100 Tage eingesperrt: „Big Brother" startet heute neue Staffel mit Normalos

14 (noch) Unbekannte werden ab heute 100 Tage lang rund um die Uhr überwacht: „Big Brother“ geht damit zurück zu seinen Wurzeln – und doch mit der Zeit. In der neuen Staffel dürfen sich Zuschauer per App in das Geschehen einmischen. Das sorgt aber auch für einen fahlen Beigeschmack.

Zwölf Singles und zwei Vergebene sind unter den 14 Kandidaten. Die jüngste Bewohnerin ist erst 19, der älteste Bewohner 44 Jahre alt.
© SAT.1/Arya Shirazi

Köln – Das Jahr 2000 ist erst wenige Wochen alt, als Deutschland nur ein Thema kennt: einen Container in Hürth bei Köln. Als „skandalös" kritisiert die Bundesregierung die Show „Big Brother", die dort produziert wird. Manch einer prophezeit den Untergang der Zivilisation, mindestens des guten Geschmacks. Ein Automechaniker namens Zlatko und der redselige Feinblechner Jürgen werden über Nacht zu Stars.

Heute kann man sich kaum noch vorstellen, was der Start des Reality-Formats damals auslöste. Menschen abzuschotten und rund um die Uhr zu überwachen war eine Idee, auf die zuvor noch niemand gekommen war oder kommen wollte. Ein Tabu, vielleicht. Vor allem aber ein riesiger Erfolg. Auch deshalb ist das Konzept nicht tot zu kriegen: Am Montag (10. Februar, 20.15 Uhr) startet eine neue Staffel „Big Brother", vom Sender Sat.1 selbst als „Jubiläumsstaffel der Mutter aller Reality-Shows" beworben. Neben „Promi Big Brother" ist es die 13. Ausgabe – nun also wieder mit Normalos.

Digitales und analoges Leben

Antreten werden 14 Kandidaten, ausgewählt aus 14.000 Bewerbern. Der Container ist mittlerweile Geschichte, es gibt zwei Häuser. Auf der einen Seite steht das sogenannte Blockhaus, ein sehr rustikaler Bau mit der Aura einer Skihütte. Im Garten picken Hühner, es gibt eine Stelle zum Holzhacken. Auf der anderen Seite wurde das sogenannte Glashaus errichtet – eine sehr viel modernere Behausung mit großen Fenstern, Whirlpool, Fitnessraum und gigantischen Leinwänden. Die Idee dahinter: Das Blockhaus steht für die Offline-Welt, das Glashaus dagegen für das digitale Dasein. Es soll ausgetestet werden, welche Wirkung das entsprechende Umfeld auf einen Menschen hat.

So unterschiedlich hausen die Bewohner

1 von 6

... jedoch werden die Bewohner des Blockhauses nicht unmittelbar mit dem Feedback der Zuschauer konfrontiert.

Das Glashaus: Im futuristisch anmutenden Glashaus wirkt das Leben auf den ersten Blick luxuriös und sorglos.

Technische Raffinessen und Gadgets erleichtern den Alltag der Bewohner.

Bewusste Provokation: Menschen per App bewerten

Die Mechanismen des Internets sollen in die Sendung übertragen werden – auch die brachiale Bewertungslogik sozialer Netzwerke. Zuschauer können per App „den Wert der Bewohner" bestimmen – von einem Stern bis zu fünf Sternen. Auch Kommentare können abgegeben werden. Welchen Einfluss das genau haben wird, ist gleichwohl noch geheim. Was jedenfalls feststeht: Wer im Glashaus sitzt, wird von Zuschauern mit den Feedback-Steinen beworfen. Die Blockhaus-Bewohner bleiben davon verschont.

Sat.1 bewirbt die Show dazu passend mit provokativen Slogans wie „Wie viel ein Mensch wert ist, bestimmst du" oder „Jeder Mensch hat einen Wert" – was Kritik hervorrief. Der Sender verteidigte das Konzept mit dem Verweis, „Big Brother" sei schon immer ein „Sozialexperiment" gewesen. Erstmals gebe es nun die Möglichkeit, den Bewohnern per direkter Bewertung ein Feedback zu geben – so, wie es viele Menschen täglich offline und online täten. Geplant ist die Show für 100 Tage.

Gibt es überhaupt noch Tabus?

Moderiert wird „Big Brother“ von Jochen Schropp.
© SAT.1/Julian Essink

Die Aufregung vor dem Start war natürlich nicht vergleichbar mit dem Wirbel um die erste Staffel. Es dürfte auch nicht leicht werden, den Reiz des Formats von damals irgendwie ins Jetzt zu übertragen. Viele Menschen entblättern ihr Privatleben heute ganz freiwillig im Internet. Shows mit Dauer-Überwachung gibt es reihenweise, die Grenzen des Sendbaren haben sich verschoben. Heute wird im deutschen Fernsehen nackt gedatet – wo sollen da noch Tabus schlummern?

Rainer Laux von der Produktionsfirma Endemol Shine Germany ist ein Mann der ersten „Big Brother"-Stunden, er müsste es wissen. „Damals war ,Big Brother' ein noch nie dagewesenes TV-Sozialexperiment", sagt er. Und da wolle man wieder hin. „Dieses Jahr wird ein Teil der Bewohner so leben, als ob es noch kein Instagram und Facebook gäbe, die anderen dürfen und müssen sich mit der Meinung der Zuschauer auseinandersetzen."

Ausnahmezustand wie einst wird aus bleiben

Seine Erinnerungen an den Irrsinn von damals sind aber noch sehr präsent. 10.000 Menschen standen vor dem Container, als Zlatko auszog. Das Auto, das ihn zum Studio fuhr, wurde derart bedrängt, dass es fast ein Totalschaden war. Laux sagt: „Die Stadt Hürth sperrte danach zu jeder Auszugsshow die Stadt weiträumig ab, aber das konnte die Menschenmassen trotzdem kaum abhalten. Wir mussten damals nach jedem Showtag die Gärten und Straßen der Anwohner reinigen lassen." Zumindest das wird sich nicht wiederholen. Die „Big Brother"-Häuser stehen heute im recht kargen Kölner Stadtteil Ossendorf. (APA/dpa)


Kommentieren


Schlagworte