Zahl der Coronafälle in China steigt stark an, Kreuzfahrtschiff unter Quarantäne

Trotz der weitflächigen Quarantäne-Maßnahmen in China ist die Zahl der Todesfälle durch das neuartige Coronavirus erneut deutlich gestiegen. Wie die Behörden in der zentralchinesischen Provinz Hubei am Mittwoch mitteilten, starben dort seit dem Vortag weitere 65 Menschen an den Folgen der Infektion.

Die Zahl der nachgewiesenen Fälle des Coronavirus ist erneut sprunghaft angestiegen.
© AFP PHOTO / ROYAL THAI NAVY

Peking – Die Zahl der nachgewiesenen Infektionen und der Toten durch das neue Coronavirus ist in China erneut schneller gestiegen als in den Tagen zuvor. Bis Mittwoch kletterte die Zahl der Patienten mit der neuen Lungenkrankheit innerhalb eines Tages um 3.887 auf 24.324, wie die Gesundheitskommission in Peking berichtete. Die Zahl der Toten in China stieg auf 490.

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Die neuen Toten waren alle in der schwer betroffenen Provinz Hubei in Zentralchina zu beklagen. Die Gesundheitskommission zählt noch mehr als 23.000 Verdachtsfälle.

Entwicklung der bestätigten Fälle in China und weltweit.
© APA-Grafik

Zehn Infizierte auf Kreuzfahrtschiff

Auf dem Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess", das vor Yokohama in Japan vor Anker liegt, wurden zehn Virusfälle unter Passagieren entdeckt. Die Infizierten wurden ins Krankenhaus gebracht. Das Schiff bleibt vorerst weiter unter Quarantäne. Die 2.666 Passagiere, etwa die Hälfte davon Japaner, sowie 1.045 Crew-Mitglieder sollen für weitere 14 Tage an Bord bleiben, da die Untersuchungen auf den Erreger weitergehen, wie das japanische Gesundheitsministerium mitteilte.

Mehrere Menschen auf einem Kreuzfahrtschiff wurden infiziert. 3700 Passagiere und die Crew müssen jetzt für 14 Tage an Bord in Quarantäne bleiben.
© AFP/Nogi

Mit der Entdeckung der zehn Infizierten von dem Schiff stieg die Zahl der Fälle in Japan auf 33. Außerhalb von Festland-China gibt es in mehr als zwei Dutzend Ländern jetzt mehr als 230 bestätigte Infektionen. In Hongkong und den Philippinen sind zwei Patienten gestorben.

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Die 3700 Passagiere und Crew-Mitglieder sollten für weitere 14 Tage an Bord bleiben, sagte Gesundheitsminister Katsunobu Kato. Die Mehrheit der Testergebnisse stand nach seinen Angaben noch aus. Anlass für die Quarantäne war ein 80-Jähriger aus Hongkong, der am Samstag positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Der Mann sei am 20. Jänner in Tokios Nachbarstadt Yokohama zugestiegen und fünf Tage später in Hongkong von Bord der "Diamond Princess" gegangen, hieß es.

Weiteres Kreuzfahrtschiff mit Infizierten

In Hongkong wurde am Mittwoch ein weiteres Kreuzfahrtschiff mit mehr als 1.800 Passagieren an Bord festgesetzt. Bei drei Menschen, die zwischenzeitlich mit dem Schiff der asiatischen Gesellschaft "Dream Cruises" gereist waren, war das Virus festgestellt worden, teilten chinesische Behörden mit. Drei Mitglieder der Besatzung litten an Fieber, sie wurden in ein Krankenhaus gebracht und dort isoliert, wie die Gesundheitsbehörde des Hafens mitteilte. Die Passagiere mussten den Angaben zufolge an Bord bleiben. Zunächst war unklar, wie lange das Schiff nun in Hongkong bleiben muss.

In China liegt das öffentliche Leben fast brach, viele Länder haben Reisewarnungen für die stark betroffene Region Hubei ausgegeben.
© AFP/Baker

Aus Angst vor dem Virus hat Großbritannien alle Landsleute in China zur Ausreise aufgerufen. "Wir raten britischen Staatsangehörigen, das Land zu verlassen, falls sie können, um ihr Infektionsrisiko zu minimieren", teilte Außenminister Dominic Raab in London mit. In Österreich gibt es derzeit sechs Coronavirus-Verdachtsfälle. Das Gesundheitsministerium gab Mittwochvormittag bekannt, dass drei Fälle in Wien, zwei in Kärnten und einer in Salzburg gemeldet sind. Die sieben am Sonntag aus der chinesischen Provinz Hubei zurückkehrten, symptomfreien Österreicher befinden sich weiterhin in Wien in Quarantäne und zählen nicht zu den Verdachtsfällen.

WHO erhält Unterstützung der Donau-Universität Krems

Im Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie setzt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf Hilfe aus Niederösterreich. Ein Team der Donau-Universität Krems wurde mit der Zusammenfassung von Studien zur neuartigen Lungenkrankheit beauftragt. Die "Rapid Response Team" genannte Notfalleinheit besteht einer Aussendung zufolge aus zehn wissenschaftlichen Mitarbeitern und Studierenden.

Angeführt wird die Truppe von Gerald Gartlehner, dem Leiter des Departments für Evidenzbasierte Medizin und Evaluation an der Kremser Donau-Uni. Als Ziel wurde ausgegeben, der WHO anhand evidenzbasierter Zusammenfassungen von wissenschaftlichen Studien belastbare Fakten und Entscheidungsgrundlagen zu liefern. Verschwörungstheorien und Falschinformationen soll so entgegenwirkt werden. Dabei ist für das Kremser Notfallteam die Zeit ein entscheidender Faktor: Berichte zu Fragen über das Coronavirus sollen gesichtet und binnen 24 Stunden analysiert sowie zusammengefasst werden.

Gartlehner versprach die "bestmögliche Unterstützung" der WHO. "Information für Entscheidungsträger und die Bevölkerung aufzubereiten und zu prüfen ist das Spezialgebiet des Departments und unsere jahrelange Erfahrung macht uns zu Experten auf diesem Gebiet", hielt der Wissenschafter fest.

Die USA und Russland flogen unterdessen weitere Staatsbürger aus der Metropole Wuhan in Zentralchina aus. Nach dem Angriff auf eine Chinesin am Freitag in Berlin hat die dortige chinesische Botschaft die chinesischen Staatsbürger in Deutschland auf sozialen Medien und über die Website Ratschläge für den Fall einer Provokation oder einer Straftat gegeben.

Bei den 78 russischen Passagieren, die kürzlich in ihrer Heimat angekommen sind, sei keine Infektion festgestellt worden, teilte das russische Verteidigungsministerium mit. Sie würden zwei Wochen lang in einem Lager in Sibirien unter Quarantäne gestellt und auf das Virus getestet. Insgesamt will Russland 144 Menschen aus der Provinz Hubei ausfliegen, darunter auch 16 Bürger früherer Sowjetrepubliken. Die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus China will Russland nicht beschränken. Das werde nicht erwogen, sagte Vize-Agrarminister Maxim Uwaydow. Es gebe keinen Hinweis darauf, dass das Virus über Lebensmittel übertragen werden könne.

Hongkong stellt jeden Besucher vom chinesischen Festland für zwei Wochen unter Quarantäne. Das kündigte Carrie Lam, die Regierungschefin der chinesischen Sonderverwaltungszone, an. Außerdem würden zwei Kreuzfahrt-Terminals in Hongkong geschlossen. Die Zahl der bestätigten Infektionsfälle sei auf 21 gestiegen.

Virus vermehrt sich unabhängig von der Lunge

Das Coronavirus kann nach Erkenntnissen deutscher Forschungsinstitute auch von Patienten mit nur sehr milden Krankheitssymptomen übertragen werden. Die Charite in Berlin, die München Klinik Schwabing und das Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr teilten in einer Erklärung mit, dass einige der derzeit in der Klinik Schwabing in München behandelten Patienten auch bei nur schwachen Symptomen Viren in ihrem Nasen-Rachen-Raum zeigten.

Zudem sei festgestellt worden, dass sich das Virus unabhängig von der Lunge auch im Nasen-Rachen-Raum und im Verdauungstrakt vermehrt. Diese Beobachtungen seien deutliche Hinweise für eine Übertragbarkeit bereits bei milder oder beginnender Erkältungssymptomatik wie zum Beispiel Halsschmerzen, einer Nasennebenhöhlen-Infektion oder nur einem leichten Krankheitsgefühl ohne Fieber.

Sicherheitskräfte überprüfen an den Flughäfen die Körpertemperatur und andere Auffälligkeiten bei Passagieren.
© AFP/Celis

Nach Erkenntnissen von Medizinern könne das Coronavirus von schwangeren Frauen auf ihre ungeborenen Kinder übertragen werden, wie der staatliche Fernsehsender CCTV unter Berufung auf Ärzte in der Kinderklinik in Wuhan berichtete. Sie verwiesen auf eine mit dem Virus infizierte Frau, die am 2. Februar ihr Kind zur Welt brachte. Dreißig Stunden später sei das Neugeborene getestet und das Virus bestätigt worden.

Weltbank will globale Wachstumsprognose senken

Wegen der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus will die Weltbank ihre globale Wachstumsprognose für heuer senken. Dies betreffe "mindestens den ersten Teil von 2020" sagte Weltbank-Präsident David Malpass am Dienstag.

Er verwies darauf, dass viele Fluggesellschaften ihre Verbindungen nach China wegen des Virus ausgesetzt haben. "Viele chinesische Güter werden im Bauch von Passagierflugzeugen in den Rest der Welt gebracht." Nun müssten Firmen ihre Lieferketten der neuen Situation anpassen.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO teilte am Mittwoch mit, dass es bisher kein Mittel gegen das Coronavirus gebe. Auf die Frage nach Medienberichten über einen Durchbruch bei der Suche nach einem Gegenmittel sagte ein WHO-Sprecher in Genf, es gebe "keine bekannte wirksame Therapie" gegen das Virus.

Nike befürchtet "erhebliche" Folgen für China-Geschäft

Der weltgrößte Sportartikelhersteller Nike hat vor wesentlichen Einbußen auf dem chinesischen Markt aufgrund des Coronavirus gewarnt. Es sei mit "erheblichen Auswirkungen" auf das China-Geschäft zu rechnen, teilte das US-Unternehmen am Dienstag nach US-Börsenschluss mit.

Nike habe die Hälfte seiner Filialen in Konzernbesitz in dem Land geschlossen und betreibe die restlichen Läden mit eingeschränkten Öffnungszeiten, da weniger Kunden kämen.

Nike-Chef John Donahoe sprach von einer "schwierigen Situation". Anleger reagierten zunächst nervös und ließen die Aktie nachbörslich um über drei Prozent fallen, der Kurs erholte sich allerdings rasch wieder etwas. Der chinesische Markt ist für Nike von enormer Bedeutung, der US-Sportartikel-Gigant ist dort trotz Belastungen durch den Handelsstreit zwischen den USA und China sehr beliebt und erzielte dort zuletzt sein stärkstes Umsatzwachstum.

Größte Evakuierungsaktion der USA seit 1960

Wegen des Coronavirus-Ausbruchs in China haben die USA mehr als 300 weitere Menschen aus der besonders betroffenen Stadt Wuhan ausgeflogen. Zwei Flugzeuge seien am Dienstag (Ortszeit Washington) in der zentralchinesischen Metropole gestartet, teilte das US-Außenministerium mit. Nach Angaben eines Ministeriumsvertreters wurden die Passagiere vor dem Abflug untersucht.

Seit Ausbruch der Epidemie flogen die USA nach Angaben des Ministeriumsvertreters insgesamt 500 Menschen aus China aus. Bereits vergangene Woche startete ein US-Flugzeug in Wuhan, das 195 US-Bürger nach Kalifornien brachte.

Den Angaben zufolge plant die US-Regierung ein bis zwei weitere Evakuierungsflüge am Donnerstag. Danach würden keine weiteren Menschen mehr aus China ausgeflogen. Die ausgeflogenen Passagiere werden in den USA unter verpflichtende Quarantäne gestellt. Es ist das erste Mal seit den 1960er-Jahren, dass die Bundesregierung in Washington eine solche Maßnahme ergreift. (APA/dpa/Reuters/AFP)


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