Türkei "neutralisiert" mehr als hundert syrische Soldaten

Bei Bombardements von Syriens Verbündetem Russland wurden Aktivisten zufolge mindestens neun Zivilisten getötet, darunter sechs Kinder.

Von der Türkei unterstützte syrische Kämpfer bei Idlib.
© AAREF WATAD

Damaskus, Istanbul – Als Reaktion auf den Tod von fünf türkischen Soldaten bei einem syrischen Angriff in der umkämpften Region Idlib hat die Türkei nach eigenen Angaben mehr als hundert syrische Soldaten "neutralisiert". "Nach unseren Informationen wurden 101 Angehörige des Regimes neutralisiert", teilte das türkische Verteidigungsministerium am Montag mit.

Zudem seien drei Panzer und zwei Kanonen zerstört sowie ein Hubschrauber getroffen worden. Die Luftangriffe auf syrische Stellungen würden am Abend fortgesetzt.

Die vom Ministerium genannten Zahlen konnten zunächst nicht von unabhängiger Seite überprüft werden.

Zuvor waren bei einem Angriff der syrischen Regierungstruppen in der nordwestsyrischen Region Idlib fünf türkische Soldaten getötet und fünf weitere verletzt worden. Bereits in der vergangenen Woche waren acht Türken durch Angriffe syrischer Regierungstruppen getötet worden. Die Regierung in Ankara hatte im Falle eines erneuten Angriffes mit harter Vergeltung gedroht. Am Montag erklärte das Verteidigungsministerium, Ankara werde "auf entschlossenste Weise" auf jeden neuen Angriff reagieren.

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Al-Assad will ganz Syrien unter Kontrolle bringen

Präsident Bashar al-Assad hatte erklärt, wieder ganz Syrien unter seine Kontrolle bringen zu wollen. In der seit April laufenden Offensive auf Idlib, bei der Assads Truppen durch russische Luftangriffe unterstützt werden, wurden nach UN-Angaben mindestens 1.500 Zivilisten getötet. Hunderttausende Menschen sind auf der Flucht, viele in Richtung türkischer Grenze.

Die Spannungen mit der Türkei, die in Idlib Rebellen unterstützt und zwölf Beobachtungsposten unterhält, wuchsen weiter. Fünf türkische Soldaten wurden am Montag durch Artilleriebeschuss getötet und fünf weitere verletzt, teilte das Verteidigungsministerium in Ankara mit. Der Kommunikationsdirektor von Präsident Recep Tayyip Erdogan schrieb in einem Tweet: "Der Angriff wurde mit Gleichem vergolten. Die feindlichen Ziele wurden umgehend vernichtet, dadurch wurde das Blut unserer Märtyrer nicht ungesühnt gelassen."

Erst vor einer Woche waren unter syrischem Beschuss sieben türkische Soldaten und ein ziviler Mitarbeiter des Militärs getötet worden. Türkische Truppen töteten daraufhin bei einem Vergeltungsangriff mehrere syrische Soldaten. Erdogan stellte Damaskus zudem ein Ultimatum und sagte, dass sich die syrische Armee bis Ende Februar von den türkischen Posten zurückziehen müsse, sonst werde die Türkei die Sache selber in die Hand nehmen.

Türkei bereitet sich auf Gefechte vor

Augenzeugen hatten am Montag berichtet, dass die türkische Armee und die von ihr unterstützte Nationale Befreiungsfront sich auf Kämpfe mit syrischen Truppen vorbereiten. Die Türkei hatte dort zuvor ihre Beobachtungsposten verstärkt und gepanzerte Fahrzeuge, Munition sowie schwere Waffen geliefert. Einem Bericht der Nachrichtenagentur DHA zufolge wurden die Posten mit Panzern und Raketenwerfern verstärkt. Der Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte zufolge wurden in vergangenen Tagen 6.000 türkische Soldaten und 1.400 Fahrzeuge nach Idlib und in die Gegend um Aleppo gebracht.

Eigentlich hatte die Türkei sich mit Russland als Schutzmacht der syrischen Regierung auf eine Deeskalationszone für Idlib geeinigt. Diese Abmachung scheint mit dem zunehmenden Vormarsch der syrischen Armee nichtig, die in der Region eigenen Angaben zufolge zuletzt die Kontrolle über 600 Quadratkilometer zurückgewann. Der Vormarsch hat bei der Türkei, die bereits Millionen syrische Flüchtlinge beherbergt, Besorgnis ausgelöst.

Parallel gab es Ansätze, eine größere Eskalation zu vermeiden. Am Montag sollte eine Delegation aus Moskau zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage mit türkischen Vertretern in Ankara zusammentreffen, um die Lage in Idlib zu diskutieren. Erste Gespräche am Samstag hatten nach Worten von Außenminister Mevlüt Cavusoglu noch keine Einigung gebracht. Gegebenenfalls könnten Kremlchef Wladimir Putin und Präsident Erdogan wieder zusammenkommen, sagte Cavusoglu.

Bei russischen Luftangriffen auf das Dorf Abjan im Nordwesten Syriens wurden mindestens neun Menschen getötet, darunter sechs Kinder, teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit. Die Zahl der Todesopfer werde vermutlich noch steigen. Ein Sprecher der Rettungsorganisation Weißhelme sagte, die meisten Opfer seien Flüchtlinge aus der Gegend um Aleppo. In Afrin explodierte am Montag zudem eine Autobombe. Dabei wurden der Beobachtungsstelle zufolge sechs Menschen getötet und 23 weitere verletzt. (APA, dpa)


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