweisen Realisierung von „oben nach unten“ will sie nicht zustimmen.

Video: TT-Studiogespräch zur Gletscherehe Pitztal/Ötztal

Dass eine Verkleinerung angedacht wird, ist ein offenes Geheimnis. Möglicherweise bleibt es nicht bei einem Überarbeiten der Gletscherehe, sondern sie wird völlig neu aufgesetzt. Oder vielleicht sogar auf Eis gelegt, obwohl die beiden Geschäftsführer, Rainer Schultes (Pitztaler Gletscherbahnen) und Walter Siegele (Ötztaler Gletscherbahnen), nach wie vor die grundsätzliche Bereitschaft und Absicht bekräftigen, den Zusammenschluss der beiden Gletscherskigebiete zu realisieren.

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Eine Weichenstellung ist jedenfalls von der Verwaltungsratssitzung der Ötztaler Bergbahnen am Montag zu erwarten. Sie wurde am Donnerstag kurzfristig einberufen.

Video: Visualisierung des geplanten Zusammenschlusses

Die Umweltinitiativen sehen in der Vertagung der UVP-Verhandlung jedenfalls eine Chance. Alpenvereinspräsident Andreas Ermacora begrüßt diesen Schritt. „Wir sehen uns in unseren Argumenten bestätigt. Gletscherlandschaften sind hochsensible, nicht regenerierbare Lebensräume, die besonderen Schutzes bedürfen.“ Für den Präsidenten des Umweltdachverbands, Franz Maier, gibt es jetzt die Möglichkeit einer Nachdenkpause. „Es geht um Weichenstellungen für die Tourismus- und Seilbahnpolitik in Tirol.“ Christoph Walder vom WWF Tirol fordert einen vollständigen Stopp der Gletscher-Verbauung und endlich verbindliche Ausbaugrenzen in Tirol. (pn)

Aus der Stellungnahme der Ötztaler Gletscherbahnen:

Auf Grund des fortschreitenden Gletscherrückgangs wurde festgestellt, dass sich der Ist-Zustand des Gletschers gegenüber dem Zustand zum Zeitpunkt der Einreichung des Projektes im Jahr 2016 in einigen Teilbereichen verändert hat. Das Land Tirol verlangt deshalb von den Projektwerbern eine detaillierte Darstellung über die konkreten Auswirkungen durch den Gletscherrückgang. So gilt es darzustellen, welche im Projektvorhaben geplanten Maßnahmen bereits jetzt von den Rückgängen betroffen sind und welche Abweichungen von den derzeitigen Einreichunterlagen in zwei bis fünf Jahren zu erwarten sind.

Im öffentlich aufliegenden Umweltverträglichkeitsgutachten für den geplanten Skigebiets-Zusammenschluss von Pitztal und Ötztal ist in einigen Fachbereichen von wesentlichen, in zwei Fachbereichen von „untragbaren“ Auswirkungen auf Schutzgüter die Rede. Zum einen auf das Schutzgut Mensch durch Lärmentwicklung während der Bauarbeiten und zum anderen auf das Landschaftsbild. Während für die zu erwartende Lärmentwicklung bei den Bauarbeiten bereits entsprechende Lösungen erarbeitet werden konnten, bedarf es im Bereich „Landschaftsbild“ noch einer vertiefenden Ausarbeitung mit den Fachplanern.

„Wir möchten und werden diesen neuen Anforderungen vollumfänglich nachkommen. Es ist uns insbesondere ein Anliegen, die absehbaren Veränderungen durch den Gletscherrückgang transparent zu beschreiben. Allerdings verlangen die benötigten neuen Unterlagen einer grundlegenden Erörterung der Projektdetails mit Fachplanern und Fachgutachtern. Dazu ist eine neuerliche, fundierte planerische Annäherung an wesentliche Teile unseres Vorhabens nötig. Das macht auch weitere Vor-Ort-Besichtigungen im Frühjahr notwendig. Aus diesem Grund haben wir beim Land Tirol eine Vertagung der mündlichen Verhandlung im Rahmen der Umweltverträglichkeitsprüfung beantragt“, erklären Eberhard Schultes, Geschäftsführer der Pitztaler Gletscherbahn sowie Walter Siegele, Geschäftsführer der Ötztaler Gletscherbahn in einem gemeinsamen Statement.

Die grundsätzliche Bereitschaft und Absicht, den Zusammenschluss der beiden Gletscherskigebiete zu realisieren, bleibt ungeachtet der beantragten Verschiebung aufrecht. „Wir werden nun die beantragten Unterlagen ausarbeiten und beim Land Tirol einbringen. Anschließend kann die zuständige Behörde über einen neuerlichen Termin für eine mündliche Verhandlung befinden“, erklären Schultes und Siegele.


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