Lungenkrankheit in China: Sprunghafte Ausbreitung, Krisensitzung der WHO

Das Coronavirus in China breitet sich weiter aus. Im Vergleich zum Vortag ist die Zahl der nachgewiesenen Infektionen erneut deutlich angestiegen. Viele Chinesen fühlen sich an die große Sars-Pandemie erinnert. Nach der Risikobewertung soll die WHO am Mittwochabend darüber entscheiden, ob sie einen internationalen Gesundheitsnotstand ausruft.

Viele Menschen versuchen sich mit Masken zu schützen.
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Wuhan, Peking, Pjöngjang, Genf – Die Erkrankungen durch das neuartige Coronavirus in China haben sich sprunghaft weiter ausgebreitet. Nach einer neuen Zwischenbilanz der chinesischen Regierung vom Mittwoch stieg die Zahl der Todesopfer um drei auf mindestens neun. Die Zahl der Erkrankungen wuchs demnach um mehr als 100 neue Fälle allein in China auf rund 473. Demnach wurde das neuartige Virus bisher in 23 Provinzen des Landes nachgewiesen.

Die WHO will sich am Mittwoch in einer Krisensitzung mit dem Erreger befassen.

Der für Gesundheitspolitik zuständige chinesische Vizeminister Li Bin warnte, dass das Virus mutieren und sich weiter ausbreiten könnte. Die Sorgen werden durch den intensiven Reiseverkehr rund um den chinesischen Neujahrstag am kommenden Samstag gesteigert. Rund um das Fest sind jedes Jahr Millionen Chinesen per Zug, Bus oder Flugzeug im Land unterwegs. Nach chinesischen Angaben ist das Virus von Mensch zu Mensch übertragbar.

Die nationale chinesische Gesundheitsbehörde kündigte verstärkte Desinfizierungen von Flughäfen und Bahnhöfen sowie in Einkaufszentren an. Falls notwendig könnten in Zonen mit dichtem Menschenandrang auch Fiebermessungen vorgenommen werden. Die meisten der Infizierten leben in der zentralchinesischen Millionenmetropole Wuhan. Ein dortiger Fisch- und Geflügelmarkt gilt als Ausgangspunkt des Erregers. Die genaue Quelle wurde bisher nicht identifiziert. Mutmaßlich gingen die Infektionen ursprünglich von einem Tier aus. Vizeminister Li kündigte an, die Forschungen zu Ursprung und Übertragung des Virus würden verstärkt.

Die EU-Kommission versicherte unterdessen, dass sie gegen eine mögliche Ausbreitung des Virus nach Europa gewappnet sei. Die Brüsseler Behörde sei darauf vorbereitet, rasch „potenzielle Gegenmaßnahmen zu unterstützen und zu koordinieren, sollte dies erforderlich sein", sagte Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides der Zeitung "Die Welt". Zusammen mit dem Europäischen Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC) beobachte die Kommission die Ausbreitung des Erregers sehr genau.

Die EU-Kommission stehe wegen des Virus in ständigem Kontakt mit den EU-Mitgliedstaaten, sagte Kyriakides. Unter Führung der Kommission tauschten die nationalen Behörden Informationen aus und verständigten sich über Risikobewertungen und mögliche Reaktionsmaßnahmen.

Zwei weitere Fälle in Thailand bestätigt

Auch in Thailand wurden zwei weitere Fälle der Krankheit nachgewiesen. Zwei Patienten wurden diese Woche positiv auf das Virus getestet, wie das Gesundheitsministerium am Mittwoch mitteilte.

Es handelt sich um eine Thailänderin, die von einer Reise aus der chinesischen Stadt Wuhan zurückkehrte. Der andere Patient ist demnach ein Chinese, der Sonntag nach Thailand einreiste.

Damit gibt es in dem südostasiatischen Land vier nachgewiesene Fälle. Darunter war eine chinesische Patientin der erste Fall außerhalb Chinas. Thailands Behörden haben nach Ministeriumsangaben seit Anfang Jänner rund 20.000 Menschen, die mit Flügen aus Wuhan kamen, auf mögliche Symptome wie Fieber kontrolliert.

Weltkarte mit Ländern mit Krankheitsfällen
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Nordkorea schloss Grenzen ausländische Touristen

Zum Schutz gegen die Krankheit schloss das an China angrenzende Nordkorea nach Angaben von Reiseagenturen vorerst seine Grenzen für ausländische Touristen. Das Land lasse von Mittwoch an keine Touristen mehr einreisen, teilten die in China ansässigen Agenturen Young Pioneer Tours und Koryo Tours auf ihren Webseiten mit. Von Nordkorea gab es zunächst keine offizielle Bestätigung.

Das isolierte Nordkorea hatte in der Vergangenheit schon einige Male aus Furcht vor der Einschleppung von Viruskrankheiten, etwa im Fall des SARS-Virus 2003 oder gegen Ebola 2014, vorübergehend seine Grenzen dichtgemacht.

SARS-Virus in anderer Variante

Analysen des Erbguts der neuen Krankheiten haben dem Berliner Virusforscher Christian Drosten zufolge ergeben, dass es sich um eine SARS-Virus-Variante handelt. „Es ist dieselbe Virusart, nur in einer anderen Variante", sagte der Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. Unterschiede gebe es vor allem bei den Proteinen, mit denen das Virus an menschliche Zellen andocke. SARS-Viren gehören zu den Coronaviren, die oft harmlose Erkrankungen wie Erkältungen verursachen. Allerdings gehören auch Erreger gefährlicher Atemwegskrankheiten wie MERS dazu.

Die ersten Infektionen der neuen Krankheit Ende Dezember in China werden mit einem inzwischen geschlossenen Fischmarkt in Wuhan in Verbindung gebracht, auf dem auch Wildtiere verkauft wurden.

Mit der gerade laufenden Reisewelle zum chinesischen Neujahrsfest am kommenden Samstag wächst die Gefahr einer Übertragung des Virus. Bei der größten jährlichen Völkerwanderung sind einige Hundert Millionen Chinesen unterwegs.

Gesundheitsexperten warnten vor besonders ansteckenden Patienten, die das Virus schneller streuen könnten. Fälle der sogenannten „Super-Spreader" hatte es in China auch während der SARS-Pandemie gegeben, der 2002/2003 rund 800 Menschen zum Opfer gefallen waren.

Auch in Seattle ist ein Fall des Virus aufgetreten.
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Erster Fall auch in den USA

Eine erster Krankheitsfall durch den neuen Erreger wurde auch aus den USA gemeldet. Das Virus wurde nahe der Großstadt Seattle im nordwestlichen Bundesstaat Washington bei einem aus China eingereisten Mann nachgewiesen, wie die US-Gesundheitsbehörde CDC mitteile. Der Mann, der in den USA lebt und nach Wuhan gereist war, wurde als Vorsichtsmaßnahme in ein Krankenhaus eingeliefert. Die USA weiten nun ihre Kontrollen an Flughäfen aus.

Auch die chinesische Sonderverwaltungszone Macau meldete einen ersten Fall. Es handle sich um eine 52-jährige Geschäftsfrau aus Wuhan, die mit dem Schnellzug nach Macau gekommen sei, teilte die dortige Gesundheitsbehörde mit. Die Glücksspiel- und Vergnügungsmetropole Macau zieht große Scharen von Besuchern aus Festlandchina an.

Taiwan warnt WHO vor Ausgrenzung des Inselstaats

Nach dem ersten Fall des Virus in Taiwan hat Präsidentin Tsai Ing-wen vor einem Ausschluss des Inselstaates von internationalen Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gewarnt. „Politische Erwägungen sollten nicht über den Schutz der Menschen gehen", warnte Tsai am Mittwoch mit Blick auf China, das Taiwan als abtrünnige Provinz ansieht.

Wegen Drucks aus Peking sieht sich Taiwan von vielen internationalen Institutionen ausgeschlossen. „Ich will die WHO erneut auffordern, Taiwan nicht aus politischen Gründen auszuschließen", sagte Tsai. China rief sie zu einem „offenen und transparenten" Umgang mit dem Ausbruch des neuen Virus auf. Peking müsse alle Informationen dazu "vollständig und sorgfältig" mit Taipeh austauschen.

Taiwan hatte am Dienstag einen ersten Fall des neuartigen Coronavirus gemeldet. Die Regierung forderte die Menschen auf, nicht in die chinesische Stadt Wuhan zu reisen, wo die Krankheit zuerst aufgetreten war.

China sieht Taiwan als abtrünnige Provinz an, die wieder mit der Volksrepublik vereinigt werden soll – notfalls auch mit Gewalt. International ist Taiwan zunehmend isoliert. Nur noch 15 Länder pflegen diplomatische Beziehungen mit Taipeh. Tsai war vor zehn Tagen zur Verärgerung Chinas wiedergewählt worden. Tsai ist eine Unabhängigkeitsverfechterin, die auch die Demokratiebewegung in Hongkong unterstützt.

Seit ihrer ersten Wahl im Jahr 2016 haben sich die Spannungen zwischen Peking und Taipeh verschärft. Seither wird Taiwan von einer zunehmenden Zahl internationaler Organisationen ausgeschlossen. Seit 2017 darf Taiwan auch nicht mehr an der jährlichen Hauptversammlung der WHO teilnehmen. Tsai wirft der Organisation vor, sich dem politischen Druck aus Peking zu beugen. (APA/dpa/Reuters/TT.com)

Coronavirus möglicherweise von Fledermäusen

Das neue Coronavirus (2019-nCoV) ist genetisch zu 80 Prozent mit dem SARS-Virus ident. Möglicherweise stammt es ursprünglich von Fledermäusen und ist von diesen Säugetieren auf den Menschen „übergesprungen". Dies stellten jetzt die Virologen der MedUni Wien fest.

„In kürzester Zeit haben chinesische und internationale Forscher bereits die Gensequenz des Virus bestimmt und öffentlich zugänglich gemacht. Es handelt sich bei dem neuen Erreger um ein Beta-Coronavirus, das genetisch zu über 80 Prozent mit dem SARS Coronavirus übereinstimmt, und das, wie auch andere Coronaviren, möglicherweise von Fledermäusen stammt", schrieb Elisabeth Puchhammer-Stöckl vom Zentrum für Virologie in Wien in der Virusepidemiologischen Information.

Die Familie der Coronaviren umfasse zahlreiche mit einer Hülle umgebene Viren mit einem Genom aus einer Einzelstrang-RNA. Sie seien genetisch sehr variabel und könnten verschiedene Wirtsorganismen befallen. Die häufigsten Coronaviren, die beim Menschen Infektionen und Symptome auslösten, seien das Alphacoronavirus 229E und das Betacoronavirus OC43. Beide könnten harmlos verlaufende Atemwegsinfektionen verursachen, schrieb die Expertin.

Allerdings, wie Elisabeth Puchhammer-Stöckl schrieb: „Gefährlich sind vor allem zoonotische Coronaviren, die auf einmal ihre Artenbarriere überwinden und den Menschen befallen. Dass diese Coronaviren zu den potenziell gefährlichsten Viren für Menschen zählen, ist spätestens seit dem SARS-Coronavirus-Ausbruch in den Jahren 2002/2003 bekannt. Dem SARS-Virus, das seinen Weg ebenfalls in China begann, und bei betroffenen Personen schwere Pneumonien verursachte, fielen weltweit an die 800 Menschen zum Opfer."

Das MERS-Coronavirus hingegen, das seit 2012 bekannt ist, werde vor allem auf der arabischen Halbinsel über Dromedare sporadisch auf Menschen übertragen, und könne bei den Betroffenen ebenfalls lebensbedrohliche Pneumonien verursachen. Die moderne Wissenschaft sei mit ihren Mitteln jedenfalls sehr schnell, meinte die Expertin:

„Der aktuelle nCOV-Ausbruch zeigt nicht nur, wie rasch neue Virusinfektionen den Menschen bedrohen können. Er zeigt auch eindrucksvoll, wie unglaublich schnell und effizient Forscher und Gesundheitsbehörden heute bei Verdacht auf neue Infektionserkrankungen reagieren und wie durch die enge Zusammenarbeit von Speziallabors und Gesundheitsbehörden weltweit eine rasche Diagnostik und Eindämmung neuartiger Infektionen gelingen könnte."


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