Anstieg neuer Coronavirusfälle wächst langsamer, erstmals Italiener positiv getestet

Mehr als 30.000 Infektionen mit dem neuen Coronavirus sind bestätigt. Die Zahl der Toten steigt auf 636. Erstmals ist ein Italiener positiv getestet worden. Wie entwickelt sich die Epidemie?

In China werden Zehntausende Menschen auf den Coronavirus getestet.
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Peking, Rom – Der tägliche Anstieg der neu bestätigten Infektionen mit dem Coronavirus in China scheint sich leicht stabilisiert zu haben – ist aber weiter sehr hoch. Die Zahl der Ansteckungen legte bis Freitag erneut um 3143 zu. Damit sind 31.161 Virusfälle bestätigt, wie die Gesundheitskommission in Peking berichtete.

Es war der zweite Tag in Folge, an dem nicht mehr neue Ansteckungen als am Vortag gemeldet wurden. Innerhalb eines Tages starben aber wieder 73 Patienten an der neuartigen Lungenkrankheit – so viele wie am Vortag. Damit sind in China schon 636 Todesfälle zu beklagen.

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Ob mit den neuen Zahlen bereits ein weitergehender Trend bei den Ansteckungen erkennbar ist, scheint offen, da die Statistik auch mit der Zahl der laufenden Untersuchungen schwanken kann. Zudem sind weiter mehr als 26.000 Verdachtsfälle registriert. Der Verlauf der Epidemie ist aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) auch schwer vorherzusagen. Außerhalb der besonders betroffenen Gebiete in Zentralchina scheine die Lage in China im Moment relativ stabil zu sein, sagte WHO-Experte Michael Ryan in Genf.

Erstmals ein Italiener positiv getestet

Zum ersten Mal ist ein Italiener am Coronavirus erkrankt. Der am Montag mit einer Gruppe aus 56 italienischen Studenten und Unternehmern aus der chinesischen Krisenstadt Wuhan zurückgekehrte Mann wurde in Rom positiv auf den Coronavirus getestet, wie die Gesundheitsbehörden in Rom am späten Donnerstag berichteten.

Der Italiener wurde zunächst in einem Militärkomplex in Rom unter Quarantäne gestellt, danach in das auf Infektionskrankheiten spezialisierte römische Krankenhaus Spallanzani eingeliefert. Hier wurde er positiv auf den Coronavirus getestet. Der Patient sei leicht fiebrig, teilten die Gesundheitsbehörden mit.

Im Spallanzani-Spital liegt auch, weiterhin in stationärem Zustand, das chinesische Ehepaar, das vor acht Tagen positiv auf das Coronavirus getestet worden war. Weitere Personen stehen im Krankenhaus unter Beobachtung.

Mehr als 270 Infektionen außerhalb Chinas

In Deutschland gab es am Vortag einen 13. Fall. Allein elf stehen im Zusammenhang mit der bayerischen Firma Webasto, wo sich Mitarbeiter bei einer Kollegin aus China angesteckt hatten. Auch wurden zwei aus China ausgeflogene Rückkehrer positiv getestet. Der jüngste Virennachweis stammt von der 38-jährigen Frau eines der Patienten aus Bayern, wie das bayerische Gesundheitsministerium mitteilte. Auch zwei Kinder des Paares hatten sich angesteckt. Bei dem dritten Kind, einem Säugling, wurde das Virus bisher nicht nachgewiesen.

Außerhalb von Festland-China sind in mehr als zwei Dutzend Ländern mehr als 270 Infektionen und zwei Todesfälle bestätigt. An Bord eines unter Quarantäne gestellten Kreuzfahrtschiffes in Japan wurden weitere 41 Infektionen festgestellt, wie das japanische Gesundheitsministerium bekannt gab. Damit erhöht sich die Zahl auf dem Schiff auf 61. Die Betroffenen werden in Krankenhäuser gebracht. Die übrigen der insgesamt 2666 Passagiere, etwa die Hälfte davon Japaner, sowie 1045 Crew-Mitglieder sollen bis 19. Februar an Bord bleiben.

Art Basel in Hongkong abgesagt

Auch in Hongkong liegt ein Kreuzfahrtschiff mit mehr als 1800 Passagieren und 1800 Crewmitgliedern fest. Bei drei Menschen, die im JaJännerit der "World Dream" gereist waren, war das Virus festgestellt worden. Da das Schiff seither noch dreimal in Hongkong angelegt hatte, wurden weitere 5000 Passagiere aufgefordert, Kontakt mit den Behörden aufzunehmen, wenn sie sich nicht wohlfühlen.

Aus Angst vor dem Virus wurde auch die Art Basel Hong Kong, eine der renommiertesten Kunstmessen Asiens, abgesagt. Der Veranstalter MCH Group begründete die Entscheidung mit verschiedenen Faktoren, die "alle eine Folge der Verbreitung des Coronavirus" seien. Darunter seien die Sorge um die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten und der Besucher sowie die "großen logistischen Herausforderungen" beim Transport der Kunstwerke und beim Aufbau. Die Messe sollte vom 19. bis 21. März in der Hafenmetropole stattfinden.

Tod von chinesischem Whistleblower-Arzt wird untersucht

In China gab es ein prominentes Opfer: Der Augenarzt Li Wenliang, der schon am 30. Dezember vor dem Virus gewarnt hatte, starb am Donnerstagabend. Alle Bemühungen, ihn zu retten, seien vergeblich gewesen, berichtete das Zentrale Hospital von Wuhan. "Wir bedauern es zutiefst und trauern."

Die chinesische Regierung hat nun eine offizielle Untersuchung gestartet. Mit Zustimmung des Zentralkomitees der Partei schickte die staatliche Aufsichtskommission ein Ermittlungsteam nach Wuhan, wie die Behörde am Freitag mitteilte. Der Tod des 34-jährigen Augenarztes hat große Anteilnahme im ganzen Land ausgelöst. Sein Schicksal symbolisiert für viele Chinesen die Folgen der Untätigkeit oder langsamen Reaktion der Behörden auf den Ausbruch.

Bei den Ermittlungen gehe es um Fragen des Volkes zu diesem Geschehen, hieß es. Li Wenliang hatte am 30. Dezember in einer Online-Diskussionsgruppe von Medizinern und Studenten unter Hinweis auf eine wachsende Zahl von mysteriösen Virusfällen in Wuhan vor einer Wiederkehr des Sars-Virus gewarnt, das vor 17 Jahren zu der Pandemie mit 8.000 Infizierten und 774 Toten geführt hatte.

Acht Teilnehmer an der Chatgruppe waren danach von der Polizei wegen der Verbreitung von "Gerüchten" vorgeladen und verwarnt worden. Auch mussten sie unterschreiben, dass sie nichts mehr über den Ausbruch enthüllen. (APA/dpa, TT.com)

Möglicherweise tagelang auf Oberflächen

Coronaviren können sich bei Raumtemperatur bis zu neun Tage lang auf Oberflächen halten und infektiös bleiben. Im Schnitt überleben sie zwischen vier und fünf Tagen, schreibt ein Forschungsteam aus Greifswald und Bochum in Deutschland im Journal of Hospital Infection. Es handelt sich dabei aber um eine Studie vorhandener wissenschaftlicher Literatur, nicht um neuen Untersuchungen zu 2019-nCoV.

"Kälte und hohe Luftfeuchtigkeit steigern ihre Lebensdauer noch", sagte Günter Kampf vom Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Universitätsmedizin Greifswald am Freitag. Da es gegen Coronaviren keine spezifische Therapie gebe, sei die Vorbeugung gegen Ansteckungen wichtig. Wie alle Tröpfcheninfektionen verbreite sich das Virus auch über Hände und Oberflächen, die häufig angegriffen werden. "Im Krankenhaus können das zum Beispiel Türklinken sein, aber auch Klingeln, Nachttische, Bettgestelle und andere Gegenstände im direkten Umfeld von Patienten", erklärte Kampf.

Das alles ist nicht neu. Gemeinsam mit dem Virologen Eike Steinmann von der Ruhr-Universität Bochum hatte Kampf für ein geplantes Fachbuch Erkenntnisse aus Studien über Coronaviren und deren Inaktivierung zusammengestellt. Aufgrund der aktuellen Lage veröffentlichten sie die wissenschaftlichen Fakten aus ihrer Literaturrecherche. Sie nehmen allerdings an, dass ihre Erkenntnisse über andere Coronaviren auf das neue Virus 2019-nCoV übertragbar sind. "Es wurden unterschiedliche Coronaviren untersucht, und die Ergebnisse waren alle ähnlich", erklärte Steinmann.

Zur Desinfektion empfehlen die Forscher Mittel auf der Basis von Alkohol (Ethanol), Wasserstoffperoxid oder Natriumhypochlorit. Wende man diese in richtiger Konzentration an, reduzierten sie die Zahl der infektiösen Coronaviren binnen einer Minute drastisch - von einer Million auf nur noch 100 potenziell krankmachende Partikel. Würden Präparate auf anderer Wirkstoffbasis verwendet, sollten sie zumindest begrenzt gegen Viren wirken. "In der Regel genügt das, um die Gefahr einer Ansteckung deutlich zu reduzieren", meinte Kampf. Andere Forscher hatten zuvor zu häufigerem Händewaschen geraten.


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