Handel in Österreich: Imbisse und Billigmode im Vormarsch

Während der klassische filialisierte Einzelhandel in Österreich nur mehr selten expandiert und immer öfter auch Standorte schließt oder verkleinert, suchen viele völlig neue Konzepte die besten Flächen. Bekleidungs-, Lebensmittelhandel und Gastronomie sind nach wie vor am expansivsten.

Gefragt sind vor allem Geschäftslokale in Top-Einkaufsstraßen und Einkaufszentren.
© Rudy de Moor / TT

Wien - Die Zeiten, in denen neue Fachmarktzentren und Shoppingcenter in der Pipeline waren, sind mehr oder weniger Geschichte. „Die Verantwortlichen für die Raumordnung stellen das gerne als ihren Erfolg dar. Es gibt aber schlicht keine Nachfrage in der Projektentwicklung, weil neue Flächen nicht vermietbar sind“, sagt Wolfgang Richter, Geschäftsführer des Standortberaters RegioPlan.

Gefragt seien vor allem Geschäftslokale in Top-Einkaufsstraßen und Einkaufszentren, während in den B-Lagen mit geringerer Kundenfrequenz häufigt gähnende Leere herrscht. Experten schätzen, dass landesweit rund 5000 Geschäftslokale leer stehen.

Ein genauer Blick in die jährliche Erhebung zeigt aber auch, dass Konsumenten nicht immer das kaufen, was sie in Umfragen gerne angeben. Während Umweltschutz, Fridays for Future, der Trend hin zu mehr Bio, Regionalität und veganer Ernährung scheinbar omnipräsent sind, zählt bei der Kaufentscheidung scheinbar weniger das gute Gewissen als der niedrige Preis.

© RegioData

Österreich für internationale Filialisten weiter interessant

Während die klassischen Lebensmitteldiskonter Lidl, Hofer und Penny aktuell ihr Expansionstempo etwas gedrosselt haben, expandieren Vertriebslinien wie Action, Tedi, NKD oder KiK munter weiter. Und diese Diskonter profitieren auch von den über 300 freigewordenen Standorten der letzten Jahre Und diese stehen für "Fast Fashion", billige Mode, die nicht für die Ewigkeit gedacht ist. „Die Öko-Debatten gehen an breiten Bevölkerungsschichten vorbei. Viele müssen aufs Geld schauen, sie wollen oder müssen sich Zwei-Euro-T-Shirts kaufen“, sagt Richter.

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Modeketten reagieren inzwischen darauf und drosseln ihre Flächenexpansion. „C&A hat in Österreich binnen zwei Jahren rund 20 Standorte geschlossen", so Richter. Grund dafür sei – wie bei anderen Textilriesen auch – die steigende Konkurrenz aus dem Internet, die immer größere Teile des Umsatzkuchens für sich beansprucht.

Wertewandel, verändertes Kundenverhalten und Onlineeinkauf verändern die Handelsstandorte, so die RegioData in ihrer Studie. Oft sind es nicht oder noch nicht filialisierte Konzepte, die auf einen speziellen Kundennutzen abzielen: Sei es Yoghurt- oder Müslishops, Vintage-Kleidung, Food-Coops oder Dekostores. Ein ganz großer Trend ist die Kombination von Gastro und Retail. So gibt es Buchhandlungen mit ausführlicher Speisekarte und Lesungen, Fahrradgeschäfte mit Kaffeehausatmosphäre, Friseure mit Whiskydegustation, Restaurants mit sofort kaufbaren Einrichtungsgegenständen, Boutiquen mit nur schwarzer und grauer Kleidung und viele kreativen Ideen mehr. Künftig sei eine Expansion vor allem in den Bereichen Beauty/Fitness – inklusive Botox-to-go, E-Gaming und Virtual Reality-Shops zu rechnen.

Wasser predigen, Wein trinken

Betrachtet man die Entwicklung in der Gastronomie genauer, dann stellt man schnell fest, dass Herr und Frau Österreich sich vielleicht gar nicht so gesund und vegan ernähren wollen, wie sie es in Umfragen häufig angeben. „Es ist schon erstaunlich, dass ausgerechnet jetzt Hamburger-Lokale auf dem Vormarsch sind“, findet Richter. Just in einer Zeit, in der viele den Veggi-Trend heraufbeschwören und Essen scheinbare zur Ersatzreligion geworden ist. Predigten, dass man – wenn überhaupt – eher weißes Fleisch essen sollte, scheint sich auf den Speisetellern nicht so widerzuspiegeln. Gleichzeitig ist in der einst gehypten Vegan-Gastro-Szene deutlich wenig Bewegung als Experten erwartet hätten. Richter: „Viele Anbieter haben schon wieder zugesperrt, andere haben das Expansionstempo gedrosselt.“

Die aktuellen Gastronomietrends sind weiterhin Hamburger, Asia-Food, mexican und vegan – und das alles möglichst emotional aufgeladen. "Das Essen ist billig und man wird satt, darum geht es vielen Konsumenten letztlich auch.“ Freilich auch, weil sie schlicht aufs Geld schauen müssen. (TT.com)


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