Essayist und Literaturkritiker Steiner gestorben: Bollwerke gegen die Barbarei

Der amerikanische Literaturwissenschaftler war vor allem wegen seiner analytischen Brillanz und intellektuellen Sprachgewalt bekannt.

George Steiner lebte zuletzt mit seiner Familie in Cambridge.
© AFP/Guay

Innsbruck – „Warum Denken traurig macht“ – so heißt eines der späten Bücher des großen Literaturwissenschafters und Essayisten George Steiner. Genau genommen ist es eher ein Büchlein, ein knapper, kluger Text in großen Lettern – und mit etwas in die Irre führendem Titel: Nicht das Denken sei Auslöser einer – frei nach Schelling – „unzerstörbaren Melancholie“, kann man darin nachlesen, sondern alleiniges Denken, Denken, aus dem nichts wird, kein Bild, kein Bau, keine Erzählungen, kein Gedicht. Steiner selbst hat gelegentlich Gedichte und Erzählungen geschrieben. Doch die hielten seinem eigenen Urteil nicht stand, erschienen ihm schwächlich und fahl – und damit nicht der Rede wert.

George Steiner war ein begnadeter Denker, ein großer Stilist, schonungslos in seinen Analysen, streitbar in seinen Thesen, einer der wenigen, die sich den etwas aus der Mode gekommenen Zusatz „Universalgelehrter“ redlich verdient haben. Auch, weil er sich um Moden, akademische genauso wie jene des Marktes, kaum kümmerte. Ein Kulturpessimist sei er gewesen, sagten Kritiker, ein Elfenbeintürmler und unverbesserlicher Eurozentriker, der zwar in fünf Sprachen dachte und schrieb, aber die Zeichen der Zeit ignorierte. Von der Hand weisen lassen sich diese Vorwürfe nicht. Bloß, im Vergleich mit Wunderwerken aus allen Zeiten, nimmt sich die Gegenwart bisweilen ja wirklich bedrohlich banal und mitunter reichlich blöd aus.

Der ordinäre Mann wirft einen Schatten, auf eine Art und Weise die wir nicht verstehen. Der geniale Mann wirft ein Licht.“
George Steiner

Geboren 1929 als Sohn österreichischer Juden nahe Paris, flüchtete er 1940 in die USA. Dort hat er studiert. In den 1950er-Jahren führte ihn ein Lehrauftrag kurz an die Universität Innsbruck. Später lehrte er Vergleichende Literaturwissenschaft in Genf. Seine Texte lassen sich als Bollwerke gegen die Barbarei lesen – und als tieftraurige Eingeständnisse, dass der Barbarei mit Bollwerken allein kaum beizukommen ist. Sie werden bleiben.

Am Montag ist George Steiner im Alter von 90 Jahren in Cambridge gestorben. (jole)


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