Auschwitz war in Österreich lange ein Tabuthema

Lange nach Kriegsende war das Thema Auschwitz in Österreich noch völlig tabu. Nur die Opfer aus Österreich wurden beachtet, Täter blieben ausgeblendet. Historiker kritisieren, dass es an einer auf österreichische Fragen fokussierten Auschwitz-Forschung auch 75 Jahre danach noch mangelt.

Die meisten der Opfer wurden nach ihrer Ankunft in Auschwitz-Birkeanu direkt in die Gaskammer getrieben, ohne dass sie namentlich erfasst wurden.
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Auschwitz, Wien – Vor 75 Jahren, am 27. Jänner 1945, hatten sowjetische Truppen das NS-Vernichtungslager Auschwitz erreicht, die letzten Gefangenen befreit – und den Blick der Welt auf ein Menschheitsverbrechen gerichtet, das bis dahin viele nicht für möglich gehalten hatten. Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder, die meisten von ihnen Juden, wurden dort in Gaskammern getötet, erschossen oder durch Zwangsarbeit und Hunger in den Tod getrieben.

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Langsame Aufarbeitung in Österreich

Jahrzehnte später, und am Gedenktag einmal mehr, gilt Auschwitz international als Symbol für den Holocaust. Das war in Österreich nicht immer so, lange war das Thema völlig tabu. Erst langsam begann die Aufarbeitung, lange wurden aber nur die Opfer aus Österreich beachtet, die Täter blieben ausgeblendet. Jahrzehntelang präsentierte sich Österreich in der Gedenkstätte in Auschwitz als „erstes Opfer des Nationalsozialismus".

Historiker kritisieren, dass es an einer auf österreichische Fragen fokussierten Auschwitz-Forschung immer noch mangelt. So ist unklar, wie viele Österreicher überhaupt in Auschwitz ermordet worden sind. In den Sterbebüchern von Auschwitz sind nur etwas mehr als 1.000 Österreicher verzeichnet. Die meisten der Opfer wurden aber nach ihrer Ankunft direkt in die Gaskammer getrieben, ohne dass sie namentlich erfasst wurden.

Direkten Transport gab es nur einen von Österreich aus in das Vernichtungslager: Am 17. Juli 1942 wurden rund 1.000 Menschen aus Wien nach Auschwitz transportiert. Die meisten Opfer aus Österreich wurden aber von anderen Ghettos und Lagern nach Auschwitz gebracht oder aus den von Deutschland besetzen Ländern Europas in das Vernichtungslager deportiert. Es wird geschätzt, dass insgesamt über 11.000 Österreicher in Auschwitz ihren Tod fanden, das sind ein Sechstel aller österreichischen Holocaust-Opfer.

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Auch Auschwitz-Prozess (1963 bis 65) kaum wahrgenommen

Die überwiegende Mehrzahl der in Auschwitz ums Leben gekommenen Österreicher waren Juden, die zweitgrößte Opfergruppe waren Roma und Sinti. Nur sehr wenige Österreicher waren aus politischen Gründen in Auschwitz inhaftiert. Einige davon, wie die Kommunisten Hermann Langbein und Josef Meisel, spielten eine wichtige Rolle im Häftlingswiderstand in der „Kampfgruppe Auschwitz". Unter den Häftlingen befanden sich die österreichische Musikerin Alma Rose, die 1944 starb, oder die Schriftsellerin Ruth Klüger, die als Kind Auschwitz überlebte.

Nach Kriegsende war das Thema lange tabu. Selbst der große Auschwitz-Prozess in Frankfurt 1963-65 wurde kaum wahrgenommen. Bis in die 1950er Jahre wurde Auschwitz in der Öffentlichkeit als Ort des Leidens der politisch Verfolgten und des Widerstandes von Österreichern thematisiert, auch weil die 1958 ins Leben gerufene Lagergemeinschaft Auschwitz deutlich unter kommunistischem Einfluss stand. Die Juden als größte Gruppe der Opfer von Auschwitz standen nicht im Mittelpunkt. Sie wurden unter dem Sammelbegriff „Opfer politischer Verfolgung" eingeordnet.

Erst Anfang der 1960er Jahre – ausgelöst durch den Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem – wurde Auschwitz in der Öffentlichkeit zu einem Thema und bald darauf auch bereits zum Synonym für NS-Verbrechen. Die NS-Vergangenheit blieb aber umstritten. Als erster österreichischer Politiker besuchte Vizekanzler Bruno Pittermann 1962 Auschwitz.

Block 17 der Gedenkstätte Auschwitz.
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Verfahren gegen Täter: Freisprüche und milde Urteile

Auch die gerichtliche Aufarbeitung der Verbrechen in Auschwitz wurde in Österreich wenig intensiv betrieben. In zwei Prozessen wurden 1972 sowohl die Architekten der Gaskammern und Krematorien in Auschwitz-Birkenau, Walter Dejaco und Fritz Ertl, als auch die beiden SS-Unterscharführer und Angehörige der Wachmannschaft des KZ Auschwitz, Otto Graf und Franz Wunsch, freigesprochen. Weitere Verfahren führten zu milden Urteilen, Freisprüchen oder wurden eingestellt.

Auch in der Gedenkstätte Auschwitz selbst, wo jedes Land, aus dem Menschen hier ermordet wurden, in einer der Häftlingsbaracken des Stammlagers eine nationale Ausstellung einrichten konnte, dauerte es lange, bis Österreich diesem Angebot nachkam. 1978 – zum 40. Jahrestag des Anschlusses – wurde im Block 17 des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau die österreichische Gedenkstätte eröffnet. In der Ausstellung, die jahrzehntelang unverändert blieb, präsentierte sich Österreich als „Erstes Opfer des Nationalsozialismus". Auf einem riesigen Bild im Eingangsbereich marschieren Soldatenstiefel über die rot-weiß-rote Karte Österreichs.

Trotz vielfacher Kritik wurde erst 2005, als zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz zahlreiche Staats- und Regierungschefs in der Gedenkstätte erwartet wurden, als Übergangslösung ein Banner mit einem vom Außenministerium akkordierten Text angebracht. „Dieses Geschichtsbild entspricht nicht mehr dem historischen Selbstverständnis des heutigen Österreich", hieß es darauf. 2013 wurden die Schautafeln abmontiert und die Neugestaltung der Ausstellung ausgeschrieben. Ein Jahr später wurde das Team um den Kurator Hannes Sulzenbacher und den wissenschaftlichen Leiter Albert Lichtblau mit dem Projekt beauftragt. Seit September 2019 finden nach Angaben des Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus umfassende Sanierungsarbeiten des Block 17 statt. Mit einer Eröffnung der Ausstellung wird 2021 gerechnet. (TT.com, APA)

Auschwitz und die NS-Vernichtungslager: Eine Chronologie

Die Schaffung von Konzentrationslagern war eine der ersten Taten der Nationalsozialisten nach der Machtergreifung in Deutschland am 30. Jänner 1933. In der Folge wurde die SS zum Alleinherrscher in einem Reich des Terrors und des Todes.

20. März 1933: SS-Chef Himmler lässt in Dachau das erste Konzentrationslager errichten, politische Gegner werden inhaftiert; die SA errichtet eine Reihe „wilder" KZs.

März 1935: Sieben Konzentrationslager mit 7.000 bis 9.000 Häftlingen.

15. September 1935: Hitler verkündet die Nürnberger Rassengesetze.

9. November 1938: Nach der sogenannten „Reichskristallnacht" werden rund 35.000 Juden vorübergehend in KZ zusammengetrieben, die Gesamthäftlingszahl steigt auf rund 60.000.

30. Jänner 1939: Hitler kündigt für den Fall eines Krieges „die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa" an.

Juni 1940: Einrichtung des Stammlagers Auschwitz auf dem Gelände einer k.u.k. Artilleriekaserne.

15. November 1940: In Warschau wird das Ghetto eingerichtet.

23. September 1941: Erste Vergasungsversuche in Auschwitz.

Oktober 1941: Nach dem Angriff auf die Sowjetunion Errichtung des Lagers Birkenau.

Dezember 1941: Vernichtungslager Chelmno nimmt Betrieb auf, bis 1944 werden mindestens 152.000 Juden durch Motorenabgase ermordet

20. Jänner 1942: „Wannseekonferenz" über "Endlösung der Judenfrage".

16. März 1942: Vernichtungslager Belzec nimmt Betrieb auf, Hunderttausende Juden werden vergast; Beginn der "Aktion Reinhard".

Mai 1942: Vernichtungslager Sobibor nimmt Betrieb auf, bis Oktober 1943 werden mehr als 250.000 Juden vergast.

Juni 1942: Beginn der Massenvernichtung von Juden in Auschwitz mit Gas Zyklon B.

23. Juli 1942: Vernichtungslager Treblinka nimmt Betrieb auf, bis zu einem Häftlingsaufstand im Herbst 1943 werden bis zu 800.000 Juden ermordet.

Oktober 1942: Das Lager Majdanek wird mit Gaskammern ausgerüstet, weit über 200.000 Juden sterben, Zehntausende wurden vergast oder erschossen.

März 1943: Krematorien von Auschwitz nehmen Betrieb auf.

19. April 1943: Aufstand im Warschauer Ghetto

11. Juni 1943: SS-Chef Heinrich Himmler befiehlt die "Liquidierung" aller polnischen Ghettos

16. Mai 1944: Beginn der Massendeportation und -vernichtung der ungarischen Juden.

August 1944: „Liquidierung" des „Zigeunerlagers" von Auschwitz.

27. Jänner 1945: Befreiung von Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee; rund 7.000 Häftlinge sind noch im Lager.

April 1945: Die Briten erreichen Bergen-Belsen, die Amerikaner Dachau, die Sowjets Ravensbrück.

8. Mai 1945: Deutschland kapituliert bedingungslos.


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