Prozess um tote 13-Jährige: Eltern müssen fünf Jahre in Haft

Ein Ehepaar lebt mit seinen sieben Kindern nach strengen religiösen Regeln. Auch als eine Tochter schwer krank wird, bleiben sie dabei, ärztliche Hilfe abzulehnen. Das Mädchen stirbt an der chronischen Bauchspeicheldrüsenentzündung. Die Eltern wurden am Mittwoch nicht rechtskräftig zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Prozess wegen Mordes durch Unterlassung gegen die Eltern einer 13-Jährigen am Kremser Landesgericht.
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Krems – Ein 39-Jähriger und seine Ehefrau (35) sind am Mittwochabend in Krems wegen gröblicher Vernachlässigung einer unmündigen Person mit Todesfolge nicht rechtskräftig zu fünf Jahren Haft verurteilt worden. Sie sollen die chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung ihrer 13-Jährigen Tochter nicht behandeln haben lassen. Die Krankheit hatte laut Obduktion den Tod des Mädchens ausgelöst.

Die beiden Hauptfragen nach Mord durch Unterlassung wurden von vier Laienrichtern bejaht und von ebenso vielen verneint. Bei Stimmengleichheit ist ex lege zugunsten der Angeklagten vorzugehen. Alle acht Geschworenen votierten bei den Eventualfragen nach gröblicher Vernachlässigung einer unmündigen Person mit Todesfolge für Ja.

Das Ableben des Kindes am 16. September 2019 hat laut Anklageschrift eine jahrelange Vorgeschichte. Die Beschuldigten – zwei deutsche Staatsbürger – gehören der Glaubensgemeinschaft „Gemeinde Gottes" an. Der 39-Jährige wurde in Usbekistan geboren, seine Partnerin in Kasachstan. Gelebt hat die Familie im Bezirk Krems. Bis auf das letztlich verstorbene Mädchen ließen sie keines ihrer sieben Kinder jemals von einem Arzt untersuchen, zudem besuchte der Nachwuchs weder Kindergarten noch Schule. „Es sind alle abgeschottet im Heimunterricht unterrichtet worden", betonte die Staatsanwältin im Eröffnungsvortrag.

Gesüßten Tee gespritzt

Bereits im Juni 2017 war der Gesundheitszustand des Mädchens kritisch. Sie war stark untergewichtig und wog bei einer Größe von 1,60 Metern nur noch 30 Kilogramm. Erst nach Intervention der Bezirkshauptmannschaft Krems wurde die damals Zehnjährige in das SMZ-Ost in Wien eingeliefert. Dort wurde die chronische Entzündung der Bauchspeicheldrüse – auch Pankreatitis genannt – und ein lebensbedrohlicher Zustand diagnostiziert. Trotz eindringlicher Warnungen der Ärzte unterschrieb der Vater acht Tage später einen Revers, woraufhin das Mädchen in häusliche Pflege übergeben wurde.

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Danach ließen die Eltern das Kind nicht mehr medizinisch behandeln. Die Pankreatitis verschlechterte sich in dieser Zeit laut Staatsanwaltschaft stetig: Das Mädchen hatte starke Schmerzen und konnte nicht mehr essen. Der Anklageschrift zufolge, die Medien vorliegt, bekam das Kind von ihren Eltern gesüßten Tee gespritzt. Lebenswichtige Inselzellen zersetzten sich, dies löste eine Zuckerkrankheit aus.

Kind erwachte nicht mehr aus diabetischem Koma

Mitte September 2019 spitzte sich die gesundheitliche Lage der nunmehr 13-Jährigen zu. Im Beisein seiner Frau erklärte der 39-Jährige am 16. September seiner Tochter angesichts ihres schwachen Allgemeinzustandes laut Anklage, dass sie sterben würde. Am folgenden Tag erwachte die 13-Jährige nicht mehr aus einem diabetischen Koma. Die Eltern sollen das Sterben ihrer Tochter vom Krankenbett aus beobachtet haben.

Die Beschuldigten „haben es unterlassen, einen Arzt zu rufen, was das Leben des Mädchens gerettet hätte", sagte die Staatsanwältin. Eine Handlung sei aus religiösen Gründen unterblieben. Nach Angaben der Vertreterin der Anklagebehörde zogen die Beschuldigten Gebete der gebotenen Alarmierung eines Arztes vor. „Alle Worte der Welt können das nicht ausreichend schildern", befand die Staatsanwältin am Ende ihres Eröffnungsstatements. Ihr Tod, so die Anklage, wäre „bei ärztlicher Intervention mit Sicherheit zu verhindern gewesen".

„Auf Gottes Hilfe vertraut"

Mit gesenkten Köpfen warteten die Eltern am Mittwoch auf den Prozessbeginn.
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Zaid Rauf, der die Angeklagten gemeinsam mit Rudolf Mayer vertritt, hob hervor, dass die Eltern im Augenblick des Sterbens des Mädchens „voller Zuneigung für ihr Kind waren". Sie hätten sich mit dem Tod der 13-Jährigen nicht abgefunden, somit liege auch kein Mord vor. Die Beschuldigten hätten bis zuletzt auf Gottes Hilfe vertraut. Ihr Fehler sei gewesen, der Tochter die Entscheidung über eine Behandlung zu überlassen. Mayer fügte hinzu, dass der Gesundheitszustand der anderen Kinder des Ehepaares bei einer Untersuchung durch die Gemeindeärztin am 18. September 2019 nicht beanstandet worden sei.

Den beiden Elternteilen wurde neben Mord durch Unterlassung auch das Quälen oder Vernachlässigen einer unmündigen Person vorgeworfen – dazu waren die Angeklagten geständig.

Vater vertraut auf "Gott" statt Medizin

Am Mittwochvormittag der beschuldigte Vater der toten 13-Jährigen befragt worden. Der 39-Jährige sprach davon, dass er und seine Ehefrau angesichts des schlechten Gesundheitszutands der Tochter "auf Gott vertraut" und gehofft hätten, "dass Gott ihr hilft".

Er habe am Sonntag (die 13-Jährige starb am darauffolgenden Dienstag, Anm.) angefangen zu fasten und gebetet. Dass das Mädchen sterben könnte, habe er zwar vermutet, dennoch aber immer weiter gehofft. "Wir glauben auch daran, dass Gott Tote auferwecken kann", gab der 39-Jährige Einblick in das religiöse Verständnis der Familie. Die "Gemeinde Gottes", die evangelikale Religionsgemeinschaft, der er und seine Familie angehören, charakterisierte der Angeklagte unter anderem als strikt bibeltreu mit konservativen Moralvorstellungen und dem Glauben an Wunderheilungen.

"Wenn Gott sie nicht heilt, will sie in den Himmel"

Der 13-Jährigen habe er dennoch angeboten, zum Arzt zu fahren, "aber sie wollte nicht. Sie hat ihr Vertrauen auf Gott gesetzt". Die Erkrankte habe gesagt "wenn Gott sie nicht heilt, will sie in den Himmel". Den Willen des Mädchens zu respektieren, sei in der Nachbetrachtung jedoch falsch gewesen, das sei ihm nun "mehr klar". Über Tage hinweg zuzuschauen, wie das eigene Kind stirbt, könne man nur, wenn einem Gott helfe. Wieder so lange nicht handeln würde er jedoch nicht: "Ich habe eine Verpflichtung gegenüber den Kindern."

Generell würden er und seine Frau lieber auf Gott als auf die Medizin setzen, denn: "Gott heilt jede Krankheit". Die meisten Ärzte seien ungläubig und daher keine Diener Gottes. Ins Spital zu gehen, sei ein Zeichen eines schwachen Glaubens. Er selbst sei "nur einmal im Krankenhaus" gewesen. In diesem Fall habe ihn Gott nicht heilen können, antwortete der Beschuldigte auf eine entsprechende Frage der vorsitzenden Richterin.

Mutter erwartete, "dass Gott sie gesund macht"

Die 35 Jahre alte Beschuldigte hat bei ihrer Befragung am Mittwochnachmittag auf die letzten Stunden im Leben ihrer verstorbenen Tochter zurückgeblickt. Aus jetziger Sicht "würde ich einen Arzt anrufen", betonte die deutsche Staatsbürgerin.

In den Stunden vor dem Tod sei die 13-Jährige kaum mehr zum Sprechen fähig gewesen. Wie ihr Ehemann hob auch die 35-Jährige hervor, dass die Tochter ganz klar gegen eine ärztliche Behandlung war. "Ich sehe es jetzt ein, dass es falsch war, ihr die Entscheidung zu übergeben. Aber wir haben ihre Meinung respektiert."

Anstatt einen Notruf abzusetzen, habe sie mit ihrer Tochter gesprochen, sie gestreichelt und intensiv gebetet. "Ich habe erwartet, dass Gott sie gesund macht. Er hat uns immer geholfen – es gab keine Ursache, wieso er nicht helfen sollte." Nun, nach dem Tod der Tochter, sei sie zum Teil enttäuscht von Gott: "Keine Mama möchte doch, dass ihr Kind stirbt", sagte die Deutsche unter Tränen.

Aufs Beten fokussiert statt an Behandlung zu Denken

Medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen, wäre aus religiösen Gründen durchaus in Ordnung gewesen, befand die 35-Jährige. Auch sie selbst sei öfters in Krankenhäusern gewesen und habe ihre Kinder "fast alle im Spital entbunden". Konfrontiert mit dem schlechten Gesundheitszustand ihrer Tochter habe sie über das Krankenhaus aber nicht nachgedacht, sondern sich auf das Beten fokussiert.

Die Ärztin, die die anderen Kinder des Ehepaares nach dem Tod der 13-Jährigen untersucht hatte, erzählte im Zeugenstand von einem Gespräch mit den Beschuldigten. Beiden Deutschen sei mehrere Stunden vor dem Ableben des Mädchens klar gewesen, dass es sterben würde, blickte die Medizinerin zurück.

Wolfgang Denk, der gerichtsmedizinische Sachverständige, ortete einen "dramatischen Verfall" der 13-Jährigen in ihren letzten Lebenstagen. Bei einer Größe von 1,60 Metern habe das Kind nur noch 30 Kilogramm gewogen, "jegliche Fettschicht" habe gefehlt. Gestorben ist das Mädchen dem Gutachter zufolge an einer auf eine chronische Bauchspeicheldrüsenentzündung aufbauenden Zuckerstoffwechselentgleisung. (APA)


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