Route verfolgt: Auch Tiroler Milchkalb landete bei Schlachter im Libanon

Tausende Kälber werden jedes Jahr legal ins österreichische Ausland exportiert. Dass die Jungrinder auch in EU-Drittstaaten landen, kann dabei allerdings nicht ausgeschlossen werden. Recherchen haben gezeigt, dass auch ein Tiroler Milchkalb einen qualvollen Tod im Libanon fand.

In vielen Fällen geht es nach wenigen Monaten der Mast per Schiff weiter zur Schlachtung in den Libanon, nach Israel oder in die Türkei.
© VGT

Innsbruck – Geburt in Österreich, Mast in Spanien und Tod im Libanon: Um Ware gewinnbringend zu verkaufen, ist der fleischverarbeitenden Industrie offenbar kein Weg zu weit. Obwohl der Europäische Gerichtshof 2015 bekräftigt hat, dass der Tierschutz nicht an den Außengrenzen der EU endet, werden nach wie vor Tiere ins EU-Ausland geliefert und dort auf qualvolle Art und Weise erlegt.

Der Verein gegen Tierfabriken (VGT) hat die Route dreier Kälber aus Österreich in den Tod verfolgt und nun das Ergebnis der Recherche veröffentlicht. Demnach wurden die Jungtiere 2018 im Alter zwischen zwei und vier Wochen über die Kälbersammelstelle in Bergheim bei Salzburg zunächst nach Spanien transportiert. Laut VGT finden derartige Transporte jede Woche statt.

Rinder tauchten im Libanon auf

In Spanien – wo die jungen Rinder nach etwa 21 Stunden Transport ohne geeignete Tränksysteme ankamen – begann die Mästung. Allerdings blieben die Tiere danach nicht in dem EU-Land. Im August 2019 tauchten die drei Rinder nach einem zweiwöchigen Transport per Schiff im nördlichen Libanon an der Grenze zu Syrien auf. Die Daten der Ohrmarken belegten, dass sie von Milchwirtschaftsbetrieben in Tirol, Oberösterreich und Vorarlberg stammten.

Aufnahmen der Organisation Animals International belegen, dass die Kälber dort bei vollem Bewusstsein geschlachtet wurden. Bilder zeigen ihren minutenlangen Todeskampf. „Damit die Rinder nicht davonlaufen können, werden ihnen die Beinsehnen durchtrennt. Um sie handlungsunfähig zu machen, wird ihnen in die Augen gestochen. Hierbei wird kein Unterschied zwischen Zucht- und Schlachttier gemacht“, so Gabriel Paun von Animals International.

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📽 Video | Hautnah: Tiertransporte von Österreich in den Libanon

Laut VGT sind dies keine Einzelfälle. Offizielle Daten von Eurostat belegen, dass allein im Jahr 2018 mehr als 160.000 Rinder aus Spanien zum Zweck der Schlachtung und mehr als 35.000 zum Zweck der Weitermast in Drittstaaten exportiert wurden. Die Importländer waren Türkei, Algerien, Libyen, Marokko, Libanon und Ägypten.

Der Verein sieht nun die Politik in der Pflicht. „Wären die Gesetze konsequent eingehalten worden, wären die dokumentierten Tiere gar nicht erst im Libanon gelandet“, so Tobias Giesinger vom VGT. Bereits der Transport der nicht von der Muttermilch entwöhnten Kälber nach Spanien entspreche nicht der EU-Verordnung. Giesinger: „Das muss dringend ein Ende haben! Es darf nicht sein, dass wir die Verantwortung für unsere Tiere an der Grenze abgeben und uns danach nicht mehr darum scheren, was mit ihnen passiert.“ Notwendig sei eine konsequente Systemänderung. Außerdem müsse Österreich die Ursachen auch im eigenen Land suchen und bekämpfen. Der Import von Futtermitteln, der Export von Milchprodukten und das Schicksal der Milchkälber zeige klar, dass sich die kleinbäuerliche Landwirtschaft zu einer globalisierten Industrie entwickelt habe.

📽 Video | Hämmerle (ORF) über Tiertransporte

Der VGT und andere Tierschutzorganistationen wie beispielsweise „Vier Pfoten“ fordern daher eine konsequente Umsetzung der EU-Gesetze. Neben einem Stopp von Lebendtiertransporten in Drittstaaten und einer Begrenzung der Transportzeit auf acht Stunden wird auch ein Verbot des Transports von nicht-entwöhnten Jungtieren gefordert. (TT.com/reh)

Zahlen und Fakten

  • 14.923 Tiertransporte hat es im Jahr 2017 mit dem Ursprungsland Österreich gegeben. Davon waren knapp 27 Millionen Tiere betroffen, wie die Tierschutzorganisation "Vier Pfoten" am Mittwoch basierend auf einer parlamentarischen Anfrage der "Liste JETZT" mitteilte. Die NGO kritisierte vor allem, dass nicht immer auszuschließen ist, dass Tiere letztlich in Drittstaaten landen.
  • Die ZDF-Doku "Tiertransport grenzenlos" des deutschen Autors und Filmemachers Manfred Karremann berichtete unter anderem über schwere Missstände bei Rindertransporten, wobei auch österreichische Tiere betroffen sind. Denn auch Österreich exportiert Zuchtrinder in Drittländer.
  • Von 2008 bis 2018 waren es demnach insgesamt 1.014.721 heimische Tiere, die ins Ausland transportiert wurden. 221.464 davon gingen in Drittstaaten. Die häufigsten Exportländer sind die Türkei (117.151 Tiere), Algerien (38.133), Russland (15.356), Usbekistan (12.675) und Aserbaidschan (9301).
  • In den Jahren 2008 bis 2018 sind den Tierschützern zufolge insgesamt 199.891 Kälber aus Österreich exportiert worden, 1202 davon in Drittstaaten und 198.689 innerhalb der EU.
  • Gerade bei Kälbern ist bekannt, dass immer wieder Transporte von Österreich nach Spanien gehen. Auffällig ist jedoch, dass Spanien gerade in den vergangenen Jahren seine Rolle als Exporteur von Lebendvieh in Drittstaaten stark ausgebaut hat.
  • Von 2016 auf 2017 alleine stiegen die Lebendtiertransporte in Drittländer um knapp 78 Prozent auf fast 120.000 Tiere. Die Hauptdestination ist Libyen, gefolgt vom Libanon, der Türkei und Algerien.
  • Laut EU-Verordnung dürfen Rinder insgesamt 29 Stunden transportiert werden, wobei eine Stunde Pause eingehalten werden muss. Bei Schweinen beträgt die zulässige Transportdauer 24 Stunden. Nach einer Pause von 24 Stunden darf die Maximaldauer aber beliebig oft wiederholt werden. Auch nicht-entwöhnte, also noch säugende Jungtiere dürfen transportiert werden.

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