75 Jahre Auschwitz-Befreiung: Letzte Überlebende gaben Einblicke

Mehr als 100 Holocaust-Überlebende sind am Donnerstag zur internationalen Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte Yad Vashem gekommen, um von ihren schmerzhaften Erinnerungen zu erzählen.

Juden werden ins Vernichtungslager Auschwitz deportiert. (Archivfoto)
© APA/AFP/Yad Vashem Archives

Von Judith Egger/APA

Jerusalem – 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs leben nur mehr wenige der Zeitzeugen des Holocausts. Die meisten Holocaust-Überlebenden sind mittlerweile weit über 90 Jahre alt. Dennoch sind mehr als hundert von ihnen am Donnerstag zur internationalen Gedenkveranstaltung in der Gedenkstätte Yad Vashem gekommen, um von ihren schmerzhaften Erinnerungen zu erzählen.

Israels Präsident Reuven Rivlin hat beim internationalen Holocaust-Forum in Jerusalem den Staatsgästen aus fast 50 Ländern für die Solidarität mit dem jüdischen Volk gedankt.
© ABIR SULTAN

Die letzten Zeugen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie stehen im Schatten der internationalen Staatsgäste - allen voran der russische Präsident Wladimir Putin, US-Vizepräsident Mike Pence und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron - dennoch geben die zum Teil gebrechlichen, zum Teil überraschend agilen Männer und Frauen den Medienteams aus der ganzen Welt bereitwillig stundenlang Auskunft. So wie der 91-jährige Nahum Rotenberg, der das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau nur „durch Glück“ überlebte, wie er gegenüber der APA erzählt.

An der Rampe des Lagers wurde der damals 15-Jährige aus dem polnischen Lodz von seinem Eltern getrennt, er sah sie nie mehr wieder. „Ich und mein älterer Bruder wurden nach rechts geschickt, mein Vater und meine Mutter nach links“. Die SS-Männer mit ihren Hunden hätten nicht einmal zugelassen, dass er sich von seiner Mutter verabschiedete, erzählt Rotenberg immer noch sichtlich bewegt. Anschließend wurden seine Eltern direkt in die Gaskammern geschickt und er habe noch ihre Schreie gehört. „Sie hatten zu wenig Gas verwendet, deshalb waren sie noch nicht tot, als sie im Krematorium verbrannt wurden.“

Der 92-Jährige spricht Deutsch, das er in seiner Gefangenschaft gelernt hat, und muss nur manchmal nach Worten suchen. Er hatte mehrmals Glück, wie er sagt. Einmal sei er fast wegen eines Stücks Papier, das er gefunden hatte, getötet worden. „Ich wurde von einem Kapo erwischt und sollte am Sonntag am Appellplatz daher vortreten. Normalerweise überlebte die Schläge der Kapos niemand.“ Nach fünf brutalen Schlägen habe der Lagerälteste aber gesagt: „Halt, es ist genug. Und so bin ich am Leben geblieben.“

TT-ePaper testen und eine von 150 Jahres-Vignetten gewinnen

Die Zeitung kostenlos digital abrufen, das Testabo endet nach 4 Wochen automatisch.

Die letzten Zeugen standen im Schatten der internationalen Staatsgäste.

1 von 5

Frankreichs Präsident Emmanuel Macron.

© ABIR SULTAN

Der britische Prinz Charles.

© ABIR SULTAN

>

28 Kilo Körpergewicht bei Kriegsende

Nach einem Monat in Auschwitz wurden er und sein Bruder zur Zwangsarbeit in die Nähe von Hannover gebracht. Die Arbeit in einer Reifenfabrik und einem Steinbruch war hart, zu Essen gab es oft gar nichts. Sein Bruder und sein Cousin starben beide noch während des Krieges, weil sie in den Reifenwerken dem Ruß schutzlos ausgesetzt waren. Er selbst hatte Glück, weil er im Küchendienst eingesetzt wurde und so nicht verhungern musste. Dennoch wog er bei Kriegsende nur mehr 28 Kilo.

Blick auf die Mauern des Konzentrationslagers Auschwitz.
© Lindstrom

Auch heute noch reist der 91-Jährige, der in Tel Aviv lebt, einmal im Jahr nach Deutschland und tritt dort als Zeitzeuge in Schulen und anderen Veranstaltungen auf. Das mache er auch, um an einer Gedenkstelle für seinen getöteten Bruder und seinen Cousin ein Kaddisch-Gebet zu sprechen und eine Kerze anzuzünden, sagt Rotenberg.

Laut dem Yad-Vashem-Direktor Avner Shalev leben noch rund 200.000 Überlebende des Holocaust in Israel. Am Rande der Veranstaltung gab es auch Kritik an der internationalen Großveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Einige Israelis protestierten gegen das kostspielige Treffen und erinnerten an die verarmten Holocaust-Überlebende in Israel. „Stoppt diese ‚Holocaust-Party‘! 100.000 hungrige Holocaust-Überlebende“ hieß es auf einem Banner.

Jerusalem im Ausnahmezustand

Ganz Jerusalem befand sich bereits seit Mittwoch im Ausnahmezustand. Tausende Sicherheitskräfte waren in und um die Stadt im Einsatz und sperrten ganze Straßenzüge, um die Sicherheit der mehr als 40 angereisten Staatsgäste zu gewährleisten. Viele Geschäfte in der Innenstadt blieben daher am Donnerstag ganz geschlossen, der Verkehr war immer wieder lahmgelegt.

Am kommenden Montag, dem 27. Jänner, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen. Das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau gilt weltweit als Symbol für den Holocaust. Nach Schätzungen wurden dort mehr als eine Million Menschen ermordet, zumeist Juden.


Kommentieren


Schlagworte